Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 31 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 31 986 - D1E3^ELT ASSIMILATION UND ZIONISMUS ln der vorigen Woche erschien an dieser Stelle aus der Feder unseres Dr. Otto Abeies ein Artikel, der die wichtigsten Voraussetzungen des „Kongreßzionismus" kurz und klar präzisiert. Oer äußere Druck, der auf dem jüdischen Volke lastet, drängt zur zionistischen Lösung der Judenfrage; der nationale Wille, der im jüdischen Volke lebendig ist, erstrebt die Renaissance in Palästina; und die Umwelt, mit der wir zu rechnen haben, muß den Zionismus begrüßen, dessen Verwirklichung auch in ihrem Interesse liegt — diese drei Sätze enthalten in der Tat eine allgemeine Begründung des Zionismus, wenngleich die nähere Erläuterung recht verschiedenartige Wege gehen kann. Dafür gibt Abeies in seiner eigenen Darstellung des ersten Satzes ein Beispiel, das näherer Betrachtung wert ist. Er meint, der äußere Druck, all das, was wir als „Judennot" bezeichnen, könne nur dann mit voller Wucht zum Zionismus treiben, wenn keine andere Beseitigung der Judennot möglich sei. Die Alternative „Assimilation oder Zionismus" hält er für falsch. Er erklärt die Assimilation „in absehbarer Zeit“ für unmöglich und sieht in ihrer Unmöglichkeit den stärksten Grund zur Bejahung des Zionismus. Wäre die Assimilation durchführbar, so würde dies seiner Ansicht nach die Kraft des Zionismus lähmen, ja sogar seine Existenzberechtigung in Frage stellen. Das hier angedeutete Problem ist in vieler Hinsicht interessant. Ist wirklich die Judennot der stärkste Antrieb zum Zionismus? Könnte sich wirklich der nationale Wille nicht behaupten, wenn die Judennot sich wesentlich verringerte? Und ist diese Verringerung durch die Assimilation tatsächlich nicht 'zu erreichen? Das sind oft behandelte, recht schwierige Fragen, die mit einer kurzen Formel nicht erledigt werden können. Es will mir scheinen, daß Abeies durch die Knappheit seiner Formulierung Richtiges mit Unrichtigem vermischt und so das Problem verwirrt hat. Seine Behauptungen enthalten viel Wahres, doch müssen sie erläutert und begrenzt werden, damit sie sich nicht in Irrtümer verwandeln. — Die Assimilation ist möglich. Sie ist nicht nur möglich, sondern sie ist eine Tatsache, die im Laufe unserer Geschichte Tausende und Abertausende von Juden aus unserem Volkstum herausgeführt hat und täglich herausführt. Freilich kann die Assimilation der Gesamtheit nicht in kürzester Frist vollendet werden. Wenn es denkbar wäre, das jüdische Volk in einer Generation durch Vermischung mit anderen Völkern aufzulösen — vielleicht hätte Abeies mit seiner Behauptung recht, daß in diesem Falle der Zionismus nicht lebensfähig wäre. Aber wir wissen mit ihm, daß von einer raschen Vollendung des Assimilationsprozesses gar nicht die Rede sein kann. Das jüdische Volk selbst wie die umgebenden Völker erstreben diese jähe Wandlung nicht. Dennoch: ist die Assimilation wirklich unmöglich? Unmöglich in dem Sinne, daß als „einzige Lösung" der Judenfrage der Zionismus übrig bleibt? Ist nicht ein allmählicher Umformungsprozeß des Judentums denkbar, der die völlige Assimilation vorbereitet? Wenn wir uns im Judentum der Gegenwart umsehen, so begegnet uns diese Umformung auf Schritt und Tritt. Nicht nur die tatsächliche Assimilierung Tausender von Juden durch Taufe und Mischehe ist hierbei zu berücksichtigen; wichtiger als die Tatsachen von heute ist die Vorbereitung der Tatsachen von morgen durch die moralische und intellektuelle Rechtfertigung der Assimilation, wie sie im westeuropäischen und amerikanischen Judentum unter Führung zahlreicher Rabbiner betrieben wird. Seit den Tagen der Emanzipation sieht die Majorität des deutschen Judentums in der Assimilation die Lösung der Judenfrage. Wenn dies von den „Offiziellen", den jüdischen Gemeinde- und Vereinsvorständen, bestritten wird, wenn die „Deutschen mosaischer Konfession" jetzt anfangen, von der „Renaissance des Judentums" zu plappern, so sind das doch nur schwache Versuche, der ererbten Anhänglichkeit an die jüdische Gemeinschaft oder der Abneigung gegen die Taufe eine programmatische Begründung zu geben. Zukunftsziele, ernste Bestrebungen zur Erhaltung und Entwicklung der Judenheit und des Judentums bedeuten solche Worte aus solchem Munde nicht. Blicken wir um uns! Nur wir Zionisten haben den ernsten Willen, der Assimilation entgegenzuwirken. Die Massen der osteuropäischen Juden sind wohl heute noch von den Auflösungsbestrebungen weit entfernt, aber die Führer, die Oberschicht, die so überaus zahlreiche Intelligenz wird tatsächlich im Westen wie im Osten zur Entscheidung zwischen Zionismus und Assimilation gedrängt. Das braucht noch nicht die persönliche Assimilation zu sein, aber es ist die gedankliche Vorbereitung auf den Untergang der kommenden Geschlechter. Dies ist die Gefahr: daß die Gebildeten, die Reichen, die Führenden, nach denen sich die Massen richten, das nationale Bewußtsein verlieren und damit an der Auflösung arbeiten. Dies ist die Hoffnung: daß die großen Massen unseres Volkes diesen Führern nicht sogleich zu folgen vermögen, daß sie noch im Judentum beharren, beharren müssen, und daß der immer stärker werdende Zionismus eine neue Führerschaft bedeutet, die das jüdische Volk durch die Aufstellung eigener nationaler Ziele von der Assimilation fern zu halten sucht In Amerika, wo größere jüdische Menschenmengen in neue Existenzbedingungen versetzt wurden, verzehnfachte sich sogleich die assimilatorische Tendenz. Mit der Trennung von den alten Stätten osteuropäischen Judentums zerreißen hundert Bande, die den Juden an seinem Volkstum festhalten, und so sehen wir, wie heute schon zwei Millionen Juden jenseits des großen Wassers vom Fieber des Amerikanismus ergriffen und in raschestem Tempo der Assimilation zugeführt werden— soweit der neue jüdische Nationalismus dem nicht entgegenwirkt. Freilich erweckt dieser Prozeß sogleich innere und äußere Widerstände, die durch den unaufhörlichen Nachschub neuer Ankömmlinge erhöht werden. Aber die Tendenz, die Ideenrichtung, die Zukunftshoffnung ist heute schon für große Teile unseres Volkes die Auflösung, die sich natürlich anfangs hinter jüdischen Werten und Worten verbirgt, um später desto rascher fortzuschreiten. Theoretisch betrachtet ist demnach die Assimilation sehr wohl eine mögliche Lösung der Judenfrage, und die Schwierigkeiten, die ihr heute noch entgegenstehen, sind kein überzeugender Gegengrund für diejenigen Juden, die sich gedanklich mit der Auflösung des Judentums abgefunden haben. Damit sollen auch die Propagandisten des Zionismus rechnen. Ohne Zweifel wird mancher Jude eher für den Zionismus zu gewinnen sein, wenn man ihm vor Augen führt, wie langwierig die Lösung der Judenfrage durch die Assimilation sein müßte. Aber auch unsere Lösung ist keine rasche, auch, wir haben mit langen Entwicklungen zu rechnen. Stärker als das Motiv der Schwierigkeit wirkt in unserer Propaganda das Motiv der Minderwertigkeit der Assimilation. Gewiß sind Judennot und Zionismus miteinander eng verknüpft. Aber nicht aus der mechanischen Unmöglichkeit des Auflösungsprozesses ist die stärkste Begründung des Zionis-