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Die Welt · 1913-07-18 · 29 (18.7.1913) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
29 (18.7.1913)
Date
1913-07-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 29 923 — DIE^ELT- IM HEILIGEN LANDE ii. Von Dr. Franz Oppenheimer Am Bahnhof von Aphule erwarten uns einige Vertreter der Arbeiterschaft von Merchawja, lauter neue Gesichter. Sie grüßen gehalten, noch haben wir uns kennen zu lernen, und geleiten mich den Weg durch das Tal vom Bahnhof zum Gutshof. Ein Hügel hebt sich aus der Ebene, stattlich leuchten ein paar rote Ziegeldächer, es sieht fast aus wie eine deutsche Burg. Es war auch einmal eine, vor langer Zeit, eine Kreuzfahrerfeste; noch sind die tiefen gewölbten Vorratskeller erhalten, sie dienen jetzt friedlicheren Zwecken als der Verproviantierung einer Zwingburg. Nach so viel wechselvollen Schicksalen, nach so vielen wechselnden Herrschaften der Krieger aus drei Erdteilen sind die Nachfahren der alten Pflüger dieses Bodens heimgekehrt, um ihn für immer zurückzugewinnen mit dem einzigen Mittel, mit dem sich der Boden gewinnen läßt; und das ist nicht das Schwert, das ist der Pflug und der Karst! Ein leichter Regenschauer ist niedergegangen; die Sohlen kleben am zähen Tonboden, wie wir plaudernd zwischen den Feldern schreiten. Neugierige kommen uns entgegen, ein paar schmucke, junge Frauen dabei, ihren Säugling auf dem Arm. Wir ersteigen den Hügel — ach, in der Nähe gesehen, ist er ein ungeheurer Haufen trockenen Düngers, auf dem ein paar Dutzend großer schmutzigweißer Backöfen zusammengeklebt sind, arabische Hütten, und die stattlichen Ziegeldächer sitzen auf leichten, rissigen Holzbaracken. Auf den Dächern faulenzen, wohlig im Sonnenschein zusammengerollt, ein paar Hunde; die Gasse zwischen den Hütten wimmelt von Kindern aller Jahrgänge. Hier wenigstens ist der Neomalthusianismus noch nicht im Schwange; hier beherzigt man noch das Wort der Schrift: „Seid fruchtbar und mehret euch". Ein paar Arbeiter, wetterhart und braun, sehnige Gestalten mit dem ruhigen, mutigen Auge der Pioniere an der Grenze der Wildnis, erwidern gehalten meinen Gruß. An meinem guten Glauben wird kaum einer zweifeln: aber das ist doch noch nicht ganz gewiß, ob ich nicht als „bürgerlicher Utopist" komme, als das Werkzeug irgendwelcher mir selbst verborgener kapitalistischer Ränke oder wenigstens „bourgeois-ökonomischer" Selbsttäuschungen. ..Wir werden dich hören und werden scharf zuhören," das sagen mir diese prüfenden Augen, „und glaube nur nicht, daß wir es dir leicht machen werden, uns mit deinen nationalökonomischen Ketzerreien anzustecken." Ja. es sind starke Theoretiker, diese kühnblickenden Arbeiter und Wächter im Kopfschmuck der Beduinen, — aber es sind zum Glück auch starke Praktiker, unermüdlich harte Arbeiter mit Hacke und Axt. Von der Baracke der Verwaltung aus, die hart über dem Steilabhang des Hügels hängt, hat man freien Blick nach Süden, bis weit, weit drüben zu den Hügeln, die die erste Stufe zum Gebirge von Judäa bilden. Und dort bietet sich dem ersten Blick ein Specimen, das deutlicher zeigt als alle Vorträge, wie dieses Land dankt, wenn man ihm gibt, was ihm zukommt. Herr Dyk, der Pädagoge und Landwirt, der diese Männer und diesen Boden in fast zweijähriger übermenschlicher Arbeit unter fast übermenschlichen Entbehrungen aus dem Gröbsten herausgearbeitet hat, zeigt mir ein Feld mit Phul (Ackerbohne). Die westliche Hälfte steht doppelt so hoch und dreifach so dicht wie die östliche (sie hat denn auch fast die dreifache Ernte gebracht). Das ganze Feld ist völlig gleichmäßig für die Bestellung vorbereitet und während der Wachstumsperiode bearbeitet worden — aber der Stalldung hat nur für den einen Teil gereicht. Und so ist es überall, auf den Weizen- und auf den Gerstenschlägen, wie bei den Bohnen. Wo man dem seit Jahrtausenden ausgebeuteten, bestohlenen Acker auch nur ein wenig Kraft zurückgibt, da lohnt er es mit vervielfachter Ernte. Und das gibt Hoffnung auf den endgültigen Erfolg. Noch setzen wir zu, selbstverständlich bei einem Großbetriebe, der „auf grünerWeide" angelegt wurde und mit ungeübten Arbeitern im neuen Lande mit hier unerprobten Methoden betrieben werden muß, dem die Wildheit des Landes und der Nachbarn, noch gesteigert durch den Kriegszustand, schwere Kosten (z. B. für den Wachdienst und Bakschisch) und oft genug durch Diebstahl und Ueberfälle, schweren Schaden bereitet; der noch alle Arbeit mit hochbezahlten jüdischen Männern ausführen muß, auch solche, die Kinder und Frauen tun könnten — und dennoch! Wenn wir einmal mit der Rotation herum sind, wenn jedes Stück Land einmal den befruchtenden Stoff aus dem Stalle erhalten hat, dann soll die Ernte aus anderen Augen sehen und hoffentlich die Bilanz besser ausschauen. Vorläufig dürfen wir damit rechnen, daß die Ausgaben von Jahr zu Jahr geringer und die Einnahmen von Jahr zu Jahr größer werden. Nur durchhalten, arbeiten und nicht verzagen! Soll das Riesenwerk gelingen, dem durch die Länder gehetzten Ahasver eine neue Heimat zu schaffen, einen Boden, in dem sein dürrer Wanderstab wieder Wurzeln fassen, neue Knospen und Früchte treiben kann, so kann es nur auf diesem Wege gelingen: nur wo der Schweiß des Bauern die Scholle düngt, nur da wird das Land nationalisiert. Und nur dort, wo die Genossenschaft den Boden besitzt, den sie bebaut, nur dort ist die Gewähr dafür gegeben, daß es nicht arabischer Schweiß ist, der den Boden düngt und gewinnt. Das weiß heute jeder, der auch nur flüchtig durch das Land gefahren ist. Und wer nicht will, daß auch in Galiläa Plantatoren- Kolonien entstehen, in denen der Fellache fast allein arbeitet, aus denen die Kolonistenkinder in alle Welt verfliegen, in denen wenig mehr jüdisch ist als die Namen auf den Besitztiteln — der muß helfen, daß dieser erste Versuch genossenschaftlicher Kolonisation über die ersten Schwierigkeiten fortgebracht werde. Oder er muß verzichten! Es geht nicht anders als auf diesem Wege, den ich vor fast zehn Jahren gezeichnet habe, und auf den nicht die graue Theorie, sondern das Leben selbst unsere leitenden Männer, zum Teil sehr wider Willen, immer mehr als auf den einzig gangbaren gedrängt hat: Aber warum verzichten? Schwer mag es sein — aber nichts ist unmöglich! Wer staunend die Renaissance dieser ..Kümmer-Rasse" angesehen hat, diese stahlharten Männer, diese blühenden Jungweiber und noch mehr diese federkräftigen, strahläugigen Kinder, die durch die Gasse jubeln, der wird Optimist, er mag wollen oder nicht. Und wer es mit eigenen Ohren hört, daß die seit zweitausend Jahren tote heilige Sprache hier wieder lebendig geworden ist, die Sprache des Hauses, der Straße, der Schule und der Kinderspiele, — der glaubt daran, daß auch ein dürrer Wanderstab wieder zum blühenden Baume heranwachsen kann. Stattlich, den Augen eine Freude, liegt östlich von dem alten Araberdorf, in dem sich jetzt noch die Arbeiter und Kolonisten zusammendrängen müssen, auf einem anderen Hügel jenseits eines Tälchens, der Gutshof von Merchawja. Einst wird er ein mächtiges Quadrat bilden,

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