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Die Welt · 1913-07-18 · 29 (18.7.1913) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
29 (18.7.1913)
Date
1913-07-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 29 LT 927 letzten 15 Jahren eine große innere Wandlung vor sich gegangen. Die erste Zeitung, die der russische Jude lesen konnte, war die Jargon-Zeitung. Und die Zahl dieser Juden, die zum ersten mal eine Zeitung in die Hand nehmen, wächst. Aber sobald sich der Jude an der Hand seiner Jargon-Zeitung die gangbaren Kulturelemente angeeignet hat, geht er nicht zu einer „besseren“ jiddischen Zeitung über, sondern direkt zur russischen, beziehungsweise polnischen. Deshalb findet der höhere literarische Ansprüche stellende „Fraind“ keinen Anklang im jiddischen Lesepublikum. Und eine so vornehme Zeitschrift wie „Die jiddische Welt“, ist bloß ein Kunstprodukt der Intelligenzler, das der Masse immer fremd bleiben wird. Unter diesen Umständen bietet sich uns ein ganz unerwartetes Bild: die Jargonpresse spielt für das Ostjudentum die gleiche Rolle, wie die Mendelssohnsche Bibelübersetzung für die Westjuden: die Rolle eines Assimilationsfaktors. Grätz bemerkt treffend, durch die Bibelübersetzung habe Mendelssohn viel mehr für die Verbreitung der deutschen Sprache, als für die Kenntnis der Bibel geleistet. Auch die jetzige Jargonpresse führt das Ostjudentum nicht einer höher stehenden jüdischen, sondern ganz einfach der russischen Literatur zu. Selbstverständlich muß man diese Erscheinungen sub specie aetemitatis betrachten. Dann sieht man wie der Jargon jetzt nur als kulturelles Uebergangs- Stadium gelten kann. Der Jargon und die ganze „jiddische“ Kultur ist nur ein Mittel, aber nicht Selbstzweck. Und wir können mit voller Gewißheit sagen: Die Jargonliteratur beschleunigt durch ihre Ausbreitung ihren eigenen Tod. Aber es handelt sich ja nicht um die Form. Niemand glaubt ja daran, daß die Westjuden durch die bloße Erlernung des Jargons zu .Volljuden werden könnten. Im letzten Grunde handelt es sich doch um die im Jargon aufgespeicherten jüdischen Kulturwerke. Wenn man die Sache von diesem Gesichtspunkt betrachtet, dann zerrinnt die ganze Legende von der „ostjüdischen“ Kultur in Nichts. Wodurch zeichnen die großen Jargonschriftsteller sich denn aus? — Doch dadurch, daß sie das, was gewesen ist und was nimmer wiederkehren wird, mit künstlerischer Gestaltungskraft lebenstreu geschildert haben. Mendele, Scholem-Aleidiem und alle ihre Nachfolger sind groß, wenn sie das in Auflösung begriffene jüdische Kleinstädtchen mit seinen Leiden und Freuden zeichnen. Aber niemand von ihnen hat einen Kulturwert für die Zukunft geschaffen. Perez hat wohl die „Goldene Kette“ geschaffen, aber wenige glauben daran, daß das Judentum durch den Chassidismus erneuert werden könnte. Wo ist das neue Wort, die neue Zwecksetzung, die die „ostjüdische“ Kultur dem Gesamtjudentum geschenkt hat? Etwa in den schlechten Jargonübersetzungen der Springerschen Ideen, oder des Erfurter Programms, oder der Broschüren von Kautsky? Oder etwa in der von Schalom Asch besorgten famosen J argonübersetzung der Bibel, bei deren Lektüre man nicht weiß, soll man spotten über die krasse Unwissenheit, oder soll man sich empören über die Freveltat? Wie arm ist diese „ostjüdische“ Kultur, wenn ein Schalom Asch ihr Held ist! Aber auch abgesehen von der Literatur und Presse muß man doch sagen: es gibt nichts Traurigeres als das Innenleben der Ostjuden. Ihre Gemeindeorganisationen, ihre Wohlfahrtseinrichtungen, sogar ihr religiöses Leben befinden sich größtenteils im Zustande der vollen Zersetzung. Was im Osten den Stempel der festgefügten Organisation trägt, ist entweder vom Zionismus, oder vom Sozialismus, oder von der westjüdischen I. C. A. geschaffen worden. Kurz und gut: Aus den Elementen der „ostjüdischen“ Kultur ist niemand imstande, ein Alljudentum za zimmern, auch wenn wir alle Jargon sprächen und die Jargonschriftsteller als Nationalhelden feierten. Gerade das ist ein müßiges Spiel gewisser Intelligenzler, die sich in ihrer Stube ein blutloses, wirklichkeitsfremdes Leben konstruieren. Mögen doch all diese „Alljuden“ den Mut haben, sich einzugestehen: Aus dem Galuth heraus und im Galuth selbst ist keine Erlösung unseres Volkes möglich. Es gibt für unser Volk nur ein Entweder — Oder: entweder allmähliche Auflösung im Galuth — dann habe man den Mut, den Auflösungsprozeß zu beschleunigen, oder radikalen Bruch mit dem Galuth und letzter Heldenkampf für die Wiedergeburt des jüdischen Volkes im Lande der Väter. Was dazwischen liegt, ist feig, opportunistisch oder im besten Fall dekadent. Ganzer Tod oder volles Leben: was dazwischen liegt, ist Siechtum. Ein jüdisches Olympia Das nationaljüdische Turn- und Sportfest in Wien Von Erich Burin, Verbandsturn wart der Jüdischen Turnerschaft. Die jüdischen Turner und Sportsleute rüsten zum Wiener Kongreß. In der fleißigen Arbeit von Monaten sind die Pläne gewachsen. Eine jüdische Olympiade schwebte uns vor, ein Nationalfeiertag im klassischen Sinne. Der Gedanke schien anfangs kühn; wir glaubten, ihn ohne unsere bulgarischen und osmanischen Turner, deren ehemals starke Vereine der Krieg dezimiert hat, nicht in die Tat umsetzen zu können. Aber die Gunst der sportfreudigen Zeit und die Erinnerung an Basel und Hamburg, die in unsern Reihen lebendig ist, schafften unserem Aufruf in der ganzen Jüdischen Turnerschaft einhellige und begeisterte Aufnahme. Zwei Tage, Sonntag, den 7. und Montag, den 8. September, werden die Veranstaltungen in Anspruch nehmen. Sie sind in der Weise gegliedert, daß der erste Tag in einem großzügig angelegten Schauturnen eine Demonstration der in der Turnerschaft organisierten jüdischen Jugend bieten wird, während am zweiten Tag olympische Kämpfe um Sieg und Ruhm zum Austrag kommen. Eine der größten und schönsten Turnierstätten Wiens, der „Vienna-Sportplatz“ auf der Hohen Warte, wird für die Feste hergerichtet. Mit einem Aufwand von mehreren tausend Mark werden Turn- und Spielfelder, Laufbahn, Sprunggruben- und Wurfplätze kunstgerecht angelegt, Tribünen und Logen eingebaut, Umkleideräume und Sammelplätze geschaffen. Für 15 000 Zuschauer ist Raum berechnet. In diesem Rahmen werden sich die vielartigen Turnübungen, frohen Spiele und heißen Kämpfe abwickeln. Ein festlicher Einzug in farbenprächtiger Anordnung wird am Sonntag Nachmittag alle, die zu unserer Fahne gehören, in Parade vorüberführen: Turner und Turnerinnen, Athleten und Fechter, Fußballer und Hockeyspieler, Ringer und Ruderer. Auch das jüdische Pfadfinderkorps Wiens wird die Reihen schließen helfen. Die allgemeinen Freiübungen der Männer werden das Schauturnen eröffnen. Ein Gerätturnen in Riegen Haben Sie schon die Kongressausgabe der „Welt“ abonniert? Sonst holen Sie es schleunigst nach. Die Kongressausgabe erscheint während des Kongresses insgesamt 6 mal, also -täglich- und bringt den einzig authentischen, ausführlichen Bericht über den Kongress. Sie kostet Lik. 2,40, Kr. 2,80, Rbl. 1,30. sh 2/10, Hfl. 1,70, Doll. 0,70, Frcs. 3,60 1

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