Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 30 - DIE3§KLT 956 wohlverstandenem wirtschaftlichen Egoismus. Es gibt ein nationalökonomisches Hauptgesetz, dessen Ausarbeitung wir vor allem Carey und Friedrich List verdanken : das Gesetz der Bodenkapazität. Es besagt klipp und klar, daß der durchschnittliche Wohlstand und die durchschnittliche Kultur eines Landes um so größer ist, je mehr Menschen auf der Fläche zusammen siedeln. Um so kleiner ist auch für den Ackerbauern die Anbaufläche, deren er bedarf; und aus dieser geringen Anbaufläche wird er einen um so größeren Reinertrag herauswirtschaften. Denn in jedem fortschreitenden Lande wächst aus natürlichen Ursachen der Ertrag des Bodens an Produkten stärker als die Bevölkerung, weil der Bodenanbau mit um so besserer Technik und um so besseren Werkzeugen erfolgt; und dieser höhere Rohertrag bringt auch noch aus den gleichen Ursachen höhere Preise, ausgedrückt in Gewerbserzeugnissen. Dieses Gesetz müssen wir zu verstehen lernen. Die Juden müssen begreifen und müssen sich auch bemühen, es den Arabern begreiflich zu machen, daß um so mehr Araber in um so höherem Wohlstände und in um so höherer Kultur im Lande leben können, je mehr Juden darin wohnen; daß es sich nicht darum handelt, sie zu verdrängen, sondern nur darum, daß sie im eigenen Vorteil ein wenig zusammenrücken, um denen Platz zu machen, durch deren gesellschaftliche Kooperation sie selbst die größten Vorteile haben werden. □□□□□□ WELTCHRONIK □□□□□□ Jüdische Gastfreunde Rußlands Großen Unwillen erregt in der Londoner jüdischen Gesellschaft das Vorgehen des jüdischen Parlamentsmitgliedes Sir Philipp Sassoon und einer dem Vorstande der Anglo- Jeswish Association angehörenden Dame, Mrs. Bischoffsheim, die der Einladung des russischen Botschafters Grafen Benkendorff zu einem Diner in der Botschaft Folge geleistet haben. Der „Jewish Chronicle“ bringt unter dem Titel „Jüdische Ermunterung für Rußland“ einen Artikel zu diesem empörenden Vorfall, in dem verschiedene kräftige Worte gesagt werden, die auch anderswo gehört werden sollten. Wenige Tage nach der aufsehenerregenden Rede des Chief-Rabbis Dr. Hertz gegen die russische Regierung mußte in London ein solches Vorkommnis besonders aufreizend wirken, zumal in diesem Falle keine Rücksichten auf amtliche Stellung oder ähnliches bei Annahme der Einladung mitspielen, und man muß dem englischen Blatte durchaus beistimmen, wenn es schreibt: „Es gibt unzählige Juden und Jüdinnen unter den Massen unseres Volkes, die so arm sind, daß ein ihnen gereichtes Mittagessen eine große Wohltat wäre, aber wir hoffen und glauben: es gibt unter ihnen keine, die so arm an Geist sind, daß sie es aus der Hand des Vertreters eines Landes nehmen würden, welches das jüdische Volk in der Weise behandelt, wie es Rußland tut. Und doch waren die Dame und der Herr, die das taten, reiche Leute, die nur durch den Wunsch nach gesellschaftlichem Prestige an des Botschafters Tisch gezogen wurden! Sir Philipp Sassoon ist noch dazu Parlamentsmitglied. Als junger Mann in das öffentliche Leben tretend, wurde er vor wenigen Monaten herzlich aufgenommen besonders deshalb, weil er der Sohn seines Vaters war. Wie kann das unserem Volk angetane Unrecht dem House of Commons vorgetragen werden, wenn unsere eigenen Vertreter in diesem Hause sich an den Tisch des russischen Botschafters setzen? Die jüdische Presse kann die Taten der Barbarei gegen unsere Glaubensgenossen von seiten der russischen Polizei in noch so erschreckender Deutlichkeit wiedergeben, — unsere Bemühungen müssen ja zunichte werden, wenn der russische Botschafter auf ein Parlamentsmitglied hinweisen kann, das einen so angesehenen Namen im Judentum trägt und doch so freundschaftlich für Rußland gesinnt ist, daß es Gastfreundschaft von ihm annimmt. Der Präsident des Board of Deputies kann sich mit unwilliger Beredsamkeit über das den russischen Juden zugefügte Unrecht auslassen, und der Präsident des Board of Guardians kann immer wieder auf die beinahe unerträgliche Last der Unterstützungen hinweisen, die der Gemeinde durch die Behandlung unseres Volkes in Rußland auferlegt wird — ihre Worte müssen wirkungslos bleiben, wenn ein jüdisches Mitglied des Parlamentes bereit ist, als Gast bei dem russischen Botschafter zu erscheinen. Der Präsident der Anglo-Jewish Association hat seit Jahren anläßlich seiner jährlichen Präsidentenrede immer wieder erklärt, daß das gesamte jüdische Problem in der Lage der Juden in Rußland wurzele. Mr. Montefiore kann recht haben oder nicht mit seiner Diagnose, aber seine edlen Bestrebungen können nur von geringem Erfolg begleitet sein, wenn ihnen die Tatsache gegenüber steht, daß eine seiner Kolleginnen im Rate der Anglo-Jewish Association, Mrs. Bischoffsheim, als Gast bei dem Londoner Vertreter Rußlands weilt. Wir können uns vorstellen, was zur Entschuldigung vorgebracht werden wird, und wir vermuten, daß man uns sagen wird, es sei eine kluge Politik, mit Graf Benkendorff auf freundschaftlichem Fuß zu stehen, um seinen Einfluß zugunsten unseres Volkes zu gewinnen. Aber diese Argumente brauchen nicht erst geprüft zu werden, denn es weiß jeder, der Rußland kennt, daß irgendwelche Freundschaft seine Politik nie beeinflußt hat, zumal wenn die verantwortlichen Spitzen der jüdischen Gemeinde Rußland unaufhörlich denunzieren und gegen die Niederträchtigkeiten seiner Regierung protestieren müssen. Solch eine wahnwitzige Politik wäre lächerlich! Wir vermuten ja, daß die Annahme der Einladung von Sir Philipp Sassoon und der Dame auf bloße Gedankenlosigkeit zurückzuführen ist. Es bot sich Gelegenheit, an einer interessanten gesellschaftlichen Veranstaltung teilzunehmen, und da dachten sie nicht einen Augenblick an jüdische Interessen und den Eindruck, den die Annahme auf das Volk, zu dem sie gehören, machen könnte. Aber wir haben erst kürzlich gerade genug durch die Sorglosigkeit und Gedankenlosigkeit von Juden in hohen Stellungen gelitten. Es ist nun an der Zeit, daß wir eine größere Nachdenklichkeit verlangen. Die Lage der Juden fordert unausgesetzte Wachsamkeit, und alle, wer sie auch immer seien, die öffentliche Stellungen einnehmen und öffentlich diese Forderungen ignorieren, müssen im allgemeinen Interesse ernstlich zur Vernunft gebracht werden.“ Das ist ein gutes Wort zu rechter Zeit. Aber wird es etwas nützen? Wohl erst dann, wenn von den Gästen der russischen Botschaft ebenso wie von den Reisenden, die nach Rußland wollen, als Legitimation für das Visum der — Taufschein verlangt werden wird. Nur eine selbstbewußte jüdische Gesellschaft, die solche Würdelosigkeit selber durch gesellschaftlichen Boykott zu ahnden gewillt wäre, könnte auf diesem Gebiete erziehlich wirken. Aber davon sind wir leider allenthalben noch sehr weit entfernt.