Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 29 (18.7.1913)
- Date
- 1913-07-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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926 Kr. 29 - DIESqKELT Die Legende von der „ostjfidischen“ Kultur Von Dr. Daniel Pasmanik' Das jüdische Leben unserer Tage ist weder ruhiges Sein noch organisches Werden. Bald tritt darin das Lechzen nach Ewigkeit, bald das Haschen nach dem Augenblick zutage. In diesem bunten Wirrwar scheint alles dem Tode geweiht zu sein und zugleich — alles zu neuem Leben aufsprießen zu wollen. Und nur in der allerletzten Zeit — auf den Höhen des individuellen Bewußtseins und in den Tiefen des Masseninstinktes — schimmert ein neuer Faden durch: Zielstrebigkeit, d. h. Rückkehr zur organischen Evolution. Bald heller, bald grauer, scheint doch dieser Faden fest und dauerhaft zu sein. Viele, recht viele in unserem Volke haben jetzt erkannt: das bloße Sein ohne das kräftige Werden bedeutet über kurz oder lang den sicheren Tod. Ist dieses Neue formuliert? Eine die ganze Wirklichkeit umfassende Formel ist nicht leicht zu finden. Vorläufig heißt diese Formel: Zionismus. Umfaßt denn aber der Zionismus das ganze Leben der zwölf Millionen Juden? Ist nicht der Zionismus am Ende eine Ablenkung vom Volksleben zum Parteiwesen? Soll und kann der Palästinismus den Judaismus verschlingen? Soll und kann die Palästinakolonisation das Heil des Gesamt Judentums werden? Soll und kann der „Romantizismus" den „Idealismus" im Judentum ersetzen? Diese Fragen stellen sich nicht bloß die mit dem ziellosen Sein ausgesöhnten Juden, sondern auch die nach organischer Evolution Strebenden. Ich meine da nicht die ewig Unzufriedenen, die Dekadenten und Blasierten, sondern die Innigen, die ehrlich Ringenden, die man unter den Jeschibabachurim Litauens und Galiziens ebenso wie unter den jüdischen Intellektuellen der westeuropäischen Hauptstädte findet. Diese Frage, zuerst abstrakt aufgeworfen, bekam in den letzten Jahren eine sehr konkrete Form und dementsprechend bekam auch die Antwort konkreten Inhalt. Und diese Antwort lautet: statt Zionismus — Alljudentum, und als Gerüst des All Judentums — die sogenannte „o st jüdisch e", d. h. die Jargonkultur. Wie verhält es sich nun mit dieser Antwort? Schon die Begriffsbildung „Alljudentum" ist, milde gesagt, ein Kunststück von Mathias Acher. Um die „ostjüdische" Kultur zum Alljudentum zu erheben, ist er gezwungen, auf vier Millionen Juden zu verzichten — auf die „blutarmen Westjuden", auf die sephardischen und auf „die paar (!) arabischen, persischen, bucharischen, kaukasischen und ähnlichen Juden". Sonderbares Alljudentum, das nur auf das jüdischdeutsch sprechende Ostjudentum beschränkt ist! Für mich ist schon dieser Umstand allein genügend, um die Phrasenhaftigkeit des neuen Alljudentums klarzulegen. Woher wissen wir es denn, w o die wirkliche Potenz des Judentums verborgen ist — im Jargonschriftsteller oder etwa im jemenitischen Arbeiter? Und wie sieht es mit dem Ostjudentum in Wirklichkeit aus? Schon seit Jahren predigt man den Westjuden von der Breite und Tiefe der „ostjüdischen“ Kultur, vom gesunden, nationalen Instinkt des russischen, galizischen und rumänischen Judentums. Und man paradiert mit den Namen der bekannteren Jargonschriftsteller. Nun behaupte ich: das ganzeGerede von der gesunden, lebenskräftigen „ostjüdischen" Kultur ist nur eine Legende, die meist von Unwissenheit, teilweise von Kampfeslust gegen den Zionismus künstlich geschaffen ist. Die Tatsachen sprechen für sich. Unter „ostjüdischer“ Kultur verstehen ihre Adepten die „jiddische“ Sprache und Literatur. Mich interessiert hier der ganze Streit um den "Adel" dieser Sprache gar nicht. Aber wie steht es mit der objektiven Macht des Jargons? Betrachten wir zunächst die Verhältnisse in Rußland. Ein Witzbold sagte einmal: In Rußland steht die Verbreitung des Jargons in direkter Proportion zur Kälte des russischen Klimas. Wenn man eine Reise durch den ganzen Ansiedlungsrayon vom Norden bis zum äußersten Süden macht, so kann man konstatieren: je kälter es ist, desto mehr herrscht der Jargon vor. Am „mächtigsten" ist er in den nördlichen Gebieten, vom Witebsker Gouvernement an, — am schwächsten im Süden. Je wärmer es wird, desto mehr schmilzt der Jargon ein. In Litauen und in Polen behauptet er leidlich seinen Platz, in Kleinrußland befindet er sich im Zustand der Zersetzung, im Süden schwindet er immer mehr. Aber selbst in Litauen ist Russisch die Umgangssprache der jüdischen Intelligenz, und in Polen die polnische Sprache. Vor kurzer Zeit besuchte ich nach zwanzigjähriger Abwesenheit meine Geburtsstadt in Kleinrußland. Vor zwanzig Jahren sprachen dort alle Juden „jiddisch". Jetzt spricht meine alte Mutter jiddisch, meine Schwester — schlecht russisch und schlecht Jargon, und die jüngste Generation — meine Neffen und Nichten — ausschließlich und gut russisch. Die gleiche Erscheinung begegnete mir in der ganzen Stadt. Und im Süden sprechen die Juden durchweg russisch. Der Jargon verliert von Tag zu Tag an Boden*). Und wenn das öffentliche Leben Rußlands einmal eine demokratische Umgestaltung erfahren wird — mit Schulen ohne Prozentnorm für die Juden, mit einheitlicher, obligatorischer Volksbildung, dann werden wir nach dem Jargon „Kaddisch“ sagen können. Das sind unbestreitbare Tatsachen. Dieser Auflösungsprozeß des Jargons ist um so unaufhaltsamer, je weniger die Masse in ihm ein Bollwerk des nationalen Bewußtseins sieht. Für die jüdische Masse ist Jargon Mittel und nicht Zweck. Das Verschwinden des Jargons ist kein Zeichen der Entnationalisierung der Juden, weil eben die jüdische Masse ihren nationalen Lebenswillen nicht an den Jargon knüpft. Und nun kommen wir zu den im Jargon geschaffenen Kulturwerten. Ich sehe hier davon ab, daß nationale Kultur viel, viel mehr ist, als das geschriebene und gesprochene Wort. Kultur ist nicht bloß das Buch, sondern auch das ganze Leben in seiner nationalen Eigenart. Bleiben wir bei der geistigen Kultur. Hier fällt uns etwas auf: Gerade auf dem Gebiete der Jargonliteratur schaffen Amerika und Galizien, wo die Juden ihre Kräfte doch ungehemmt entfalten können, am allerwenigsten. Spricht man von „ostjüdischer" Kultur, so meint man speziell Rußland. Dort sind die Werke fast aller großen Jargonschriftsteller entstanden. Dies allein gibt schon viel zu denken. Die größten J a r g o n s c h r i f tsteiler sind diejenigen, die tief in der hebräischen Sprache und Kultur wurzeln, wie M e n d e 1 e Mocher-Sphorim, Scholem-Aleichem und J. L. Perez. Alle diejenigen, die vom Hebraismus losgelöst sind, haben Makulatur für den Tag, lose Zeitungsblätter, aber keine bleibende Kultur geschaffen. Von all den „jungen Talenten" wird in einigen Jahren keine Spur übrig bleiben. Man stolziert mit der jiddischen Presse, ohne das Wesen dieser Erscheinung näher zu prüfen. Die jiddische Presse in Amerika wird von den immer neu zuwandemden „Grünen" genährt, denn die zweite Generation ist amerikanisiert und liest nur englisch. Und in Rußland ist die Jargonpresse ein Mittel, die breite jüdische Masse der allgemeinen Kultur näher zu bringen. Eine wirklich ernste, vornehme Zeitung, die dem Geschmack und dem Sensationsbedürfnis der Masse keine Konzessionen macht, kann sich auch in Rußland nicht behaupten. „Der Fraind“ vegetiert, die gelbe Presse dagegen findet reißenden Absatz. Der Witz der Geschichte ist ganz einfach der: in der russischen Judenheit, die vorher überhaupt keine Zeitung las, ist in den *) Gerade wir Zionisten haben in dieser Beziehung reiche Erfahrung. Manche zionistische Broschüren und Flugblätter erscheinen in Rußland in hebräischer, jiddischer und russischer Sprache. Auf diese Weise erhält man eine genaue Topographie der Ausbreitung dieser Sprachen in den verschiedenen Teilen des Ansiedlungsrayons.