Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-08-01 · 31 (1.8.1913) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
31 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316605--57735-3376206
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 31 990 ■ DIE^ELT „Jüdischnational . .. . soll das eine Anklage sein? Nein, es ist nur eine Lüge. Die ungarische Itoistenbewegung (!) steht im schroffen Gegensatz ... zur jüdischnationalen Agitation...“ Wir müssen uns jetzt an die wirkliche Leitung der Ito mit der Frage wenden, ob sie tatsächlich im schroffen Gegensätze zur nationaljüdischen Idee steht oder ob dies nur dem ungarländischen Geschäftsführer als besonderes Vorrecht zugestanden worden ist. Betrachtet sie ihre eigene Organisation tatsächlich als ein „Gegenmittel“ gegen den jüdischnationalen Gedanken? Ist es ihr bekannt, was für eine Persönlichkeit ihre Interessen in Ungarn vertritt, und hat sie gegen diese Art der Vertretung nichts einzuwenden? Ein Lehrstuhl für jüdische und hebräische Literatur an der Madrider Universität Madrid. Die spanische Regierung hat kürzlich den Plan gefaßt, an der hiesigen Universität einen Lehrstuhl für rabbinische Literatur zu errichten. Die von dem Ministerium eingesetzte Kommission, der die namhaftesten Orientalisten angehörten, hat der Regierung vorgeschlagen, ein etatsmäßiges Ordinariat für jüdische und hebräische Literatur in größerem Umfange zu errichten und auf diesen Lehrstuhl den Berliner Orientalisten Dr. A. S. E. Y a h u d a zu berufen. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß dieser Plan der Initiative der spanischen Regierung bzw. der Madrider Universität entsprungen ist. Mr. Carl Stettauer (Von unserem Berichterstatter.) London. Der Tod von Mr. Carl Stettauer ist ein bedeutender Verlust für das englische Judentum. Er bekleidete, eine Anzahl jüdischer Ehrenämter, und war auch im öffentlichen politischen Leben tätig. Der großen jüdischen Welt ist er durch seine Reise nach Rußland im Jahre 1905, die er mit den Herren Dr. Paul Nathan und David Feinberg zur Unterstützung der Pogromopfer unternahm, bekannt geworden. Stettauer stammte aus Fürth in Bayern. Er erreichte ein Alter von 55 Jahren. Politische Glossen p p p p Lin seltsam einheitliches Rauschen lief in der vergangenen Woche durch den deutschen Blätterwald, und wer sich nicht taub stellt, muß unschwer die Weise erkennen und kann sich den Text dazu selber machen. Im „Berliner Tageblatt“ hatte dessen Leipziger Korrespondent einen Artikel über das Deutsche Turnfest veröffentlicht, der ein wenig snobistisch über diese auf alle Fälle grandiose Veranstaltung berichtete und neben manchem guten Wort eine Reihe geschmackloser Bemerkungen enthielt, in denen die biederen Turner etwas lächerlich gemacht wurden. Das ist die nicht sehr aufregende Tatsache, die auch kaum viel beachtet worden wäre, wenn ... ja, wenn der Artikel eben nicht im „Berliner Tageblatt“ gestanden und der Verfasser nicht unglücklicherweise Pinkus geheißen hätte. Das aber brachte die deutschen Mannesseelen zum Kochen, und so wurde der unredigierte Bericht des jugendlichen Herrn Pinkus zu einem politischen „Fall“. Von der „Kölnischen Zeitung“ bis herab zu dem antisemitischen Schmutzblatt des Herrn Bruhn erklang e i n Entrüstungsschrei über diese „jüdische Frechheit“, und die Redaktion des B. T. mußte einen in seiner Kürze maßlos groben Brief der Deutschen Turnerschaft sehr sanft beantworten, sollte der Skandal nicht noch größer werden; sie mußte abbitten, obwohl sie darauf hinweisen konnte, daß christlich-fromme konservative Blätter in sittlicher Entrüstung weit Schlimmeres über die Turner mit dem vierfachen F (Frisch, fromm, fröhlich, frei) auf der Brust geschrieben hatten, als in dem snobistischen Feuilleton des Herrn Pinkus zu lesen war. Aber nichts half. Die Hatz geht weiter gegen das Judenblatt, gegen den Juden Pinkus, den ein Dutzend wehrhafter Jünglinge in einer Leipziger Badeanstalt mannesmutig verhauen haben, und gegen d i e Juden. Nun wären wir die letzten, die das schmöckische Gespött über einfache Landleute, die sich im Großstadttrubel etwas seltsam ausnehmen, billigen würden — wir verurteilen die „schnoddrige Verletzung volkstümlich deutschen Wesens“ (Köln. Ztg.) am schärfsten, schon deshalb, weil wir Juden unter der schnoddrigen Verletzung unseres Wesens ja alle Tage zu leiden haben. Aber die wilde Gier, mit der alles über den einen Pinkus herfiel, muß uns und sollte auch andere bedenklich machen. Das journalistische Zunftinteresse, das der Chefredakteur des B. T. in seinem letzten Montagsleitartikel anruft, und von dem er wünscht, es möge einen „gewissen Teil des Journalismus wenigstens das Lügen verlernen“ lassen, das hat nämlich mit dieser Sache wirklich nichts zu tun. Hier stehen höhere Interessen auf dem Spiel! Ja, hätte ein Herr Alwin Schulze den Bericht geschrieben, und hätte er im „Lokalanzeiger“ gestanden, da hätte man die Sache bedauert und damit Schluß. So aber freut man sich ja darüber — endlich, endlich dürfen auch die sogenannten anständigen Blätter wieder einmal ihre antisemitischen Instinkte entfesseln. Und wie prompt sie’s auch taten, in der Redaktion des B. T. scheint man sich darüber noch nicht ganz klar zu sein, daß diese Querelle allemande doch eine tiefere Bedeutung hat — oder man gibt es nur nicht zu . . . Höhere Notmenschlich begreiflich, daß man ” .. , .. moralisch etwas anrüchige Taten oder Bewendtgkeiten“ schlüsse gem mit einem Zwange entschuldigt, dem man selber zu -unterliegen behauptet, und so wurde ja auch der „Kreuzzug“ gegen die Türkei mit unverhüllter Blasphemie als ein Werk Gottes zur Ausbreitung des Christentums hingestellt. Nun aber immer klarer wurde, daß das Werk dem Himmel nicht gar wohlgefällig gewesen sein konnte, da die Kreuzfahrer sich gegenseitig die Köpfe zerschlugen, und nun die Türkei bei diesem Zwist wenigstens das für sich zu retten sucht, was unzweifelhaft gut türkisch war, da kommt man , ihr wieder mit höheren Gewalten. Schöner als alle Diplomaten hat das der Pariser „Temps“ herausgebracht, der in seinem Leitartikel vom 24. Juli bei den Mächten um Milde für die Türkei bittet und sich dabei folgenden Satz leistet: „Höhere Notwendigkeiten, die unsere Zeit nicht immer zu verstehen vermag, die Macht der slawischen Idee und die des christlichen Gedankens, nehmen dem türkischen Erfolg jede Aussicht auf. Dauerhaftigkeit.“ Deshalb solle man, so sagt das wohlmeinende Blatt, den Türken in etwas nachgeben und die gottgewollte Linie Enos—Midia ein bißchen nach Westen ausbuchten, — den kleinen Betrug wird der liebe Gott der Diplomaten schon nicht merken! — um ihnen die Rückgabe Adrianopels zu erleichtern. Merkwürdig ist dabei nur, wie die „höheren Notwendigkeiten“ jeweils mit den Stimmungen der Diplomatie zusammen kommen und verschwinden. Vor einem Jahre noch forderten weder die slawische Idee noch der christliche Gedanke die Zurückdrängung der Türkei, vielmehr forderte damals der nun bereits legendäre Status quo seine Aufrechterhaltung. Doch das haben wir damals gewiß bloß nicht zu verstehen vermocht. Nun aber wissen wir dank dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.