Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 29 (18.7.1913)
- Date
- 1913-07-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316603--57683-3376152- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
924 Nr 29 D!£3§£E-LT hundert zu hundert Meter, mit einem Hofraum also von einem Hektar. Aber vorläufig fehlt die Südfront noch ganz, die Ostfront noch mehr als zur Hälfte, und auch Nord- und Westfront sind noch nicht ausgebaut. Im Norden liegt der Stolz des Gutes, das breit hingelagerte Stall- und Speichergebäude, zu zwei Dritteln vollendet. Es bietet Raum für das Spannvieh und die eine Hälfte der Milchvieh-Herde, die bei vollem Bestände vorhanden sein wird. Der Anbau für die zweite Hälfte ist im Bau. Auf der Sonnenseite zu ist dem Untergeschoß ein breiter Gang vorgelagert, der sich durch mehrere arabische Bögen nach dem Hof zu öffnet; er verhindert, daß die Südsonne das Gebäude selbst erwärmt. Die Fenster öffnen sich nach Norden, so daß auch im heißen Sommer eine gesunde Temperatur herrschen wird. Ueber dem Stall, unter dem flachen orientalischen Dach, sind Heuböden: heute sind sie vollgesteckt von Arbeiterfamilien, die auf dem überfüllten Hügel keinen Platz mehr finden konnten. Es ist hohe Zeit, daß das Kolonisten- Dorf auf dem Plateau noch einen Büchsenschuß weiter östlich, und daß die Gutsarbeiterhäuser endlich fertig werden, um dieser wahrhaftig polizeiwidrigen Ueberfüllung der Wohnräume ein Ende zu machen. Vorläufig stehen erst zwei Arbeiterhäuser auf dem Gute, wie der Stall nach Meister Bärwalds Zeichnungen im arabischen Stil aufgeführt, aber — und das schreit förmlich gegen die Gesamtanlage — mit roten Ziegeldächern! „Der Not gehorchend", hat man sie statt der flachen Dächer des Entwurfs ausführen müssen, weil vorläufig in Palästina niemand es versteht, ein flaches Dach regendicht auszu- Aber was sind zwei Arbeiterhäuser gegenüber dem kolossalen Bedarf? Eins davon braucht die Administration für Beratungszimmer, Bureau und Amtswohnung des leitenden Beamten; in den zwei Wohnungen des zweiten können (in vier Zimmern und zwei Küchen) zur Not achtzehn Mann untergebracht werden: aber das Gut hat ständig 35 und zur Erntezeit wie jetzt an 50 Arbeiter! Und einige sind schon jetzt verheiratet und werden so bald wie möglich eigene Wohnungen brauchen! Die beiden Häuschen werden auf einer Stiftertafel den Namen H a 1 p e r i n tragen, der sie dem Nationalfonds geschenkt hat: wer schenkt dem Nationalfonds für sein erstes Siedlungsgut Merchawja ein Ledigenheim? Meister Bärwalds Pläne sind fertig, mit Uhrturm, Wasserwerk, Badeanstalt, Versammlungsraum usw. wird es ca. 30 000 Frs. kosten. Freiwillige vor! Die braven Jungen, die da unten an der Grenze der Kultur tagtäglich den Feinden, der Malaria und den Büchsen der Araber, ins Auge schauen, die am Fundament des neuen Volkstums, das Ihr träumt, mit ihrem Schweiß und Blut mörteln, haben wohl einen Anspruch darauf, daß Ihr ihnen ein menschenwürdiges Heim schafft. Wir ~ können es vorläufig nicht. Die Mittel sind begrenzt, und der Finanzminister so zäh, wie das seine Pflicht ist. Bei uns heißt es wie beim Kavalleristen: erst das Pferd und dann der Mann! Für unser Vieh ist musterhaft gesorgt, auch für den zweiten Kuhstall samt Speicher sind die Baugelder bewilligt, wie auch für den Geflügelstall. Aber nur zwei weitere Doppel - Wohnhäuschen sind bewilligt — damit müssen wir uns vorläufig behelfen. Und wer nächsten Frühling in der Ebene Jesreel weilen wird, wird von dem stolzen Gehöft Nord-, Ost- und Westfront ziemlich ausgebaut vorfinden, den dreiteiligen Stall und Speicher im Norden, Schuppen und Werkstätten im Westen, Geflügelstall und vier Arbeiterhäuschen im Osten: aber die Südfront wird noch fehlen, und nur die Bildnerin Phantasie, die billigste Baumeisterin der Welt, wird die Gebäude fertig zeigen können, die hier hoffentlich einmal stehen werden, das Ledigenheim und das Verwaltungsgebäude — wenn sich nicht ein Wohltäter findet, der den edlen Ehrgeiz hat, seinen Namen auf ewig mit diesem Pionierwerk zu verbinden. Bis dahin ist der Hof offen, und es wäre doch so gut, wäre er eine geschlossene Festung! Treten wir in den Stall! Links, westlich, stehen die Pferde und Maultiere; im gleichen Gebäude ist das Zimmer des Stallmeisters und die sehr praktisch eingerichtete, militärisch saubere und ordentliche Sattelkammer untergebracht. Dann folgt der Kuhstall mit der Milchkammer, in der Kühlapparat, Butterzentrifuge und das übrige Zubehör untergebracht sind. Unter Deckung steht duftende Milch, gelbe Butter, köstlicher Rahm. Die Deckung ist bitter nötig. Eine ägyptische Plage von Fliegen ist vorhanden. Sie tapezieren die Wände mit schwarzen Trauerfloren, sie quälen die Tiere, die unaufhörlich mit den Schweifen schlagen und die Köpfe schütteln, um sich der Plagegeister zu erwehren, sie quälen die Menschen. In der Kammer liegt ein schlafender Wächter; im dumpfen Halbschlummer kämpft er mit der Wolke der widrigen Insekten, die ihn heimsuchen. Ja, wenn man auf einem Düngerhaufen wohnt! Und doch, es muß möglich sein,, dieses lästige und — durch die Möglichkeit der Uebertragung von Krankheitskeimen — gefährliche Ungeziefer einigermaßen einzuschränken. In Tel- Awiw, sogar im Laden des Konsumvereins, ist es geglückt. Wenn unsere Leute in Merchaw ja erst einmal ihre größeren Aufgaben erledigt haben werden, werden sie auch dieser Plage Herr werden, mindestens in den Wohnungen. Ein Glück, daß da unten in den Subtropen auch die Sommernächte so schön lange dauern, denn in den Nächten sitzt die Stubenfliege still: bei Tage kann der Europäer nur unter dem dichten Moskitonetz vor ihnen Ruhe finden. Der Araber freilich, — den kümmert die Fliege nicht, und wenn sie in Myriaden auftritt. Jeder Reisende im Orient sieht schaudernd überall kleine Kinder sitzen, deren Augen von den Insekten geradezu wimmeln, ohne daß sie auch nur mit den Wimpern zucken. Hoffen wir, daß unsere Leute der Kultur nahe genug bleiben, um diese tierische Unempfindlichkeit niemals zu erwerben. Der Kuhstall ist leer, die Tiere sind auf der Weide. Aber eben kommen sie heim, die „schleppfüßigen Rinder", zur Tränke und Mittagsrast. Na, gerade eine Herdbuchzucht ist es nicht! Von „ausgeglichener Rasse" ist nicht die Rede. Den Hauptstamm bilden die schönen, seidenglatten, mittelgroßen Beyruther Kühe, aber daneben trotten die winzigen Tiere des einheimischen Araberschlages, kaum größer als ein europäisches Kalb, und, ein sehr heiterer Kontrast, ein paar von den riesenhaften, elentiergroßen Damaskus-Kühen mit den schlanken Hirschköpfen, ein Größenverhältnis etwa wie zwischen Pintscher und Neufundländer. Ja, wir sind auch in dieser Beziehung noch im Stadium der ersten Versuche, und es wird seine Zeit dauern, bis wir diejenige Rasse »>erausgezüchtet haben, die in diesem Klima und bei diesem Futter den höchsten Nutzertrag gewährleistet. Noch ein Blick in die trefflich eingerichteten Werkstätten, die an der Westfront untergebracht sind, Tischlerei und Schmiede, die alle Holz- und Metallarbeiter! des Betriebes ausführen, von der Wagendeichsel bis zum Fensterrahmen, von der Reparatur eines Messers in der Erntemaschine bis zum großen eisernen Tor, das einst den Hof abschließen wird. Und nun auf die Felder! Schon „tanzt der Hengst über knirschenden Sand", und die feinhalsige Stute, auf der man mich beritten gemacht hat, wehrt entrüstet bockend mit den Hinterhufen die plumpe Annäherung eines Pferdekavaliers ab. Ja, wie gesagt — — zum Ackerbau gehören, m Montecuculi zu plagieren — drei Dinge: Dung, Dung und Dung. Wo die Frucht auf Stalldung steht, da haben