Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 LT 961 mit allgemeineren Zielen, daß die Empfänger sie fortlegen mit dem beruhigenden Bewußtsein, daß es etwas zu berichten gab und daß wohl brav gearbeitet worden sei. — Wir aber möchten, daß das jüdische Hilfswerk für die breitesten jüdischen Schichten mehr sei als ein allgemeines Ziel. Wir sollten brennend interessiert sein an den Zuständen der Gesamtjudenheit, und wenn eine unserer tatkräftigsten Organisationen einen Bericht erstattet, der mehr Anregungen und mehr informatives Material enthält als sehr viel dickere und prätensiösere Judenbücher (die von Jud und Christ recht fleißig gekauft und gelesen werden), so ist es wahrhaftig schade darum, daß im Papierkorb oder im Schrankfach enden soll, was ein Anfang warmen Interesses hätte werden können. Es ist ein großer Unterschied, ob man dem Hilfsverein nur eben seinen Beitrag leistet, weil man seine allgemeine Tendenz billigt (oder wegen der guten Namen in seinen Komitees), — oder aber weil man von der Notwendigkeit seiner Arbeit aus guter Kenntnis der Lage überzeugt ist. Um wieder auf Jerusalem und Palästina zurückzukommen, sei bemerkt, daß der Hilfsverein in Jerusalem allein 15 Kindergärten, Schulen und andere Anstalten unterstützt, sowie 14 Schulen usw. in den übrigen Städten und in einigen der jüdischen Kolonien im Lande. Auch wird mehr und mehr auf die landwirtschaftliche Kolonisation hingezielt und schließlich sei der Anstalten mit Hochschulcharakter gedacht, nämlich des Technikums in Haifa, das im Frühjahr 1914 eröffnet werden soll, sowie der geplanten talmudischen Hochschule in Jerusalem, als deren Anfangsstadium bereits ein Rabbinerkursus in voller Funktion ist. — Alles in allem werden in den Anstalten des Hilfsvereins in Palästina zurzeit an 3000 Schüler und Zöglinge herangebildet. Auch von der „Alliance Israelite Universelle“ ist der Bericht pro 1912 erschienen, und auch für ihn gilt zum Teil das oben über den Hilfsvereinsbericht Gesagte. Zum Teil ergänzen sich die beiden Berichte. So finde ich in dem Kapitel des Alliance-Berichtes über Rußland, daß „von 530 Israeliten, die die Aufnahme in das Polytechnikum in Warschau nachgesucht haben, nur 13 zugelassen worden seien.“ Was könnte stärker für die Errichtung des Technikums in Haifa sprechen! In dem Kapitel über Rumänien ist eine Petition rumänischer Juden an das Parlament in Bukarest abgedruckt. Dieses Dokument ist geeignet, den Patriotismus geknechteter Juden ins rechte Licht zu setzen. Unsere Zentralvereinler fühlen sich bekanntlich in Deutschland nur ein ganz klein wenig zurückgesetzt und meinen, daß man sich darüber durch gesteigerten Patriotismus hinwegsetzen könne. Nach ihrer Ansicht kämen andere Lösungen der Frage allenfalls in den Ländern „wirklicher Unterdrückung“ in Betracht. Nun, die petitionierenden rumänischen Juden (oder jüdischen Rumänen) sind anderer Ansicht. Sie kopieren den Zentralvereinsstandpunkt, daß es uns wie eine beabsichtigte Karikatur vorkommt. (Der Alliance-Bericht sagt freilich: „Unsere Augen füllen sich mit Tränen der Entrüstung und des Mitleids, wenn wir die folgende Petition lesen . . . .“) Es heißt dort: „Wir fragen, was alle diese Maßregeln rechtfertigen kann? Nichts! Was immer wir tun, dient dem Wohle des rumänischen Volkes, mit dem wir uns durch Sprache, Gedanken und Empfindungen eins fühlen. Nur der Glaube unterscheidet uns; aber dieser Unterschied vermindert weder unsere Liebe zu dem rumänischen Volke, noch die Liebe, die dieses Volk in seinem tiefsten Herzen für uns hat*). Warum also diese Hartnäckigkeit? . . . .“ „Im Namen der Gerechtigkeit und um der Größe Rumäniens willen beschwören wir Sie, diese traurigen Anomalien aufzugeben, wir sind keine „schutzlosen Fremden“, wir sind rechtmäßige Kinder dieses Landes und haben das Recht auf seinen Schutz; bestreiten Sie nicht länger unsere Eigenschaft als Rumänen!“ So denken die rumänischen „Zentralvereinler“. Vielleicht sind auch sie der Ansicht, daß die Verweigerung bedingungsloser Liebe und Gefolgschaft nur in Ländern „wirklicher Unterdrückung“ — vielleicht in Marokko — am Platze sei, nicht aber im schönen Rumänien .... Aber das hat mit dem Alliance-Bericht nur indirekt zu tun. Auch diese Publikation enthält Materialien, die einem größeren Kreise wirklicher Leser zugänglich gemacht werden sollten. Besonders wertvoll sind die Nachrichten über die Juden Marokkos. Dort soll nach Sicherung der politischen Ruhe und der Ordnung ein Teil der Juden den ihnen bisher verschlossenen landwirtschaftlichen Berufen zugeführt werden. Schon jetzt sind eine Anzahl marokkanischer Juden in der Ackerbauschule Djedeida bei Tunis untergebracht, wo sie jedenfalls bessere landwirtschaftliche Methoden kennen lernen als die heute noch in Marokko üblichen. Von besonders interessanten Materialien fällt mir in dem Bericht über Kefil, ein armseliges Städtchen in der Nähe Bagdads, eine Sammlung von Legenden und Pilgerbräuchen auf, die auf das Grab unseres Propheten Ezechiel Bezug nehmen. Aber auch von dem Statistischem und Volkskundlichem wäre manches besser unterzubringen als in diesem Bericht. Imposant sind die allgemeinen Ziffern. Die Schülerzahl beträgt heute 46 000, die Zahl der Schulen 170. Von Interesse ist auch, daß vielerorts erst die letzten Jahre den größten Aufschwung gebracht haben. _ Davis Trietsch. *) Eine Seite weiter sagt freilich der Alliance-Bericht: „Sympathische Stimmen in Sachen der Israeliten sind in diesem Lande nicht sehr zahlreich, denn der Judenhaß ist ein Dogma, bei dem die entgegengesetztesten Parteien sich verständigen.“ Der Bericht des Actions - Comites für den XI. Zionistenkongress, enthaltend den Kongressbericht über die Tätigkeit des Actions- Comites, des Nationalfonds, der Landesu. Sonderverbände usw. seit dem X. Kongress erscheint am 18. August 1913 Er ist unentbehrlich zum Verständnis der Kongressverhandlungen und wegen seines umfassenden Inhalts auch nach dem Kongress ein ausgezeichnetes Propagandamittel. Den Delegierten geht der Bericht sofort nach Erscheinen zu und ist im übrigen vom Unterzeichneten Verlag zum Preise von :: Mk. 1,50 zuzüglich der Postspesen (20 Pf. für Deutschland und Oesterreich-Ungarn und|j50 Pf. für das Ausland) gegen Voreinsendung des Betrages. Jüdischer Verlag, Berlin W15.