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Die Welt · 1913-07-25 · 30 (25.7.1913) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
30 (25.7.1913)
Date
1913-07-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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954 Nr. 30 geführten, nach Palästina gravitierenden religiösen, nationalkulturellen und rein wirtschaftlichen Strömungen würden auch weiterhin bestehen, aber der den Volkswillen repräsentierende, zur Lösung der ganzen Judenfrage berufene Kongreßzionismus müßte von der erfolgreichen Auflösungstendenz überwuchert werden, und wir hätten nicht die Kraft, ja, in igewissem Sinne auch nicht die Berechtigung, den Assimilierungsbestrebungen entgegenzutreten. Im Gegensatz zu jenen Gesinnungsgenossen, welche gegenwärtig „Zionismus oder Untergang“ argumentieren, vertritt der Schreiber dieser Zeilen nach wie vor die Parole: „Zionismus oder der gegenwärtige Zustan d". Nach wie vor dünkt uns (in diesen kurzen, programmatischen Zeilen kann und soll nicht polemisiert und nichts nachgewiesen, sondern nur eine Ansicht formuliert werden), daß trotz Z o 11 s c h a n die Assimilation als Mittel, das jüdische Volk und damit die Judenfrage auszumerzen, aussichtslos ist, und wir glauben mit S o m b a r t, daß selbst für die Westjuden die Frage nicht lautet: „Nationalismus oder Assimilation“, sondern „Erhaltung der Eigenart oder Aufgeben der Eigenart, ohne etwas dafür zu erhalten“. Der zweite Pfeiler des Kongreßzionismus ist der uralte, durch die jüdische Renaissance neu belebte innere Drang, der Wille des jüdischen Volkes, sich in der Urheimat Palästina aufzurichten und auszuleben. Nach dem bisher Ausgeführten wäre das ideologische Motiv „Das Volk will es“ allein unseres Erachtens keine genügende Fundierung der kongreßzionistischen Weltbewegung, wenn nicht hinzuträte, daß die zionistische Lösung des Judenproblems die einzig diskutierbare ist. So aber — in Verbindung mit der früher behaupteten ehernen Notwendigkeit — ist die Zionssehnsucht eine mächtige, vollwertige, geschichtsbildende Triebkraft des Kongreßzionismus geworden, zumal dieser Drang, der gewiß auch ohne Antisemitismus vorhanden wäre, zum guten Teile aus der Judennot entstanden ist, oder zumindest durch sie potenziert wurde. Der dritte treibende Faktor, wahrlich nicht der schwächste, ist die Interessiertheit der nichtjüdischen Umwelt an der endlichen Lösung der Judenfrage. Nicht nur, weil die historische Entwicklung nach nationaler Gruppierung der Völker drängt, und das Judenproblem diesen Werdegang verzögert. Der Judenhaß ist auch kulturfeindlich, korrumpiert das politische Leben, verschleiert die Kernfragen der Politik. Und schließlich verträgt Europa für die Dauer Erscheinungen nicht, die ein Hohn auf die Zivilisation sind. So sehen wir den Sinn und die Grundlagen des Kongreßzionismus. Der Zwang von außen begründet seine historische Notwendigkeit, der Drang von innen gibt ihm die Schwungkraft und die Schönheit, das Interesse der nichtjüdischen Umwelt garantiert und beschleunigt seine Verwirklichung. Stimmen diese Grundauffassungen über die Bewegung, die uns Herzl vererbte und die wir mehrten, mit den Ansichten der anderen Zionisten überein? Mit allen gewiß nicht. Niemals sind Gegensätze in den Meinungen schärfer, als wenn sie sich aus engster Gesinnungsgemeinschaft herausbilden. Niemals aber ist selbst der heißeste Widerstreit der Erkenntnisse gedeihlicher, als wenn er aus solcher Gemeinschaft entspringt. Vielleicht regen diese Zeilen abweichende Äußerungen anderer Gesinnungsgenossen an. Eh*. Otto Abeies. IM HEILIGEN LANDE in. Von Dr. Franz Oppenheimer Im größten Gebäude des alten Dorfes, der ehemaligen Wohnung des Scheichs, gibt mir die gesamte Arbeiterschaft von Merchawja, die freie Gruppe, die die Felder der künftigen Kolonisten bearbeitet, und die Genossenschaft, ein feierliches Mittagessen. Die Holztische stehen im Hufeisen, auf den Bänken herum sitzen eng gedrängt die Männer, die Frauen und die größeren Kinder. Der Dampf der Speisen steigt zu den schwarz geräucherten Wölbungen des großen Raumes empor! Ein wahres Diner: zuerst gibt es Borschtsch, dann Gänsebraten mit Salat und Kompot; der süße Wein von Palästina wird meistens aus Emailletassen getrunken. Am Abend desselben Tages war allgemeine Arbeiterversammlung im gleichen Raume. Zuerst sprach ich, dann Herr Dyk, und dann entwickelte sich eine lebhafte Debatte über die beiden Fragen des Lohnes und der Beschäftigung von Arabern, d. h. über die Fragen des Kommunismus und Nationalismus. Was die erste Frage anlangt, so stehen die freien Arbeiter auf dem Standpunkt der kommunistischen Verteilung, d. h. vorläufig des gleichen Lohnes für alle, gleichgültig, welche Leistungsfähigkeit der einzelne besitzt. Man weiß, daß ich ein dezidierter Gegner dieser Entlohnung bin. Gerade dadurch unterscheidet sich die genossenschaftliche von den kommunistischen Siedlungen, daß jene die Entlohnung so weit wie irgendmöglich nach der Leistung abstuft, während diese alle Mitglieder gleichmäßig beteilt. Der Grund dieser kommunistischen Praxis liegt klar auf der Hand: von Platon bis auf l/Vtarx und Kautsky sind alle städtischen Denker durch die Furcht vor der „freien Konkurrenz“ zu ihren kommunistischen Vorstellungen gedrängt worden. Scheint sie doch die Kraft des Fluches zu sein, die die ungeheure Ungleichheit der Klassen herbeiführt, die Gesellschaft zersetzt und die Völker zerstört. Ich habe diese Furcht vor der freien Konkurrenz nicht. Es ist mir gelungen, sie wissenschaftlich zu überwinden. Ich habe zeigen können, daß es zwei ganz verschiedene Arten der Konkurrenz gibt, je nach den sozialen und ökonomischen Umständen, unter denen die Kontrahenten auf dem Markte sich befinden. Wo der Zugang zum Boden frei ist, d. h. dort, wo das „Klassenmonopol der Bodensperre“ nicht besteht, da herrscht der friedliche Wettbewerb, eine Form der Konkurrenz, die zwar alle höhere Qualifikation des Leibes, des Geistes und des Charakters entsprechend entlöhnt, bei der aber dennoch keine Spur von „Mehrwert" entstehen kann, so daß jene Unterschiede des Einkommens niemals zu groben, klassenbildenden Verschiedenheiten werden können. Wo aber die Bodensperre besteht, wo infolgedessen besitzlose „freie Arbeiter" gezwungen sind, sich den Besitzern der Produktionsmittel zu einem Lohne anzubieten, der ihrem Anwender Mehrwert übrig läßt, da besteht der feindliche Wettkampf, und da entstehen ungeheuer schnell jene verhängnisvollen klassenbildenden Unterschiede des Einkommens und Vermögens, die es die Aufgabe ist, zu verhindern. Ich konnte den Arbeitern, die meine deutsche Sprache nur sehr mangelhaft verstehen, nur wenig von diesen

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