Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 28 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316602--57655-3376123- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 28 D!E3^ELT 889 WELTCHRONIK □ □□□□□ jj o Reichsverein Deutscher Juden Berlin. In der Vertrauensmänner-Versammlung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland vom 1. Mai d. J. war, wie seinerzeit berichtet wurde, der Beschluß gefaßt worden, mit Rücksicht auf die bekannten Vorgänge im „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ eine neue Organisation der deutschen Juden zu gründen, die bei völliger Neutralität für die Wahrung der Rechte der Juden einzutreten hat. Die Vorarbeiten zur Begründung dieser neuen Organisation sind nunmehr abgeschlossen. Die neue Vereinigung wird den Namen „Reichsverein deutscher Juden“ führen. Zu den verschiedenen Richtungen innerhalb des Judentums wird der Reichsverein selbstverständlich keine Stellung nehmen. Die vorläufige Leitung des Reichsvereins hat Rechtsanwalt Dr. Klee in Berlin übernommen. Eine Kulturtat der ungarischen Grenzpolizei (Von unserem Berichterstatter) Budapest. Vor einigen Jahren wurde in Ungarn eine neue Institution, die Grenzpolizei, ins Leben gerufen, deren Aufgabe es ist, die Einwanderung fremder Staatsbürger zu überwachen, recte zu erschweren oder unmöglich zu machen und die in den Grenzgebieten sich niederlassenden Fremden unter strenger Kontrolle zu halten. Die jüdischen Zeitungen in Galizien hatten längere Zeit hindurch ständige Rubriken zur Registrierung der ungerechtfertigten Ausweisungen und anderer Belästigungen von schon seit Jahrzehnten in den nordöstlichen Komitaten Ungarns lebenden galizischen Juden. Ueber einen empörenden Fall wird jetzt wiederum berichtet. Ein seit vierzig Jahren im Komitate Märamaros lebender aus Galizien stammender Jude wollte von einer Dorfgemeinde einige Waldparzellen kaufen. Der Gemeinderat war dazu geneigt, doch das staatliche Forstamt hielt diese Transaktion für „staats- und gemeingefährlich“ und erstattete kurzerhand Anzeige bei der Grenzpolizei — selbstverständlich nicht gegen den Gemeinderat, sondern nur gegen den Juden. Und die Grenzpolizei verurteilte den schon längst gänzlich magyarisierten Juden, der im Lande geborene und verheiratete Kinder hat, der im Dorfe Grund und Boden sein Eigentum nennt und in dessen Hause die staatliche Dorfschule untergebracht ist, ohne weiteres zur Ausweisung, und zwar nicht nur ihn, sondern auch seine sämtliche Nachkommen. Die Komitatsbehörde bestätigte den Ausweisungsbescheid, und der unschuldig Betroffene wandte sich jetzt an das Ministerium des Innern, dem er vorstellte, daß die Ausweisungsbescheide eine flagrante Verletzung des ungarischen Staatsbürgergesetzes vom Jahre 1879 bedeuten, da dieses ausdrücklich besagt, daß alle diejenigen, die am Tage des Inkrafttretens des Gesetzes bereits fünf Jahre ohne Unterbrechung auf dem Gebiete der ungarischen Krone wohnen und dort Steuern zahlen, als ungarische Staatsbürger zu betrachten sind. Wie verlautet, wird das Ministerium des Innern auf Grund des sonnenklaren Wortlautes des Gesetzes die Ausweisungsbescheide annullieren und das ganze Verfahren ein- Geschieht das nun, so hat es der Mann aber nur dem glücklichen Umstande zu danken, daß er im Jahre 1879 bereits mehr als fünf Jahre in Ungarn wohn+e. Wäre er etwa erst 1876 nach Ungarn gekommen, so müßten er und seine Familie heute, nach 37 Jahren, Haus und Heimat verlassen, weil er ein Stück Wald kaufen wollte, dessen Verkauf die Aufsichtsbehörde — vielleicht an sich mit Recht — nicht für angängig hielt. Na — ist Magyarien nicht ein Kulturstaat — an russischen Maßstäben gemessen? Der Kampf der jüdischen Studentenschaft in Wien Die gegenwärtige Situation. — Das Verhalten des Rektors. — Eine Kundgebung des Professors Philippovich. (Von unserem Berichterstatter.) Wien. In der großen Bürgerversammlung nach den Universitätsereignissen, bei welchen das jüdische Volk in effigie verbrannt wurde, schwor der Sprecher unserer Studenten, die jüdischen Hochschüler würden in dem begonnenen Kampfe so lange ausharren, bis ihnen entweder der akademische Senat Gerechtigkeit widerfahren lasse, oder bis der letzte jüdische Student, der zur Ehrennotwehr greife, relegiert sei. Alles erhob sich, das Gelöbnis wurde mit enthusiastischem Beifall gebilligt. Einige Wochen sind verflossen und das Bild hat sich geändert. Die akademische Jugend ist sich treu geblieben, aber nur die zionistische Partei steht ihr zur Seite. Die Herren assimilatorischen „Gratulanten“ jedoch haben ihre Empörung ad acta gelegt und ihre Organe, die „freisinnigen“ Zeitungen, lassen die jüdischen Studenten im Stiche. Schon nach dem famosen Anschläge am schwarzen Brette, in welchem die Jüdischnationalen mit der Erklärung abgespeist werden, es sei tatsächlich eine Beleidigung, wegen der Abstammung von jüdischen Eltern als „der Ehre bar“ behandelt zu werden (wie höhnisch, kränkend, ja aufreizend ist doch diese Feststellung!), begann die Stimmung abzuflauen. Es ist bezeichnend, daß ein Teil der assimilatorischen Tagespresse die an dieser Stelle besprochene Versammlung, das jüdische Studentenheim betreffend, mit der Begründung nicht ankündigen wollte, die Angelegenheit sei durch die Erklärung des Rektors erledigt und solle nicht abermals breitgetreten werden. Der Herr Rektor aber wartete noch ein Weilchen zu, und als er sah, daß sich die Herren „Israeliten“ wieder der früheren Indolenz hingegeben und die Tagesblätter beschlossen hatten, sich für diese ach allzu jüdische Angelegenheit fürderhin nicht zu exponieren, begann er andere Saiten aufzuziehen. Jetzt sind die Herren Waidhofner Terroristen seine Schoßkinder, willig beugt er sich der Fuchtel der mächtigen, deutschradikalen Politiker, deren Werkzeug die Waidhofner sind, und an den Juden kühlt er sein Mütchen. Die deutschradikalen Ehrabschneider bedienten sich nämlich jüngst einer neuen, würdigen Taktik. Sie zogen kampfbereit auf und als ihnen die Juden entgegentraten, liefen sie eilends zum Rektor, während die konsignierten Pedelle zahlreichen jüdischen Studenten die Legitimationen abnahmen. Und der Rektor brachte es fertig, dieselben Leute, welche die Abhaltung von Vorlesungen gewaltsam verhindert, die Rektoratstüren zertrümmert und einen ohnmächtigen Juden mit Ochsenziemern bearbeitet hatten, während ihn ein Kommilitone aus der Aula trug, über den grünen Klee zu loben, ihnen schärfste Bestrafung der „provozierenden“ Juden zuzusichern — und das deutschvölkische Israelitentum sekundiert ihm fleißig . . . Wie gerecht die Sache der zionistischen Hochschüler ist, geht aus der Kundgebung des bekannten Nationalökonomen Professor Philippovich hervor, die dem Gerechtigkeitsgefühle und Mannesmute des arischen Gelehrten Ehre macht. Prof. Philippovich, Herrenhausmitglied und Hofrat, behandelt in der „Neuen Freien Presse“ vom 6. Juli die Zustände auf