Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-08-01 · 31 (1.8.1913) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
31 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316605--57733-3376204
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

988 DIE&ELT Nr. 31 noch, daß in der Zeit, als der Versuch seinem Beginn nahe war, im Lande die Form der Gruppen stark propagiert wurde und auch einige solcher Gruppen bereits gewirtschaftet hatten. Die Arbeiterschaft Palästinas sah in der Form der Gruppen die einzige Möglichkeit, die jüdische Proletarierkolonisation zu fördern. In ihr sah sie die Möglichkeit der Hebung der Privatinitiative des jüdischen Arbeiters. Durch diese Form glaubte sie die jüdische Arbeiterschaft auf breitester Basis kolonisieren zu können, den Boden Palästinas am sichersten zu nationalem Besitz zu befestigen. Sie nahm an, daß durch das Verantwortlichkeitsgefühl, das in ihnen durch Uebergabe von nationalem Gut zur eigenen Verwaltung geweckt würde, das Selbstinteresse des Arbeiters mehr gestärkt werde als in den Wirtschaften, in welchen ein Administrator die Verantwortung zu tragen hätte. Weiter — aus psychologischen Gründen — um vom Druck des Administrators befreit zu werden. Als nun Herr Dyk als Leiter der Siedlungsgenossenschaft nach Palästina kam und die praktische Durchführung in Angriff nahm, fand er in der Arbeiterschaft Palästinas aus Gründen der Nichtpopularität des Siedlungsgedankens und aus Tendenzen zur Gruppenbildung kein Entgegenkommen und kein Verständnis für Oppenheimers Sache. Hierzu kam noch, daß die Arbeiterschaft die Entlohnung nach Leistung im Siedlungsgedanken von vornherein bekämpfte und befürchtete, daß, wenn die Führung in die Hand eines Leiters gelegt würde, sie wie in allen Administrationswirtschaften in ihrem freien Willen gestört sein würden, was gleich im Beginn jedes Zusammenarbeiten zerstören muß. Wir hier wissen heute, daß die Arbeiterschaft falsch gedacht und unrichtig gehandelt hat. Erstens überschätzten sie ihr eigenes Können, denn ihnen fehlen die fachtechnischen und organisatorischen Kenntnisse. Zweitens waren sie im Irrtum über die Handhabung der Leitung in der Oppenheimerschen Siedlungsgenossenschaft. Den großen Fehler beging aber die Arbeiterschaft, indem sie die Tragweite eines eventuellen Mißerfolges außer acht ließ, denn mit dem Mißlingen des Versuches fällt nicht nur eine wichtige Kolonisationsfrage in Palästina, sondern der sozial strebenden Menschheit wird ein unendlicher Verlust zugefügt. Herr Dyk fand also kein Arbeitermaterial. Er begann die Wirtschaft und nahm zur Erledigung der laufenden Arbeiten einen jeden sich anbietenden Arbeiter an. (Nebenbei bemerkt, standen Herrn Dyk nur seine drei Schüler und ein palästinensischer Arbeiter zur Seite.) Die Arbeiter, die in der Wirtschaft der S. G. Arbeit annahmen, taten dies aus folgenden Gründen: Erstens zumeist des Verdienstes wegen, zweitens aus Zufall, drittens sagten sich manche: Vielleicht wird doch etwas daraus, was mich für die Sache erwärmen kann. Schuld daran waren also die oben gekennzeichneten Tendenzen unter der palästinensischen Arbeiterschaft einerseits; andererseits beging die Siedlungs-Gesellschaft den großen Fehler, daß sie, bevor Herr Dyk herkam, den Gedanken unter der Arbeiterschaft nicht propagiert und popularisiert hat. Im Laufe des ersten Wirtschaftsjahres gelang es aber doch, etwas vom Siedlungsgedanken einem Teil der Arbeiter der S. G. beizubringen, und als Herr Dyk die ersten zehn Genossen wählen konnte, waren sich bereits die Gewählten der wichtigen Aufgabe bewußt und kooptierten weiter pur solche Kameraden, bei denen sie ein ausgesprochenes Interesse für den Siedlungsgedanken voraussetzten und in denen sie einen treuen Mitkämpfer und Mitarbeiter voraussahen. Bis zum heutigen Tage sind wir auf 16 Mitglieder angewachsen, die wir mit unserer ganzen Kraft den Gedanken der S. G. zu verwirklichen trachten. Unser Streben ist es, aus der freien Arbeiterschaft der S. G. alle übrigen Genossen zu kooptieren, nur müssen wir Vorsicht üben, damit nicht Leute hineinkommen, die etwas anderes erstreben, etwas anderes wollen. Was die innere Organisation anbetrifft, ersehen wir in der Form, wie es Herr Dyk macht, daß er nicht mit fertigen Statuten kommt, sondern durch das Leben unser Programm entstehen läßt, das geeignete System unserer Innenentwicklung. Die Führung, die Erziehung im genossenschaftlichen Geiste hat Herr Dyk dadurch, daß er uns das Recht gegeben hat, uns an der Leitung zu beteiligen, auf die richtige Basis gestellt, und wir berichten, daß Herr Dyk ein Leiter ist, welcher seine Sache gut versteht und sie im Leben durchzuführen weiß. Für die Zukunft wünschen wir, daß Herr Dyk unsere Anteilnahme erweitert. Was uns selbst anbetrifft, so ist es notwendig, daß jeder unserer Genossen es versteht, seine individuellen Schwächen, seine 'persönlichen Eigentümlichkeiten dem Wohle und Gedeihen der Sache, zum Zwecke eines neu zu entstehenden Gemeinwesens, im Interesse eines glücklichen sozialen Zusammenlebens unterzuordnen. — Wir verstehen, daß wir der Führung bedürfen, nur drücken wir den Wunsch aus: Herr Dyk sei mehr Erzieher als Administrator. Aber wir verwahren uns auf das entschiedenste dagegen, daß uns ein Arbeiterbeirat von außen eingestellt wird. Wir brauchen keine speziellen Arbeitervormünder. Wir sind dafür, daß im Aufsichtsrat der S. G. Palästina-Arbeiter vertreten sind, aber sie dürfen sich nicht das Recht nehmen, unsere innere Organisation irgendwie zu beeinflussen; sie sollen nur die Rechte und die Pflichten aller anderen Aufsichtsräte haben. Eine uns ernst beschäftigende Frage ist die Lohnfrage. Wir Mitglieder der S. G. stehen auf dem Standpunkt, daß nicht nur aus Gründen unseres Problems, sondern aus der Praxis heraus die verschiedenen Löhne gerecht sind. Wir bleiben stets dabei, daß die Leistung vergütet werden muß. Obwohl wir der Meinung sind, daß deshalb, weil noch keine Rente aus der Wirtschaft da ist, der Lohn zu hoch sei — sehen wir auch ein, daß es praktisch anders unmöglich ist. Der kleinste Teil unserer Freunde meint, man soll nur den untersten Lohn zahlen, bis Rente kommt — Was den Minimallohn betrifft, so bitten wir Herrn Dr. Oppenheimer um Aufklärung, wie sich dieser in Palästina für jüdische Arbeiter stellen soIL Zur Araberfrage nehmen wir Mitglieder der S. G. folgende Stellung ein: Innerhalb der S. G. sollen nur solche Dinge geschaffen werden, die mit Juden gemacht werden können. Wir sind dagegen, daß bei uns überhaupt arabische Arbeiter beschäftigt werden; sogar aus ökonomischen Gründen, wie Herr Dyk behauptet, sind wir dagegen, weil bei uns Lohn nach Leistung ist. Bei vielen von uns ist dieser Standpunkt reine Gefühlssache, und die Gegner dieses Standpunktes müssen damit rechnen und diese Gefühle nicht ver- Zum Schluß bitten wir noch, Herrn Dr. Oppenheimer zu veranlassen, daß sein Werk „Die Siedlungsgenossenschaft“ ins Hebräische übertragen wird.“ Dann folgen die sämtlichen Unterschriften. Dem jüdischen Volk das den Verhandlungen des XL Kongresses das lebhafteste Interesse enlgegenbringt, wird die tägliche Kongrebausgabe der »WELT" einen authentischen und schnellen Bericht dieser bedeutsamen Tagung bringen. Schon die Tatsache, daß der Kongreß an dem Ort stattfindet, wo Theodor Herzl die Anfänge unserer Organisation schuf und daß die Stadt des XI. Zionisten - Kongresses zugleich ein jüdisches Zentrum mit einer groben, bewußt jüdischen Bevölkerung ist, sichert den Verhandlungen die Teilnahme und das Interesse eines groben jüdischenPublikums. Jeder Zionist muß es sich daher zur Aufgabe machen, die Wirkung des Kongresses durch die weiteste Verbreitung der Kongrebausgabe der „WELT" zu verstärken. Die' Kongrefe-Ausgabe der „Wett"-erscheint während des Kongresses sechsmal und kostet bei freier täglicher Zustellung für Deutschland M. 2.40 — Österreich-Ungarn Kr. 280 — Rußland RbL 1.30 — England sh. 2/10 — Holland Hfl. 1-70 — Vereinigte Staaten Doli. 0.70. fQr alle übrigen Länder Ers. 3.60. Die Abonnenten der „Welt" zahlen die HSlfle. Bestellungengegen Voreinsendung des Betrages (auch in Brieflnarken) richte man an den Verlag „Die Welt“, Berlin W1S, Säduische Strasse 8

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.