Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316604--57712-3376182- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 30 DIE30&ELT 960 kein Grund anzunehmen, daß nicht dieselben Veröffentlichungen in jüdischer, englischer, französischer, russischer Sprache diese spezielle Wirkung in vielfachem Umfange ausgeübt hätten. Nicht zu reden davon, daß es ein ganz falsches Bild, auch politisch, erzeugen muß, wenn unsere offiziellen Institutionen nur mit einem bestimmten — dem deutschen — Publikum zu rechnen scheinen. Jeder, der in der zionistischen Aufklärungsarbeit steht, weiß, wie sehr uns Parteiliteratur jeder Art fehlt. Abgesehen von aufklärenden Flugschriften und Broschüren, deren Zweck es ist, einen ersten Eindruck zu erzeugen, zum Nachdenken zu veranlassen, und die daher immer wieder in neuer Gestalt herausgebracht werden müssen, macht sich seit Jahren schon der Mangel an guten theoretischen Werken sehr störend bemerkbar, die frei von jedem agitatorischen Gesichtspunkt ganz sachlich alle in Frage kommenden Punkte behandeln und objektiv darstellen. Das „Zionistische Handbuch“ ist eine der dringendsten Forderungen des Tages, eine gute Darstellung des Prinzips des Nationaljudentums wäre nicht weniger von Bedeutung. Wie stark gerade derartige objektive Darstellungen agitatorisch zu wirken vermögen, ist bekannt. Dazu kommen die Tagesfragen, die immer sofort von und für uns zu behandeln wären. Dem zionistischen Agitator muß immer wieder neues Material in die Hand gegeben werden. Der von den Geschäften des Tages allzusehr in Anspruch genommene Gesinnungsgenosse, der die Zeitschriftendiskussion nicht zu verfolgen vermag, muß immer wieder kurz und prägnant über die aktuellen Dinge aufgeklärt und vor allem auch in die Lage versetzt werden, aufklären zu können. Und wie wir die Kenntnis Palästinas und des Orients zu vertiefen vermöchten, wenn wir nicht immer auf dieselben drei Broschüren und Handbücher angewiesen wären, braucht gewiß nicht erst erläutert zu werden. Eine großzügige, ausgedehnte Verlagstätigkeit muß also entwickelt werden. Broschüren, Flugblätter, Handbücher, Einzeldarstellungen auf allen uns irgendwie berührenden Gebieten müssen erscheinen, dazu kommt das gesamte große Gebiet der Illustrationspropaganda, und alles natürlich in den vielen Sprachen der jüdischen Welt: eine literarische Agitationszentrale ganz großen Umfangs tut uns not. Das kann aber natürlich nicht Aufgabe eines auf Verzinsung angewiesenen Privatunternehmens sein, wie es der Jüdische Verlag ist. Der wird kaum ohne weiteres das Risiko etwa einer englischen Ausgabe von Herzls zionistischen Schriften tragen können, für die doch wahrhaftig die Zeit schon gekommen ist. Es ist nur das Geld, das mangelt. Da haben wir eine große Aufgabe für den Zentralfonds. Etwas ganz Bedeutendes, Weltumspannendes, Weltwirkendes. Eine reiche propagandistische Tätigkeit nach allen Richtungen, unter allen Gesichtspunkten und in allen Sprachen! Eine Aufgabe, die voraussichtlich dem Zentralfonds die Popularität schaffen wird, deren er so dringend bedarf, und der Organisation den weltweiten Erfolg, den sie nicht missen kann. Wer hilft mit? Wer zum Zentralfonds steuert! Hoffen wir, daß es viele sind! rg. Hilfsverein und Alliance Kürzlich ist ein Buch erschienen, das die Judenfrage zum Gegenstände hat. Man kann darin lesen von Not und Hilfe, von Arbeiten und Erfolgen, von Zuständen und Möglichkeiten. Das Buch behandelt unter anderem die Juden in Galizien und den Balkanländem, in Palästina und in Rußland. Es spricht von Auswanderung und wirtschaftlicher Organisation, es enthält interessante Aktenstücke und Statistiken und sogar Illustrationen. Dieses Buch voll wertvollen Materials ist sicherlich in über 20 000 Exemplaren gedruckt worden und an die Angehörigen der jüdischen Oberschicht in Deutschland gelangt. Aber leider ist nicht anzunehmen, daß mehr als etwa ein Prozent das Buch gelesen hat, während neunundneunzig Prozent der Empfänger es ungelesen und ohne jede Absicht späterer Lektüre aus der Hand gelegt haben dürften: es ist nämlich der „elfte Geschäftsbericht des Hilfsvereins der Deutschen Juden“. Schon weil uns hier ein bedeutsames Dokument jüdischen Gemeinschaftssinnes vorliegt, ist es zu beklagen, daß der vielseitige und umfangreiche Bericht so wenig Beachtung findet. Es sollte möglich sein, ihm eine Form zu geben, die mehr zum Lesen reizt und die es wenigstens denkbar erscheinen läßt, daß eine erhebliche Anzahl von Juden — auch außerhalb des engeren, speziell interessierten Kreises — die hier gebotenen Materialien auf sich wirken läßt. Besonders schade ist es um die Nachrichten über den Orient und Palästina.. Ich habe viel überraschend Neues und Interessantes darin gefunden und schließe daraus, daß andere noch sehr viel mehr Ermutigung daraus schöpfen können. Ich will auch gleich vorwegnehmen, daß der auf die Palästinaarbeit bezügliche Teil des Berichtes eine Freudigkeit durchklingen läßt, wie kein anderer Abschnitt des Buches. Kein Wunder, hier wird gebaut, während anderwärts nur geflickt wird, hier blüht neues Leben schon heute, während die anderen Länder der jüdischen Fürsorgetätigkeit die Aufgabe stellen, Bevölkerungen durchzuhalten für bessere Zeiten, die vielleicht kommen werden. Zum geschäftlichen Teil des Berichts nur einige Bemerkungen. Die Jahresbeiträge des Hilfsvereins beliefen sich auf über 170 000 Mark, die einmaligen Beiträge erreichen die doppelte Höhe, der Beitrag der Ica für Zwecke der Auswandererfürsorge war 85 000 Mark, der gesamte Rechnungsabschluß balanzierte mit über 600 000 Mark. Die größten Ziffern im Ausgaben-Konto sind: Palästina (Subventionskonto) 197 000 Mark, Russisches Hilfswerk (sechs Posten, darunter als größter das „allgemeine Auswanderer- Fürsorge-Konto“ mit 168 000 Mark) alles in allem 215 000 Mark, Subventions-Konto für die Balkanstaaten 50 000 Mark. „Fast eine Million Mark“, sagt der Bericht, „mußten wir vom 1. Januar 1912 bis zum Tage unserer Generalversammlung (13. April 1913) aufwenden, um all den Forderungen gerecht zu werden, die die Not unserer Glaubensgenossen im Jahre 1912, das für die Juden des Orients und auch des Ostens ein schweres Katastrophenjahr gewesen ist, uns gestellt hat.“ Und dann kommt ein Satz, den ich aus verschiedenen Gründen hervorheben möchte. Es heißt dort nämlich: „Daß wir in der Lage waren, die großen Opfer zu bringen .... danken wir der nie ermüdenden Opferwilligkeit nicht nur der deutschen Juden, sondern auch der Juden des Auslandes, die treu wie bisher zu unserem Hilfsverein gestanden haben.“ In der Tat haben russische und amerikanische Juden, Juden und jüdische Organisationen aus England und Frankreich und viele andere zu dem Werke beigetragen, so daß nicht nur die Hilfstätigkeit, sondern auch die Herkunft der Gelder eine lange Reihe von Ländern aufweist. Dies aber ist undendlich viel mehr wert, als wenn ein Verein nur deutscher Juden die armen Brüder jenseits der Grenzen unterstützen wollte: in Subjekt und Objekt weht ein kräftiger alljüdischer Wind durch die Blätter des Berichts. Wer ihn freilich nicht liest, wird nichts davon merken, und es ist das Schicksal der Vereinsberichte von Organisationen