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Die Welt · 1913-07-18 · 29 (18.7.1913) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
29 (18.7.1913)
Date
1913-07-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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922 Nr. 29 Grundsätzen an, die das russische Parlament verkündet und betätigt. Die Studentenfrage in der Schweiz i Basel. Die Maßnahmen der deutschen Hochschulen gegen die jüdischen Studenten aus Rußland finden nun auch in der Schweiz Anklang und Nachahmung, allerdings nicht in so schroffer Form wie in Leipzig oder München. Die medizinische Fakultät der Universität Basel erläßt die Anzeige, daß vom 1. Januar 1914 an für diejenigen Studierenden, welche, ohne das Schweizerische Staatsexamen gemacht zu haben, zum Dr. med. promovieren wollen, die Bedingungen wesentlich schärfer sein werden, und zwar sowohl die Zulassungsbedingungen als die Bestimmungen für das Examen selbst. Es braucht wohl nicht hinzugefügt zu werden, daß es fast ausnahmslos russische Juden sind, die davon betroffen werden; denn das schweizerische Aerztediplom ist nur nach Ablegung der schweizerischen Maturitätsprüfung zu erlangen, die russische Juden natürlich gewöhnlich nicht abgelegt haben, da sie eben russische Gymnasien besuchten. Jüdisches Leben in Griechenland Athen. Die zionistische Bewegung breitet sich unter der jüdischen Bevölkerung Griechenlands immer mehr aus. In sämtlichen Gemeinden bestehen zionistische Vereine, die eine eifrige Tätigkeit entfalten. Seit Anfang dieses Jahres sind über 5000 Francs für verschiedene zionistische Zwecke in Griechenland aufgebracht worden, und man hofft, daß sich dieser Betrag bis zum bevorstehenden Wiener Zionistenkongreß verdoppeln wird. Wenn man bedenkt, daß die Zahl der Juden in Griechenland nur 5000 beträgt und daß die allgemeine Finanzlage infolge des Kriegszustandes sehr ungünstig ist, so muß man dieses Ergebnis als sehr befriedigend bezeichnen. Um die Kenntnis Palästinas unter den Juden des Landes zu fördern, planen die griechischen Zionisten die Veranstaltung einer Lotterie, deren Gewinne in Reiseprämien zum Besuche des Heiligen Landes bestehen sollen. Die innige Liebe zum Lande der Väter hindert die griechischen Juden natürlich nicht, treue und hingebungsvolle griechische Staatsbürger zu sein. Die jüdische Gemeinde in V o 1 o z. B. hat ihren Mitgliedern eine Steuer zugunsten der im Felde stehenden griechischen Soldaten und ihrer Familien auferlegt und liefert für diesen Zweck allmonatlich 1500 Frs. ab. Diese Gemeinde besteht aus annähernd 120 Familien, die für Gemeinde- und Kultuszwecke bereits erheblich belastet sind. Die jüdischen Gemeinden in Athen, Korfu und Vo 1 o tragen sich mit dem Gedanken, jüdische Schulen zu gründen, in denen das Hebräische als lebende Sprache unterrichtet werden soll. Eine jüdische Lehramtskandidatin aus Larissa wurde nach Saloniki und Jaffa entsandt, um sich zur Lehrerin des Hebräischen auszubilden und späterhin eine Volksschule mit hebräischer Unterrichtssprache in Larissa zu er- Die rumänische Judenfrage im amerikanischen Parlament New York. Auf Veranlassung des American-Rumanian Emancipation Committee, über dessen Gründung bereits berichtet wurde und an dessen Spitze der Sprecher des Repräsentantenhauses, Mr. Champ Clark, steht, richtete dieser Tage der Abgeordnete von Pennsylvanien, J. Hampton. Moore, im Repräsentantenhause zu Washington eine Anfrage an die Regierung wegen der Lage der rumänischen Juden. Mr. Clark fragte den Staatssekretär der auswärtigen Angelegenheiten, ob die Interessen der Vereinigten Staaten es nicht als wünschenswert erscheinen ließen, daß die Regierung in Verfolg früherer Vorstellungen in Bukarest nunmehr weitere Schritte unternehme, um die - rumänische Regierung an die im Berliner Vertrag übernommenen Verpflichtungen gegenüber den jüdischen Landesbewohnern zu erinnern. Mr. Clark führt.e u. a. aus, daß infolge der rechtlosen Lage der rumänischen Juden und ihrer systematischen Bedrückung tausende von rumänischjüdischen Familien alljährlich nach den Vereinigten Staaten auswandern, das amerikanische Volk also an der Lösung der Judenfrage in Rumänien erheblich interessiert sei. — An die Anfrage des Abgeordneten Moore knüpfte sich eine lebhafte Debatte. Die Zufriedenen „. . . Aber das Bürgertum haßt nicht. Es nörgelt nur. Nicht einmal die jüdische Bourgeosie, für die sich die politisch-gesellschaftliche Benachteiligung des Bürgertums durch- Rassen- und Konfessionsvorurteile potenziert, bringt Haß gegen das bestehende. Auch sie führt einen Kampf um Atome und Partikelchen .... Die jüdische Bourgeosie würde es sicherlich als unerhörten Triumph empfinden, wenn endlich einmal irgendein ungetaufter Konzessions-Cohn oder -Cassel mit dem Leutnantspatent ausstaffiert würde." . . . Diese wahren und klugen Worte hat vor kurzem ein aufrechter, ehrlicher Demokrat — H. v. G e r 1 a c h — geschrieben. Er hat aber die jüdische Bourgeosie noch viel zu sanft angefaßt. Und doch tut es not, einmal über diese entartete Gesellschaftsschicht, die leider in nichtjüdischen Kreisen noch immer als typische Repräsentantin des Judentums gilt, einmaldie volle Wahrheit zu sagen. Die jüdische Bourgeosie! Wie gut sie sich in dieser besten aller Welten fühlt! Sie macht Geschäfte mit Wonne, streicht Profite mit Enthusiasmus ein, baut sich Villen, macht in Kunst, in Patriotismus, in Deutschtum und in anderen „tümem". Hin und wieder sticht sie eine antisemitische Mücke. Irgendein ungebärdiger, ungezogener Presserowdy kläfft sie an, irgendein Radaubruder zieht gegen sie los — ein paar Nadelstiche. Aber ein bißchen Fortschrittssalbe auf die wunde Stelle, und die Zufriedenheit kehrt wieder ein ins jüdische Hehn. „Wie-schön sind deine Zelte, o Jakob, und deine Häuser, o Israel!" Freilich, so war es damals nicht gemeint. Der Sänger, der die Zelte Jakobs pries, hätte au den Villen der Söhne Israels kaum Wohlgefallen gefunden. „Ein Gärstoff sind die Juden unter den Völkern“, hieß es einmal. Und manche behaupteten sogar, das Judentum wirke wie ein Zersetzungsstoff. All dies war vielleicht einmal — und auch nur in recht bescheidenem Maße — richtig. Heute ist es eine Fabel, die erheiternd wirkt. Die satte, zufriedene west jüdische Bourgeosie — ein Gärungsstoff? Welche Gärung, welche neuen Ideen, welche Ideale bringt das reiche jüdische Bürgertum in das Leben von Deutschland, Frankreich oder England? Waren etwa William Morris oder Ruskin oder Arnold Toynbee, die reichen Engländer, die ein soziales Apostolat ausübten, die das Gewissen des Landes weckten, Juden? . . . Vielleicht fällt bald der Vorhang, vielleicht ist das Drama bald aus. Aber wir wittern schon Schlußstimmung. Müdigkeit, Schlafmützentum, behäbiges Sichgehenlassen. Vor allem aber die aufreizende, geistestötende Zufriedenheit. Nicht Ruhe, nicht schöpferische Konzentriertheit, sondern spießbürgerliches Nichtsmehrwollen. „Wahnsinn ist’s zu wollen, was man nicht kann", sagte Lionardo da Vinci. Aber eine Sünde ist’s gegen sich selbst und gegen die Mitwelt, weniger zu wollen, als man kann, sich vorzeitig zu beruhigen, die eigene Energie zu dämpfen. Dies aber ist das Grundübel der westjüdischen Bourgeoisie. Sie hat die Fackel des jüdischen Geistes, des stürmischen, unruhigen, fragenden, suchenden ausgelöscht und sich zur Ruhe begeben. Sie will in den Tod hinüberschlummern. Vielleicht gelingt es ihr auch... D. A. Coralnik.

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