Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 28 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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890 Nr. 28 DIEIqKELT der Universität, verurteilt auf das schärfste die Waidhofner, das Verhalten des Rektors (trotzdem er selbst Mitglied des Senates ist) und stellt mit Entrüstung fest, daß der Dekan Hofrat Dr. Schröder mit den „aufrührerischen Studenten" sympathisiere und doch als Mitglied des Senates wirken dürfe. Die Parteilichkeit des Rektors kennzeichnet er folgendermaßen: „Was soll man dazu sagen, daß die deutschnationalen Studenten am 17. und 19. Mai die jüdischen mit Knütteln schlagen und der Senat darüber nur seinen Unmut ausspricht, privat der Rektor den Studenten gegenüber schärfer urteilt, einen Monat später aber kundgibt, daß nach den Ergebnissen der Untersuchung die Haltung der deutschnationalen Studenten in den Unruhen vom 17. und 19. Mai günstiger zu beurteilen ist, als es in der Kundmachung vom 19. Mai geschehen ist. Ja, um G ot t es w i 11 en , das ist doch gleichbedeutend mit einer Abdikation des Senats! Haben die Deutschnationalen ein Recht darauf, die Jüdischen zu prügeln?" Philippovich schildert weiter, wie der Dank für diese Milde unglaublicher Terrorismus und Roheit war und fragt: „W er leitet denn eigentlich die Universität, der Senat oder der Ausschuß der Deutschnation alen?" So urteilt ein nichtjüdischer Professor, der, wie er betont, die Entwicklung an der Universität seit 20 Jahren beobachtet. Die jüdischnationalen Hörer sind sich ihrer schweren Aufgabe und Verantwortung bewußt. Sie werden vor Terror und Niedertracht der Waidhofner ebensowenig die Waffen strecken, wie vor der Parteilichkeit des Herrn Rektors. Der jüdischen Öffentlichkeit aber muß zum Bewußtsein kommen, daß es sich um eine große, um ihre eigene Sache handelt. Sie darf nicht zulassen, daß sich unsere Studenten fruchtlos verbluten. Sie muß den großen Resonanzboden bilden, der erst den Erfolg verbürgt. Vor allem muß ein Fonds gesammelt werden, der den jüdischen Studenten, die relegiert werden, die Fortsetzung des Studiums in einer anderen Universitätsstadt ermöglicht. Ein denkwürdiger Wahlgang Zu den mährischen Landtagswahlen. Es wurde bereits über den Verlauf der nunmehr abgeschlossenen mährischen Landtagswahlen in der deutschen Kurie berichtet, die der deutschassimilatorischen Politik eine so klägliche Niederlage brachten. Ein sehr bezeichnendes Intermezzo spielte sich noch in Brünn, der Hochburg des Liberalismus, ab. Im Bezirke Altbrünn kandidierte auf Grund des für das ganze Land getroffenen Wahlabkommens zwischen den sogenannten „Freiheitlichen" (zu diesen gehören nebst den deutschfortschrittlichen alle antisemitischen Parteien mit Ausnahme der Christlichsozialen) der jüdische bisherige Abgeordnete Dr. Jarolim, ein um das Deutschtum in Brünn sehr verdienter deutschliberaler Führer. Da die Antisemiten aber ihre Mandate bereits im Trockenen hatten, auf jüdische Wahlhilfe also nicht mehr reflektierten, förderten sie, um die Wahl des Juden zu hintertreiben, insgeheim einen inoffiziellen, antisemitischen Gegegenkandidaten, Professor Reinfuß, und brachten ihn in die Stichwahl. Trotz des bindenden Kompromisses begingen nun die Deutschradikalen Felonie und gaben in großen Plakaten ihren Wählern die Weisung, am Stichwahltage Professor Reinfuß zu wählen. Es war wieder einmal ein Wahlgang, bei welchem nicht über das Bekenntnis zu einem bestimmten Parteiprogramm, sondern über die Stellung zur Judenfrage abgestimmt wurde. Nur mit knapper Mehrheit errang Dr. Jarolim das Mandat, welches ihm vertragsgemäß glatt hätte zufallen müssen und man muß bitter lächeln, wenn der Neugewählte eine Proklamation veröffentlicht in der es heißt: „Möge nunmehr, nach so bewegten Tagen, wieder Ruhe und Frieden in die Bevölkerung einziehen, damit wir unter der Flagge der deutschen Einigkeit Weiterarbeiten.“ Mit ungeahnter Vehemenz stößt die „deutsche Gemeinbürgschaft" das jüdische Deutschtum ab. Die Deutschfortschrittlichen, die einzige deutschbürgerliche Partei, in welcher Juden Platz finden, haben wieder zwei Mandate eingebüßt. Mögen die Juden Mährens rechtzeitig bedenken, daß man über kurz oder lang ihrer Wahlhilfe wird entraten können, und mögen sie sich selbständig organisieren. Es handelt sich um das Wohl und Wehe eines ausgezeichneten jüdischen Menschenschlages, der durch die fremdnationale Politik korrumpiert und wirtschaftlich gefährdet wird! Hetzjagden auf „wohnrechtlose“ Juden in Kiew In den letzten Wochen betrieb die hiesige Polizei wieder mit erhöhtem Eifer den edlen Sport der nächtlichen Streifzüge gegen „wohnrechtlose" Juden. Nacht für Nacht drangen die Häscher in die Wohnungen der jüdischen Bürger ein und fahndeten nach Juden, die in Kiew nicht wohnberechtigt sind. In einer einzigen Nacht wurden auf diese Weise 300 Juden aufgespürt, die sich über ihr Wohnrecht nicht sofort ausweisen konnten und daher ins Gefängnis geschleppt und am nächsten Morgen unbarmherzig nach dem Ansiedlungsrayon abgeschoben wurden! Die jüdischen Hausbesitzer wurden mit hohen Geldstrafen bedroht, falls in ihren Häusern Juden ohne Wohnrecht aufgefunden werden sollten. Vorige Woche ereignete sich bei einer solchen nächtlichen Razzia („Oblawa" lautet der terminus technicus für diese polizeilichen Menschenjagden) ein tragischer Vorfall. Ein jüdischer junger Mann, der sich vor den unmenschlichen Bütteln geflüchtet und in einem kastenartigen Behältnis verborgen hatte, fand in seinem Versteck den Tod durch Ersticken. Dieser Vorfall hat in der gesamten russischen Öffentlichkeit derartige Entrüstung hervorgerufen, daß sich der Adjunkt des Ministers des Innern, L i k o s c h i n , veranlaßt sah, dem Gouverneur von Kiew die telegraphische Weisung zu erteilen, die polizeilichen Streifzüge in Kiew sollten bis auf weiteres eingestellt werden. Zur Beilis-Affaire Kiew. Der berüchtigte Judenfresser Advokat Schmakow aus Moskau, der in dem bevorstehenden Prozesse als Rechtsvertreter der Mutter des ermordeten Knaben Justschinsky fungieren wird, fordert außer den von seiten der Anklage geladenen Belastungszeugen die Vorladung weiterer 95 Zeugen. Die Verteidiger des Angeklagten B e i 1 i s, die Advokaten Grusenberg, Sarudny und Karabtsche wski, beantragen ihrerseits die Ladung von 90 Zeugen. Diese sollen nicht nur das Alibi von Beilis dartun, sondern die vorjährigen Enthüllungen von Brasul-Bruschkowski, Krasse» w s k i und Iwanow durch Tatsachen belegen. Außerdem beantragen sie die Vorladung einer Reihe von Sachverständigen, so der Theologieprofessoren Glagolew - Kiew, Troitzky- Petersburg, Strack- Berlin, des Professors der semitischen Sprachen Kokowzow -Petersburg, des Psychiaters Bechterew- Petersburg und des Rabbiners Mase - Moskau. Der Zeitpunkt für die Gerichtsverhandlung steht noch nicht endgültig fest, doch rechnet man damit, daß der Prozeß Ende August oder Anfang September d. J. stattfinden wird.