Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 30 DlE^gELT-- =*=■■■■■ 957 Jüdische Opfer des neuen Balkankrieges Konstantinopel. Oer hiesige französische Botschafter erhielt ein Telegramm aus Dedeagatsch, wonach dort bulgarische Soldaten die jüdische, griechische und mohammedanische Bevölkerung angegriffen und ein Blutbad unter ihnen angerichtet Ernste Besorgnisse erweckt hier auch das Schicksal der jüdischen Bevölkerung von C a v a 11 a , wo die Juden seit dem Einzug der Bulgaren viel zu leiden hatten. Die Stadt Serres wurde von den fliehenden Bulgaren in Brand gesteckt. Das jüdische Viertel samt der großen Synagoge wurde ein Raub der Flammen. Ueber 1Ö0 jüdische Familien sind obdachlos. Der Oroßrabbiner von Saloniki, Rabbi Jakob Melr, berief eine außerordentliche Sitzung der dortigen Gemeinde ein, tun sie zur Entsendung einer Kommission nach Serres, Doiran und Strumn i t z a zu veranlassen; die Kommission soll u. a. die Höhe des Schadens feststellen, den die Juden dieser Städte infolge des neuen Kriegs erlitten haben. Aus London wird uns ferner berichtet: Nach einer Depesche des Großrabbiners von Bulgarien, Dr. Ehrenpreis, die dieser Tage hier eintraf, sind mehrere tausend jüdische Familien Bulgariens infolge der neuen Mobilisierung dem größten Elend preisgegeben. Der Großrabbiner appelliert an die jüdischen Hilfsgesellschaften Westeuropas, die begonnene Hilfsaktion fortzusetzen. Der Hilfsverein der deutschen Juden teilt mit: Für die am schwersten betroffene Gemeinde in Serres mit 1800 Juden, wo beim Rückzug der Bulgaren fast der Stadt eingeäschert wurden, darunter der ganze Markt und 117 jüdische Häuser mit Synagoge und Schule, sind durch das in Saloniki eingesetzte Komitee Nahrungsmittel, Kleidung und Decken geliefert worden. So schwer der materielle Schaden ist, den unsere Glaubensgenossen hier wiederum erlitten haben, so ist es doch ein Trost, daß das Leben der Juden, soweit bisher bekannt ist, geschont worden ist. Unter Mitwirkung der griechischen Behörden werden Kommissionen aus Saloniki die Stätten der neuen Kriegsgreuel besuchen und das Hilfswerk organisieren. Massenaaswanderung der Juden aus Saloniki Aus Saloniki wird uns geschrieben: Da nunmehr wohl feststeht, daß Saloniki griechisch bleibt, und weite Kreise der hiesigen jüdischen Bewohnerschaft zu den neuen Herren der Stadt kein Vertrauen fassen können, haben zahlreiche jüdische Familien, namentlich aus dem Kaufmannsstande, beschlossen, nach Konstantinopel, Smyrna, Kleinasien und Palästina auszuwandern. Ueber 200 jüdische Familien haben sich bereits nach Konstantinopel begeben. Der Auszug so vieler wohlhabender Bewohner bedeutet eine schwere Schädigung für das Wirtschaftsleben der Stadt. Am 29. Juni kamen bulgarische Banden nach G u r g u e 1 i und verbreiteten in der ganzen Stadt Schrecken. In dem in einer Schule errichteten serbischen Hospital befanden sich 70 Kranke und 84 Wärter. Der Direktor des Hospitals, ein serbischer Militärarzt, fürchtete ermordet zu werden, ließ die Kranken einfach im Stich und ergriff die Flucht. Dr. Moritz Bouly, ein Jude, der an der Spitze einer Heilanstalt für Lungenkranke steht, eilte nach dem seines Leiters beraubten Hospital und übernahm die Leitung in einem Augenblick ernster Gefahr. Die Bandenführer kamen auch bald und blockierten das Hospital, das sich ergeben mußte. Die Bande plünderte, was sie finden konnte, u. a. 50 Kühe, 24 Wagen usw.; aber es gelang ihnen nicht, eine Summe von 6000 Dinars aufzufinden, die sich in der Hospitalkasse befand und die Dr. Bouly verborgen hatte. Dagegen mißhandelten sie den Arzt, beraubten ihn seiner Uhr und seiner Kleidungsstücke und ließen ihn in einem unsagbaren Zustand zurück. Nur mit großer Mühe gelang es Dr. Bouly, seine Kranken vor der Wut der Komitatschis zu schützen, und als ein bulgarischer Offizier kurz darauf erschien, bat ei ihn, zum Schutze des Hospitals zu intervenieren. Das tapfere Verhalten des jüdischen Arztes erregte Bewunderung in allen Bevölkerungskreisen. Ausdehnung der Boykotthetze in Russisch-Polen Neue Brandstiftungen — Eine geplante Interpellation — Der Bericht des Warschauer General-Gouverneurs — Die offiziell genehmigte Boykottorganisation — Der Pogrom in Partschew (Von unserem Berichterstatter.) Warschau. im Dorfe N o w i n y , Gouvernement K i e 1 c e , haben fanatisierte Boykotthelden in der Nacht auf den 18. Juli das Haus des Juden L e w k o w i t s c h von allen Seiten zugleich in Brand gesetzt. Lewkowitsch und seine Frau waren gerade in dieser Nacht abwesend und in der Wohnung befanden sich ihre vier Kinder, ferner ein Bruder des Lewkowitsch mit Frau und Sohn. Die Eheleute Lewkowitsch hatten noch gerade Zeit, die vier Kinder des abwesenden Bruders zu retten; als sie dann in das brennende Haus zurückeilten, um ihren Sohn zu retten, war es bereits zu spät: sie und ihr Sohn kamen in den Flammen um. Die Herren Swientochowsk y, Niemojevvsky und Konsorten dürfen sich zu diesem neuesten Erfolg ihrer patriotischen Boykottagitation beglückwünschen. Die jüdische Presse erörtert zurzeit die Frage, ob es nich* an der Zeit wäre, in der Duma eine Interpellation übedie Ausschreitungen der Boykotthetzer einzubringen. Bereite vor mehreren Monaten wurde die Interpellationsfrage angeschnitten, damals wurde aber aus taktischen Gründen Abstand davon genommen. Nunmehr wird man sich aber wahrscheinlich doch zu dieser Flucht in die Oeffentlichkeit entschließen müssen. Die Ausschreitungen haben übrigens endlich die Aufmerksamkeit des Herrn Ministers des Innern auf sich gelenkt. Herr Maklakow ersuchte den Warschauer General-Gouverneur um nähere Auskunft über die Brandstiftungen zu Pont - new, Sosnowitz und M o d r z e i e w. Der General- Gouverneur bestätigte die Tatsache der Brandstiftungen, bestritt aber den unmittelbaren Zusammenhang derselben mit der Boykotthetze. Unter dem wohlwollenden Schutz der „höheren Macht" werden also die tapferen polnischen Nationalisten ihr barbarisches Werk ruhig fortsetzen können. Unter dem anspruchslosen Namen „Gesellschaft zur Förderung des Gewerbes, des Handwerks und des Handels“ wurde übrigens dieser Tage die bisher illegale Boykottorganisation offiziell genehmigt. Unter der bewährten Leitung des Redakteurs des berüchtigten Boykottblättchens „Dwa Grosze" wird die verheißungsvolle Organisation von nun an ungehindert und in aller Oeffentlichkeit wirken können. Als ihren Zweck gibt sie in den genehmigten Statuten an, „die Entwicklung des Gewerbes, des Handwerks und des Handels unter der christlichen Bevölkerung des Gebietes; die gegenseitige Hilfe der Mitglieder usw." Zu diesem Behufe wird die Gesellschaft einen weitverzweigten Infor-