Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 29 (18.7.1913)
- Date
- 1913-07-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 DIE3§KLT wir, für mich unerwartet, schon heute, im zweiten Jahre der Wirtschaft, Bilder aus mittleren deutschen Wirtschaften; wo er fehlt, da sieht man geringe Ernten. Freilich, der Acker ist rein von Unkraut, und das Korn steht immer noch unvergleichlich besser als auf den meisten arabischen Feldern der Gegend, aber mit solchen Erträgen kann man natürlich noch auf keine Rente kommen. Trotzdem, was geleistet ist, ist das Menschenmögliche. Als Dyk vor zwei Jahren anlangte, fand er einen einzigen Arbeiter im Lande yor, der den Versuch mitzumachen bereit war, so sehr war die Arbeiterschaft theoretisch verhetzt, trotz aller mir zwei Jahre vorher gemachten Versprechungen. Zum Glück hatte er drei seiner galizischen Schüler kommen lassen. Er fand keine Vorräte, keine Unterkunft für das unentbehrliche Vieh, vom Vieh selbst gar nicht zu reden. Das mußte erst alles beschafft werden. Noch jetzt haben wir wenig mehr als die Hälfte des notwendigen Viehstapels, und es wird noch wenigstens ein Jahr darüber hingehen auch wenn keine Seuche unseren Stall dezimiert —, ehe wir aus dem Nachwuchs, den wir aufziehen, den vollen Bestand aufgebaut haben und den notwendigen Dung produzieren können. Kurz, wir haben noch nicht einmal halbwegs ein normales Wirtschaftsjahr hinter uns, kaum vor uns. Viele unvorhergesehene Unglücksfälle haben uns getroffen: jener Ueberfall aus Blutrache, der uns so schwer schädigte und so lange aufhielt; der Unfall Dyk, seine Stute geriet mit den Vorderfüßen in eine Erdspalte, stürzte und der Reiter brach die Hand und mußte monatelang in Europa verweilen, ehe er hergestellt war. Dazu kam die unerträgliche Verzögerung der Bauten, weil man uns verbot, arabische Handwerker zu beschäftigen, jüdische aber lange Zeit für kein Geld aufzutreiben waren. Und dennoch ist die große Flur fast durchweg von Unkraut — und hier gibt es böseres Unkraut als Quecken, Zinnkraut und Hederich — geklärt, und die Aecker geben her, was man vom ungedüngten Acker irgend erwarten darf. Wenn alles, was damals — Anfang April — auf dem Halme stand, in die Scheunen gekommen wäre, und wenn die Sommerfrucht, die man damals anfing zu bestellen, halbwegs gut zur Entwicklung gekommen wäre, so hätte schon dieses Jahr mit einem kleinen Gewinn abgeschlossen. Aber kurz vor der Ernte kam die Mäuseplage auf den Acker; die benachbarten Araber litten furchtbar, bei uns rettete die wirksamste Arbeit, die die Wirtschaftswissenschaft kennt, die Arbeit der Genossenschaft, den größten Teil, und der doch noch entstandene Schaden wird durch die starke Preissteigerung des Korns in beträchtlichem Maße gutgemacht werden; aber ein Schaden bleibt doch, und da auch die Sommerung vom Wetter nicht begünstigt war, wird auch unsere zweite Bilanz noch mit einem Verlust abschließen. Freilich, zwei starke Posten stellen wir nicht unter die Aktiva: die Schulung, die unsere Arbeitergenossen erlangt haben, und die Besserung des Bodens, die Vertiefung der Ackerkrume und ihre Anreicherung dort, wo Stalldung hingekommen ist. Wir reiten langsam den Hügel nordwärts hinauf. Auf dem steinigen Hang bereiten unsere Leute eine Oliven- und Mandelpflanzung vor. In dumpfem Takt fahre’n die riesigen, mörderisch schweren Pflanzhacken nieder, bohren sich in den bröckligen Felsgrund und werden wieder aufwärts und rückwärts geschwungen, zum neuen Ausholen. Wahrlich, das ist härtere Arbeit für die Eroberung des heiligen Landes, als einmal im Jahre seinen Schekel zahlen und in ein paar Versammlungen die Luft erschüttern. Aber — wer es aushält, wird zäh und stark davon. Vom Ghetto-Typ ist nichts mehr zu erkennen an diesen braunen Gesellen, die sich einen Augenblick auf ihr Werkzeug lehnen, um dem Administrator Antwort zu geben. 925 Wir reiten am Abhang hinüber einen steinigen Pfad, auf dem die klugen Pferde vorsichtig gehen wie zwischen Eiern. Links vor uns tritt eine runde Kuppe, offenbar Basalt, über die Hügel, ein Kloster krönt ihr Haupt, der Tabor. Vorn ein arabisches Dorf: S o 1 e m. Hier hat vor fast dreitausend Jahren die Sulamithin geblüht, der der hebräische Dichter das sehnsüchtigste Liebeslied in den Mund legte, das alles Schrifttum der Welt hervorgebracht hat. Halbrechts, hügelab, steil über Blöcke und Geröll, zwischen hohem Wildgras und jüppigen Disteln, lenken wir jetzt die Gäule. Dort im Wadi, dem Bachbett, durch das im Winter die Regengüsse ihren Ausweg zum Kison suchen, ist ein Pfuhl zurückgeblieben, und dort tränkt ein Beduine seine Schafe. Sein Lager, drei, vier schwarze Zelte, ist auf einem kleinen Plateau aufgeschlagen; dort raucht das Feuer des Herdes, um das seine Weiber geistern. Fast nackte, wildäugige, auf dem Scheitel kahl geschorene Kinder starren uns an, struppige Köter kläffen unseren Pferden um die Beine. Und da ist der Dorfplatz, wo in kurzer Zeit die Kolonistenansiedlung stehen wird. Einer der größeren Besitzer, ein Deutscher, baut gerade sein Gehöft. Arabische Maurer mörteln die Wände, Kinder und Frauen tragen Kalk, Steine und Sand herzu, alles in dem wunderbaren orientalischen Tempo, bei dem der Beteiligte seine Nerven schont, der unbeteiligte Europäer aber vor Ungeduld Nervenanfälle bekommen kann. .Wir haben noch keine Orient-Praxis, wir Deutschen: ein Engländer würde sich nicht wundern und aufregen. Und nun noch ein schneller Ritt über die südlichen Felder zu beiden Seiten der Bahn Haifa—Tiberias und weiterhin an der neuen Bahn Merchawja—Jerusalem, die noch ein Torso ist. Dort unten, sehr weit vom Gutshofe, hat die Siedlungsgenossenschaft noch ein Feld von 500 Dunam. Schöner Weizen steht darauf. Leider hat kurze Zeit nach meiner Abreise ein benachbarter Pascha, der sich aus irgendeinem Grunde beleidigt fühlte, seine Hintersassen aus zwei Dörfern in hellen Haufen darauf herumtrampeln und herumreiten lassen und uns argen Schaden getan. Das schlimmste dabei ist, daß einer unserer besten Männer, ein Jungverheirateter Wächter, bei dem Krawall sein Leben hat lassen müssen. Grenzerleben und Grenzerlos! Ein merkwürdiges Land! An der Küste der Kapitalismus in seiner ersten Blüte, mit Bankfilialen, Giro-Konti, Wechsel- und Checkverkehr, Tageszeitungen in allen europäischen Sprachen; im Lande selbst der Feudalismus in seiner Hochblüte: Räuberhauptleute, die aus Kurdistan kamen mit ihrem Gefolge von Bravi und vogelfreien Verbrechern, die Dörfer unterjochten und zu Tributen zwangen, die Beamten einschüchterten oder mit Bakschisch und ihren schönen Töchtern, die sie ihnen vermählten, bestachen, und heute als große Grundherren und Exzellenzen (Paschas), in ihren „Schlössern“ hausen und das schöne Land für blankes Gold an die europäischen Einwanderer verkaufen. Die Landbewohner, soweit sie noch freie Eigentümer sind, in voller „Urzeit“ mit Blutrache und aller Romantik des „Heldentums“ dieser Stufe, das sich mit Viehdiebstählen, Reiterstückchen und Ueberfällen vor den braunen Mädchen brüstet - und dazwischen die Zeitlosigkeit, der Anfangszustand, wie er Jahrtausende vor Hammurabi und Abram bestand, der Nomade mit seinen Herden, in den gleichen schwarzen Zelten, wie die heilige Schrift sie schildert! Mit einiger Erleichterung wende ich den Kopf der Stute dem alten Dorfhügel zu, der mit seinen roten Ziegeldächern nahe herübergrüßt. Die Felder sind besser als ich erwartete. Wie aber werden die Menschen sein? Denn mehr als von aller Technik des Ackerbaues hängt jetzt ab von dem genossenschaftlichen Geist der Arbeiter.