Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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958 Nr. 30 DIES^ELT mationsdienst einrichten, den Mitgliedern unentgeltlichen Rechtsbeistand gewähren, ihnen auf dem Gebiete des Reklame- und Insertionswesens behilflich sein, wobei besonderes Gewicht auf öffentliche Anschläge und entsprechende Zeichen auf den Aushängeschildern gelegt werden soll; erforderlichenfalls sollen die Mitglieder auch durch Geldunterstützungen und zinslose Darlehen gefördert werden. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß die polnische Presse die Gesellschaft mit Jubel begrüßt, die berufen sei, „all den Tendenzen, die in letzter Zeit auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Lebens Polens so mächtig hervortraten, die nötige Stabilität und organisatorische Form zu verleihen". Es fehlt also nur noch, daß auch das Ressort für Terror, Pogrom und Brandstiftung offiziell genehmigt wird. In der Praxis haben sie ja dies alles in Hülle und Fülle. Dieser Tage z. B. hatte die Stadt Partschew, Gouvernement Siedlec, einen Pogrom nach echtrussischem Muster. Eine polnische Bäuerin aus einem benachbarten Dorfe hatte ihre zwei Kinder nach der Stadt zur Pockenimpfung mitgebracht. Während der jüdische Chirurg das eine Kind impfte, lief das andere unbemerkt davon und war nicht aufzufinden. Natürlich war gleich der „Ritualmord" zur Hand. Die christlichen Bewohner der Stadt und der umgebenden Dörfer, die sich des Sonntags wegen in der Stadt aufhielten, gingen bald zur „Tat" über. Die jüdischen Häuser und Läden wurden demoliert und geplündert, mehrere Juden wurden verwundet, einige darunter recht schwer. Kurz darauf wurde das Kind gefunden, der Pogrom hörte aber trotzdem nicht sogleich aut, bis schließlich die bewaffnete Macht eingriff, die den Pöbel gewaltsam vertrieb. Massentaufen jüdischer Studenten in Kiew (Von unserem Berichterstatter.) Achtzig jüdische Handelshochschüler, die infolge der Uebernahme der hiesigen Handelshochschule in staatliche Verwaltung vom Besuch der Anstalt ausgeschlossen worden waren, (vgl. Nr. 16 der „Welt" d. J.), sind zur griechisch-orthodoxen Kirche übergetreten und fanden auf diese Weise, da die Prozentnorm ja nur für ungetaufte Juden gilt, wieder Aufnahme in die Anstalt. Jecheskel Krawzow Die jüdische Gemeinde in Warschau ist von einem schweren Schlag betroffen worden. Im Alter von 47 Jahren verstarb der überaus populäre und in allen Schichten der jüdischen Bevölkerung verehrte Herr Jecheskel Krawzow. Durch seine unermüdliche philanthropische Tätigkeit erwarb er sich weit über die Grenzen seiner Heimatstadt hinaus einen unvergeßlichen Namen. Der Verstorbene stand der Palästinaarbeit sehr nahe, und erst vor kurzem spendete er 20000 Frcs. für die Gründung einer hebräischen Bibliothek am Technikum in Haifa. An der Beerdigung, die am 21. Juli in Warschau statttand, beteiligten sich etwa 25 000 Personen. Ehre seinem Andenken! Bezalel-Ausstellungen in Galizien Ende Juni wurde im Magistratsgebäude zu G o r 1 i c e (Galizien), einem Städtchen mit ca. 4000 jüdischen Einwohnern, von Herrn Bernstein, Leiter der Vertriebsgesellschaft „Bezalel" in Krakau, eine Ausstellung der Erzeugnisse der Kunstgewerbeschule „Bezalel" in Jerusalem veranstaltet. Die Ausstellung wurde auch von Christen zahlreich besucht und die ausgestellten Gegenstände fanden, wie aus den ansehnlichen Bestellungen hervorgeht, allgemein großen Anklang. Ernst Schneider (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Der „Fanghund" der Wiener Antisemiten, wie ihn Lueger rühmend bezeichnet^ der Mechaniker Ernst Schneider, ist gestorben. Er war bekanntlich ein blutrünstiger Judenhasser, der anläßlich einer Beratung des niederösterreichischen Landtags über das Jagdgesetz die Einführung eines Judenschußgeldes allen Ernstes beantragte, dem einfältigen Versammlungsspießer beizubringen suchte, daß die jüdischen Aerzte in den Spitälern die kranken Christen sterben lassen, um ihre Leichen zerschneiden zu können, und in Geschäften des Blutmärchens nach Rußland reiste. Viel schädlicher aber als die Pogromlüstemheit Schneiders war die Rückwirkung seiner Demagogie auf das Verantwortlichkeitsgefühl und die moralische Kraft der jüdischen Öffentlichkeit. Seine judenfeindlichen Ekstasen, die jedesmal große Entrüstung hervorriefen, haben nämlich die breite jüdische Öffentlichkeit, vor allem unsere Bourgeosie, immun gemacht gegen die planmäßige Entrechtung, Zurücksetzung, wirtschaftliche Vernichtung der Juden, gegen ihre Behandlung als Staatsbürger zweiter Klasse, und — was unseres Erachtens viel trauriger ist — sie bewirkten, daß jedes freundliche Kopfnicken, jedes gnädige Gönnerlächeln der christlichsozialen Führer mit sklavischer Dankesvemeigung quittiert wurde. Sie protestierten gegen den lächerlichen Antrag Schneiders, man solle sofort alle Juden aus weisen — aber sie wurden blind für die totbringende Erscheinung des schleichenden wirtschaftlichen Boykottes, taub für die judenfeindlichen Gesetzesreferate der Regierung im Parlamente. Sie kreischten auf, wenn der zu spät geborene Inquisitor nahelegte, man möge doch sämtliche Juden mit Schwefelsäure taufen — und waren hoch beglückt, wenn sein Herr und Meister Dr. Karl Lueger am Begräbnisse Sonnenthals teilnahm, oder gar im jovialen Wiener Dialekt die koschere Küche lobte . . . Die Rückwirkung der Schneiderschen Propaganda auf das Verhalten der Juden im politischen und gesellschaftlichen Leben schlug uns schwerere Wunden als seine pathologischen Wutausbrüche, giftigen Beschuldigungen und wahnsinnigen An- Schekel und Wahlen Wir fordern alle Organisationen auf, die Sammlung der Schekel mit aller Energie zu betreiben und wenigstens zum vorläufigen Abschluß zu bringen. Die Schekelbeträge sollen bis zum Montag, den 4. August, beim Zionistischen Zentralbureau in Berlin oder beim Jewish Colonial Trust in London eingegangen sein. Die Landes- und Sonderverbände müssen die Wahlkreiseinteilung in den nächsten Wochen vornehmen. Denn die Wahlen zum XI. Kongreß müssen spätestens in der ersten Hälfte August durchgeführt sein. Am Montag, den 18. August, müssen sämtliche Wahlprotokolle dem Engeren Actions-Comitß vorliegen. Jede Ortsgruppe resp. jeder Verein, der in den beiden letzten Jahren zusammen 400 Schekel abgeliefert hat, hat das Recht, einen Delegierten zum Kongreß zu wählen. Kleinere Ortsgruppen und Vereine werden zu einem Wahlbezirk zusammengelegt, der selbstverständlich für die Jahre 5672—1911/12 und 5673 — 1912/13 zusammen 400 Schekel abgeliefert haben muß. Es ist natürlich gestattet, daß Gesinnungsgenossen, die für das Jahr 5672 — 1911/12 den Schekel zu entrichten versäumt haben, ihn jetzt noch nachträglich für das vorige Jahr entrichten. Das Engere Actions-Comite.