Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 31 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316605--57732-3376203- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 31 987 DIE^KELT mus herzuleiten, sondern aus der Ethik des nationalen Bewußtseins, die nach der besten, der würdigsten, der nationalen Lösung der Judenfrage strebt. Als Menschen, als Juden, als Erben unserer Geschichte verschmähen wir den Untergang, der den Mord unserer Persönlichkeit bedeutet, erkämpfen wir die bessere Zukunft unserer Volkes. — Vor jäher restloser Assimilation sind wir für die nächste Zeit geschützt, und die Schwierigkeit des Auflösungsprozesses kann der Beweisführung zugunsten des Zionismus dienen; aber die allmähliche, mit der gedanklichen Rechtfertigung beginnende Assimilation ist auf die Dauer nur durch geistige Mächte niederzuhalten: durch den nationalen Willen, der sich zwar an den Leiden der Gegenwart entzündet, der die materielle und die geistige Judennot zu beseitigen strebt, sich aber nicht der „praktischsten" Lösung der Judenfrage unterwirft (dies wäre vielleicht trotz allem die Assimilation?), sondern im edelsten Streben nach Erlösung der jüdischen Persönlichkeit und des jüdischen Volkes zur Geschichte schaffenden Kraft wird. Dies ist der Sinn der Entscheidung zwischen Assimilation und Zionismus. R. L. IM HEILIGEN LANDE IV. Von Dr. Franz Oppenheimer Die Vorstellung, daß man in einem begrenzten Wirtschaftsgebiete eine Sondergruppe völlig von den wirtschaftlichen Beziehungen zu den anderen Gruppen isolieren könne, ist so töricht wie nur möglich, wenn man nicht etwa den praktisch so gut wie unmöglichen Weg beschreiten will, jede Art des wirtschaftlichen Verkehrs völlig zu unterbinden. Jede Erfahrung im Lande beweist das so schlagend, daß auch die größten chauvinistischen Fanatiker sich der Tatsache nicht mehr lange werden verschließen können. Warum sollen wir Araber nicht einmal vorübergehend beschäftigen? „Damit das jüdische Geld an Juden komme!" Unsinn, Geld zirkuliert, und zirkuliert über die Grenzen des Sprach- und Volkstums hinaus völlig ungehindert. Jüdisches Geld beschäftigt in den Häfen arabische Bootsleute, Verlader, Spediteure und Kaufleute, bezahlt deutsche Arbeiter, die landwirtschaftliche Maschinen, und französische Ziegler, die in Marseille Dachplatten erzeugen, bezahlt arabische Orangenproduzenten usw. usw. Man erzählt, daß ein in einer Kolonie beschäftigter jüdischer Maurermeister, der das ihm durch den verstiegenen Nationalismus, nämlich durch den Ausschluß der arabischen Kollegen, verliehene Monopol recht skrupellos dazu ausgebeutet habe, um unerhörte Preise zu stellen, daß dieser Maurermeister regelmäßig einen beträchtlichen Teil seines Wochenverdienstes nach einer der Hafenstädte getragen habe, um ihn bei gewissen gefälligen arabischen Damen weiter „zirkulieren" zu lassen. Es geht mich nichts an, wie und wofür der Mann sein Geld ausgibt: aber ich möchte die Konsequenzen nicht ziehen, die sich daraus ergeben würden, wenn man darauf bestehen wollte, daß jüdisches Geld grundsätzlich nur in jüdische Hände kommen dürfe. Trotz aller dieser Gründe und Hinweise war es vorläufig nicht möglich, die Arbeiterschaft von Merchawja, auch die genossenschaftliche Gruppe, dazu zu bringen, in der Arbeiterfrage grundsätzlich eine andere Stellung einzunehmen. Doch war es immerhin möglich, wenigstens in einer praktischen Frage, die einer gewissen Komik nicht -entbehrt, ein „Tolerari posse" zu erreichen. Es handelt sich um die Frage des Schafhirten. Das ist ein Geschäft, in dem man aufgewachsen sein muß, und dessen Geheimnisse auch durch den größten Eifer nicht schnell genug erfahren werden können, um die Herde und ihren Besitzer vor schwerem Schaden zu bewahren. Und selbst unter den Kindern der Bauern finden sich immer nur einige Genies, die dieser Aufgabe fähig sind. Ein geborener Städter wird es kaum jemals fertig bekommen, die sämtlichen Individuen einer großen Herde (400—500 Stück) voneinander zu unterscheiden; er sieht eben nur 400—500 Schafsköpfe, die einander völlig gleich sind. Außerdem gehört eine große Menge tierärztlichen Instinktes und spezieller Berufserfahrung dazu; und in Palästina kommt noch eins hinzu: so leicht bringt ein jüdischer Arbeiter, der die Geselligkeit gewöhnt ist, es nicht fertig, Monate und Monate mit keiner anderen Gesellschaft als der der nicht gerade übermäßig intelligenten Tiere in absoluter Einsamkeit zu leben. Ein Idealist unter unseren Arbeitern hatte sich zu dem Posten gemeldet; nach einigen Monaten mußte er sich selbst im Zustande nicht unbedenklicher seelischer Depression dazu entschließen, einen arabischen Nachfolger zu empfehlen, der denn auch unter stillschweigender Duldung der Arbeiterschaft heute seinen Dienst tut. Die .gleichen Fragen beschäftigten nach der allgemeinen Sitzung auch die Sitzung der Arbeitergruppe, die schon Mitglieder der Siedlungsgenossenschaft waren. Ich bemerke im vorhinein, daß diese Genossenschaft zurzeit gegen 50 Arbeiter beschäftigt, von denen ungefähr 35 ständige Beschäftigung haben werden. Die Genossenschaft hatte zur Zeit meiner Anwesenheit aus dieser Zahl erst 17 aufgenommen. Sie legen den größten Wert darauf, eine Elite darzustellen, nur solche Mitglieder aufzunehmen, die durch technische Leistungsfähigkeit und Charakterfestigkeit der Ehre würdig sind, als Pioniere an dem Werke mitzuarbeiten, von dessen Bedeutung für das Volk und vielleicht die Völker sie zum Glück heute schon völlig durchdrungen scheinen. Diese 17 Mitglieder, 16 Männer und 1 Mädchen, das hauptsächlich in der Molkerei beschäftigt ist, versammelten sich nach der allgemeinen Sitzung in der Baracke der Administration, um nun noch einmal im engeren und vertrauteren Kreise über die Dinge zu beraten. Hier bin ich mit meiner Auffassung der Lohnfrage längst durchgedrungen. In bezug auf die Araberfrage sind wir ja, wie ich immer wieder hervorheben muß, in dem Hauptprinzip einig, daß in Merchawja auf die Dauer alle Arbeit von jüdischen Händen gemacht werden soll, für die jüdische Arbeit entsprechender Qualifikation vorhanden ist. Mehr war vorläufig nicht durchzusetzen, aber ich zweifle nicht daran, daß die Logik der Dinge selbst auch in dieser Frage die Beteiligten meiner Auffassung immer näher bringen wird, in dem Maße, wie die Bedürfnisse und Erfahrungen der Praxis die Prinzipien und Phantasmen der Theorie aus den Köpfen verdrängen werden. Die Arbeiter überreichten mir einen Bericht, den ich im folgenden mit ihrer ausdrücklichen Genehmigung der Oeffentlichkeit übergebe. Er lautet: „Es ist nicht leicht, heute dem Interessenten des Oppenheimerschen Siedlungsgedankens zu sagen, ob der Versuch in Merchawia dem nahen Erfolge entgegengeht. Verschiedene vielfache Ursachen sind es, die dem Beginn dieses grandiosen Problems im Wege standen. Eine der wichtigsten Ursachen war, daß der Gedanke einer Oppenheimerschen Siedlungsgesellschaft in Palästina nicht populär war. Dazu kam