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Die Welt · 1913-07-25 · 30 (25.7.1913) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
30 (25.7.1913)
Date
1913-07-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 30 959 Mehr Literatur! Der Titel dieses Aufsatzes soll niemanden abschrecken, der etwa glauben möchte, der Ruf „Weniger Literatur!“ wäre mehr berechtigt. Denn es soll hier gezeigt werden, daß wir in der Tat mehr Literatur brauchen. Nicht Literatur von und für Literaten, nicht artistische Gedankenspielereien, sondern eine in den Forderungen des Tages wurzelnde Literatur, die seinen Bedürfnissen entspricht, und die auch mit dem Tage wieder vergehen mag, um Neuem Platz zu machen. Die zionistische Bewegung ist von Anfang an arm gewesen an guten propagandistischen Schriften. Das großartige publizistische Echo, das der Zionismus gefunden hat, darf darüber nicht hinwegtäuschen, daß die Propagandaliteratur des Zionismus immer geringfügig war und sich bis auf den heutigen Tag auf spärliche Erzeugnisse beschränkte. Insbesondere auch hat die Leitung, das Engere Actions-Gomite, die Behörde also, in deren Aufgabenbereich die Propaganda nicht gerade die unwichtigste Stellung einnimmt oder einnehmen sollte, in den siebzehn Jahren der Organisation knapp ein halbes Dutzend propagandistischer Schriften hinausgehen lassen. Aber auch wenn man das unter der Aegide der Landes- und Sonderverbände erschienene Agitationsmaterial einrechnet, das naturgemäß erheblich zahlreicher und wohl auch bedeutsamer ist als das der Leitung, ist alles miteinander noch herzlich wenig. Fast könnte man annehmen, daß die Vorliebe für die mündliche Debatte zu einer Geringschätzung der literarischen Parteibetätigung geführt hätte, wenn man nicht wüßte, daß die Freude am Schreiben bei uns fast noch größer ist als die am Reden. Tatsächlich kann kein Zweifel darüber obwalten, daß man sich in den Kreisen der Organisation der Bedeutung und der Notwendigkeit einer guten Agitationsliteratur immer sehr wohl bewußt war. Stets wenn auf den großen Tagungen von Agitation die Rede war, hat man auf die Wichtigkeit eines ausreichenden gedruckten Propagandamaterials mit gebührendem Nachdruck hingewiesen. Und auch der Klagen und Beschwerden über den Mangel an solcher Literatur waren nicht wenige. Wenn trotzdem auf diesem Gebiete so wenig produziert wurde, so beruht das einmal zweifellos auf einer Ueberschätzung der Wirkung der Parteipresse, deren wir uns oft schuldig machen. Gewiß sind gutgeleitete Parteizeitungen unumgänglich notwendig, das Bestehende zu erhalten, zu verteidigen, zu sichern. Aber für die Massenpropaganda kommt ein Parteiblatt erst in Betracht, wenn es bereits einen gewissen Stamm von Lesern gewonnen hat, dessen Umfang nicht zu klein sein darf. Die Grundlage jeder Propaganda aber ist und bleibt die Schriften-Agitation, weil eine gut und fesselnd geschriebene Broschüre oder ein anregendes Buch die einzigen Mittel sind, mit denen man an noch gänzlich uninteressierte Kreise herankommen kann. Gegenüber der Riesenaufgabe, die unsere Propaganda hier noch zu leisten hat, den ungeheuren Mitteln, deren sie benötigt, und den zahllosen Möglichkeiten, die noch ganz und gar unausgenützt sind, haben wir noch lächerlich wenig geleistet — wenn auch der absolute Wert und die tatsächlichen Erfolge der getanen Arbeit durchaus nicht herabgesetzt werden sollen. Für die letzten fünf bis zehn Jahre liegt der Grund zur Vernachlässigung wohl wesentlich darin, daß die inneren Kämpfe und Debatten unsere Kräfte, speziell auch die literarischen, allzusehr in Anspruch nahmen und unser Augenmerk zu sehr von der Frage der Beeinflussung der Umwelt und der Verbreitung der Idee ablenkten. Darauf dürfte es auch beruhen, daß Referate über die Themata „Agitation und Propaganda“, sonst Standardthemen der Kongresse, von der Tagesordnung der letzten drei Kongresse verschwunden sind. Inzwischen aber ist ein Umschwung eingetreten. Der vorjährige deutsche Delegiertentag z. B. behandelte die Frage der Propaganda im Anschluß an ein ausgezeichnetes prinzipielles Referat Blumenfelds schon ziemlich eingehend, und die Diskussion darüber ist seitdem kaum mehr zur Ruhe gekommen. Auch in der außerdeutschen Parteipresse mehren sich die Stimmen, die eine energische weitreichende Versorgung der Organisation mit Agitationsschriften verlangen. Ueber die hohe Bedeutung der schriftlichen Propaganda wird man nicht streiten. Es ist kein Zufall, daß dieses Agitationsmittel in dem Arsenal lillllllllllllWüil Die ,Welt“-Abonnenten abonnieren die Kongreß- Ausgabe zum halben Preise, nämlich zu M.1,20, Kr. 1,40, Rbl. 0,65, sh. 1/5, Hfl. 0,85, Doll. 0,35 oder Pres. 1,80, gegen Voreinsendung des Betrages an den Verlag. aller Parteien und Strömungen die erste Rolle spielt. Eine so rührige und großzügige Organisation wie die des „Volksvereins für das katholische Deutschland“ z.B. dessen Arbeit in ihrer systematischen Gründlichkeit ein Vorbild für jede Partei sein kann, läßt fast keine Woche vergehen, ohne daß nicht die eine oder andere Schrift von ihr herausgebracht würde. Tatsächlich hat sie das gesamte Gebiet des öffentlichen Lebens der deutschen Katholiken mit einer Fülle von in Millionenauflagen erscheinenden Schriften aller Art so gründlich beeinflußt, daß schließlich — Rom dagegen protestieren mußte. Unsere Agitations - Literatur ist aber nicht nur sehr spärlich, sie ist auch sehr einseitig. Sie betrachtet die zu behandelnde Frage nur von ganz wenigen bestimmten Gesichtspunkten aus und rechnet offenbar auf ein ganz bestimmtes Publikum. Das ging an, solange der „Zionismus“ eine einzige, einfach umschriebene revolutionäre Forderung war. Je mehr aber das zionistische Axiom ins reale Leben überführt wurde, je größer der Kreis wurde, den wir erfaßten, je mehr der ursprünglich einfache, geschlossene Widerstand sich in eine Menge verschiedenster, wechselnder Widerstände kompliziert hat, desto mehr wird auch die Propaganda wechselnd, auf die jeweils zu beeinflussende Stimmung und die verschiedenen Kreise eingestellt sein müssen. Wenn es nun auch sicher ist, daß wir nicht jeden Juden zum Zionisten machen können oder werden, so müssen wir die Möglichkeit doch voraussetzen. Noch schlimmer als die Geringfügigkeit aber ist die Einsprachigkeit der offiziellen Propagandaliteratur. Von den paar Broschüren, die die Leitung herausgab, erschien mehr als die Hälfte überhaupt nur in deutscher Sprache. Dazu gehört auch, daß die Publikationen des Jüdischen Verlags bisher nur deutsch herausgebracht wurden. Der Jüdische Verlag war zwar kein Parteiverlag, aber er stand uns von Anfang an doch sehr nahe und ist heute eng mit unserer Organisation verknüpft. Tatsache ist jedenfalls, daß die ersten Veröffentlichungen des Jüdischen Verlags eminent zionistisch wirkten. Die Zahl der deutschen oder deutschsprachigen Juden, die auf dem Wege über den „Jüdischen Verlag“ Zionisten wurden, ist gewiß nicht gering. Und es besteht gar

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