Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 30 955 schwierigen theoretischen Dingen geben (was die Sprache anlangt, so äußerten sie sich Dr. Schemarja L e w i n gegenüber dahin, daß sie mein Deutsch schlechter verstehen als z. B. das von Herrn Dr. Ruppin; mein harter norddeutscher Dialekt fällt ihnen augenscheinlich nicht so ins Ohr. Dr. Lewin antwortete: ich spräche eben „deutsches Deutsch“). Aber ich konnte ihnen doch in einigen praktischen Nutzanwendungen die Verkehrtheit ihres Prinzips zeigen. Sie kennen die Unterschiede ihrer Leistungsfähigkeit selbst gut genug und begreifen wohl, daß ein so ausgezeichneter Arbeiter, wie z. B. ihr Führer Betzer, der sich als verheirateter Mann und Vater zweier reizender Kinder mit 55 Frcs. monatlich begnügt, obgleich seine Qualifikation das Doppelte wert ist, mehr verdienen muß, als ein eben frisch aus Europa importierter junger Arbeiter, der bei allem Eifer mehr Schaden als Nutzen stiftet. Sie sehen ferner selbst ein, daß man das Prinzip gar nicht durchführen kann, ohne zum hellen Unsinn zu kommen. Da ist uns ein liebes kleines Bürschel Friedmann (zugelaufen, der Abkömmling einer berühmten ‘Rabbinerfamilie aus Galizien; sollte man diesem Kinde denselben Lohn geben Wie den Erwachsenen? Sie haben denn auch ohne weiteres das Prinzip Prinzip sein lassen, haben ihn auf Gemeinschaftskosten in Logis und Kost genommen und geben ihm ein kleines Taschengeld. Alles in allem scheint mir, als wäre der Widerstand in diesem Punkte nicht mehr so groß wie im Anfang. Die Arbeiter verstehen, daß, wie Menschen einmal sind, auf die Dauer die höchste Arbeitsleistung nicht von dem Enthusiasmus von Idealisten, sondern nur von dem wohl berechtigten Egoismus von Menschen zu erwarten ist, die wissen, daß ihr Fleiß und ihre Sorgfalt ihnen unmittelbar zugute kommt; und sie sehen ein, daß der Erfolg des Ganzen eben davon abhängt, daß jedes einzelne Mitglied auf die Dauer sein Bestes hergebe. Jedenfalls scheint es mir, als sehe man jetzt bereits mit einer gewissen wohlwollenden Neutralität auf die Arbeiter der Siedlungsgenossenschaft, die das Prinzip der ungleichen Entlohnung nach der Leistung völlig begreifen und bedingungslos, aus Ueberzeugung, nicht etwa aus einem auf sie ausgeübten Zwange, akzeptiert haben. Viel stärker sind die Widerstände in bezug auf die Frage der arabischen Arbeiter. Hier steht die gesamte Arbeiterschaft noch fast unerschüttert auf dem Standpunkt, daß solche Arbeit unter keinen Umständen geduldet werden kann, wenn auch die Starre des Prinzips in der allerletzten Zeit durch eine einzige Konzession durchbrochen worden ist Auch hier ist der Grund der Auffassung völlig klar: die Arbeiter fürchten eine Entwicklung, wie sie sich in den Plantatoren-Kolonien von Judäa durchgesetzt hat, wo leider die arabische Arbeit die jüdische in sehr weitem Umfange verdrängt hat. Hätte nicht die Einwanderung der Jemeniten den Pflanzern ein den Arabern an Anspruchslosigkeit und Leistungsfähigkeit gleichwertiges Element ins Land gebracht, so lägen die Dinge noch übler, als sie ohnehin schon liegen, und wir könnten die mit so ungeheuren Aufwendungen geschaffenen jüdischen Kolonien im Süden auf nationales Verlustkonto glatt abschreiben. Daß die Arbeiterschaft aus nationalen Gründen und schließlich auch aus Gründen des wohlberechtigten gewerkschaftlichen Selbstinteresses eine derartige Entwicklung zu verhindern bestrebt ist, das ihr zu verdenken, wäre ich gewiß der letzte. Aber ich mußte ihr sagen, daß man das Prinzip auch hier nicht überspitzen darf, wenn man nicht will, daß die Spitze abbreche. Die Organisation der Siedlungsgenossenschaft schließt die Beteiligung erwachsener arabischer Arbeiter an dem regelmäßigen Betriebe der Gutswirtschaft grundsätzlich aus, und es besteht nicht die geringste Gefahr, daß dieser Grundsatz jemals erschüttert werden könnte. Aber es gibt, wenigstens vorläufig, noch Fälle genug, in denen im Interesse des Unternehmens, und das heißt auf die Dauer im Interesse der Arbeiter selbst, arabische Hilfskräfte herangezogen werden könnten und sollten. Es handelt sich zunächst um die Frage arabischer Handwerker dort, wo jüdische Handwerker nicht zu bekommen sind. Es ist doch geradezu lächerlich, wenn die Arbeiterschaft mit Streik droht, wenn ein arabischer Brunnenbauer oder Maurermeister bei dringend notwendigen Bauten beschäftigt werden soll. Diese unvernünftige Praxis verzögert, erschwert und verteuert die nötigen Bauten in unerträglichem Maße und hält dadurch die Entwicklung des Unternehmens in gefährlicher Weise zurück. Ferner handelt es sich um Hilfsarbeiten bei der Ernte, für die die viel billigere Frauen- und Kinderarbeit gerade so wirksam ist wie Männerarbeit. Diese Arbeiten werden hoffentlich einmal von den Familienangehörigen unserer Kolonisten ausgeführt werden können: vorläufig aber sind die arbeitsfähigen Frauen und Kinder in viel zu geringer Anzahl vorhanden, und nun zwingt uns „das Prinzip“, diese Kinderarbeit von erwachsenen, dafür viel zu hoch bezahlten Männern ausführen zu lassen. Und das kostet nicht nur unmittelbar überflüssig Geld, sondern, was viel bedenklicher ist, es lähmt den Betrieb und kostet dadurch mittelbar noch viel mehr Geld. Wenn die Männer damit beschäftigt werden, Unkraut zu verziehen oder Phul zu reißen, so stehen die Gespanne, die sie sonst zu führen haben, unbeschäftigt im Stall, verdienen ihr Futter nicht, das sie so oder so zu erhalten haben, und die Feldbestellung kommt in Rückstand. Das sind augenscheinlich schädliche und überflüssige Torheiten, und es kommt auf die berühmte alte „Spatzenrechnung“ hinaus: „Wenn 10 Sperlinge auf dem Dach sitzen, und ich einen herunterschieße, dann bleiben eben nicht 9 sitzen, sondern keiner, weil die anderen wegfliegen.“ Wenn die Arbeiter durch derartige Verstöße gegen den Geist der Rentabilität es auf die Dauer verhindern, daß der genossenschaftliche Betrieb gedeiht, dann beschränken sie die Möglichkeit der Beschäftigung jüdischer Arbeiter im Lande, statt sie zu vermehren. Denn wenn der erste Betrieb gut gedeiht, so werden ihm zahlreiche andere an die Seite treten, und jeder wird seinen Stamm von 40, 50 oder vielleicht mehr jüdischen Arbeitern dauernd beschäftigen: wenn aber der erste Versuch nicht gedeiht, so werden im schlimmsten Falle sogar die jetzt beschäftigten 40 Arbeiter ihre Stellung einbüßen. Das versuchte ich, meinen Hörern klar zu machen, und darüber hinaus ihnen zu zeigen, daß ihre Gesamtstellung gegenüber den Arabern von jedem Standpunkt aus, dem nationalistisch-politischen und dem nationalökonomischen, unsinnig ist. Vom nationalistisch-politischen Standpunkt aus, weil es darauf ankommt, so viel wie möglich jüdische Arbeiter ins Land zu bringen, um es zu nationalisieren. Dieses Ziel ist aber nur zu erreichen, wenn keine zu starken nationalistischen Widerstände der Araber erweckt werden. Geschieht das unglücklicherweise, und die Haltung der arabischen Presse deutet darauf hin, daß es geschieht, so wird unserem Eindringen nicht nur ein immer wachsender Widerstand entgegengestellt werden, sondern es ist sogar zu befürchten, daß das schon Erreichte verloren gehe. Nun kann es aber auch vom kultur-politischen und nationalökonomischen Standpunkt gar nichts Dümmeres geben, als diese Auffassung. Wenn wir in Palästina zum Ziel gelangen wollen, so können wir es nur, wenn wir als Träger des Friedens und der Kultur erscheinen, und zwar nicht etwa aus allgemeiner Verbrüderungsduselei und kosmopolitischem Idealismus, sondern aus