Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 28 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 28 . MEIqKELT: ist. Denn daß die Universität einmal gegründet wird, daran ist nicht zu zweifeln. Als ich im Jahre 1895 in Jaffa mit dem Plane der Gründung eines hebräischen Gymnasiums hervortrat, als ich bald darauf im „Zion“ meinen Plan im einzelnen entwickelte, da stand ich einem Berge von Unverständnis gegenüber. Man lächelte über den kühnen Phantasten. Inzwischen ist das Gymnasium von anderer Seite gegründet worden, und, — man kann ja abweichende Anschauungen haben — dieses Unternehmen ist heute so gefestigt, daß seine Nützlichkeit und Lebensfähigkeit niemand mehr in Abrede stellen kann. Ebenso wird es mit der Universität sein. Ist doch überhaupt jedes großzügige Werk bis zu seiner Vollbringung ein Stück Utopie. So wollen wir denn die realen Unterlagen dieser Utopie feststellen. * . * Daß wir die nötigen geistigen Kräfte für den akademischen Unterricht besitzen, davon überzeugt uns ein Blick auf die Listen der außerordentlichen Professoren europäischer Universitäten. Aber an keiner dieser Universitäten hat bisher die talmudische Wissenschaft und die „Wissenschaft des Judentums“ im allgemeinen eine Lehrstätte gefunden. Und dazu werden wir ohne große Kosten und ohne jede Mühe Lehrer und Schüler reichlich haben. Diese rabbinische Fakultät könnte dabei besser als anderswo den Anforderungen echter Wissenschaft wie den Erfordernissen unserer Brüder genügen, die in der pietätvollen Pflege unserer Gesetzesstudien eine historische Pflicht sehen. Die Frage rabbinischer Ordination wäre vielleicht im Interesse einer friedlichen Entwicklung unseres Volkstums von der Universität von vornherein zu trennen. Aber wenn man diese rabbinischen Studien an die jüdische Tradition anlehnt und nicht an das Vorbild der christlich-theologischen Fakultäten europäischer Universitäten, so werden wir die Hauptschwierigkeiten schon vermeiden. Sehr wichtig ist eine juristische und staatswissenschaftliche Fakultät. Wir bedürfen ebenso sehr einheimischer Verwaltungsbeamten für unsere wachsende Kolonisation, wie der ottomanische Staat jüdische Beamte gern nehmen wird, die sein Recht und seine Verhältnisse an Ort und Stelle kennen gelernt haben. Von den technischen Fächern können wir absehen, da diese in Haifa genügend vertreten sein werden. Nur die abstrakten mathematischen Wissenschaften mit der Astronomie werden in Jerusalem ihre Stätte finden, wodurch hier die wichtigste Ergänzung für das Haifaer Technikum gegeben sein wird. Alle diese Fächer erfordern außer einer Bibliothek und Instrumenten wenig sächliche Ausgaben. Das gleiche ist der Fall mit den Kulturwissenschaften, besonders den historisch-philologischen und philosophischpädagogischen Fächern. Aber für diese Abteilungen muß vorher eine große und ausreichende Bibliothek gegründet und organisiert sein, wenn an eine einigermaßen fruchtbringende Arbeit gedacht werden soll. Da ist die Bibliothek die absolute und unumgängliche Vorbedingung. Denn die vorhandenen Bibliotheken sind ausschließlich als Hilfsmittel für die rabbinischen Studien zu verwerten. Wir müssen wissen, daß bis jetzt keine jüdische Bibliothek in Jerusalem existiert. Das gleiche gilt überhaupt für alle Fächer, und selbst die medizinischen und naturwissenschaftlichen Fächer, die größtenteils der Laboratorien, der Institute und der Sammlungen bedürfen, können doch nicht der Bibliothek gänzlich entraten. Diese Fakultäten werden sich an die Krankenhäuser, an das biologische Institut und ähnliche Einrichtungen anlehnen müssen und ihre Schwierigkeiten einerseits, ihre Möglichkeiten andererseits zu erwägen, bleibt Fachleuten überlassen. Aber wir wollen nicht übersehen, daß der Orient, nicht bloß der türkische, Aerzte braucht, die eine bessere Ausbildung haben als jetzt die einheimischen und die griechischen Aerzte, und die trotzdem der Landessprachen mächtig sind. Solche Aerzte würden in Syrien und Kleinasien, in Aegypten und dem ganzen arabischen Hinterland ein weites und fruchtbringendes Feld finden. Aber gegenüber diesen Erwägungen stehen andere, die nicht minder wichtig sind. Da sind die ungeheuren Kosten, die eine Universität verursacht Man darf natürlich keinen Pariser oder Berliner Maßstab anlegen. Aber eine so kleine Universität wie Gießen mit nur 1378 Studenten hat einen Jahresetat von 1 628 536 Mark, von denen allein 1 013 599 M. vom großherzoglich hessischen Staate jährlich zugeschossen werden. Kiel mit seinen 1701 (im Sommer 2375) Studenten muß jährlich 1 281129 Mark Staatszuschuß in Anspruch nehmen. Die Kosten selbst der kleinsten Universität sind außerordentlich hoch, wenn sie einigermaßen etwas leisten soll. Andererseits wird der Zustrom zu der hebräischen Universität aus Deutschland mindestens nicht kleiner sein als aus Rußland, da es schon heute hunderte jüdischer Studenten gibt, die sofort die Gelegenheit wahmehmen würden, in einem hebräisch-jüdischen Milieu zwei Semester zuzubringen, wenn ihnen nur die Möglichkeit dazu gegeben wäre. Natürlich wird nicht jeder, der als Dozent die nötige Eignung hat, schon sofort beim Amtsantritt seine Vorlesungen hebräisch halten können. Aber est ist jedem möglich, sich zu verpflichten, nach längstens dreijähriger Lehrtätigkeit diese nur in hebräischer Sprache auszuüben. Das war der Weg, den die große Budapest er Universität mit Erfolg eingeschlagen hat, und durch den sie sich noch jetzt aus Europa, vor allem aus der deutschen Wissenschaft, ihre besten Kräfte holt. Palästina ist weit, aber nicht so weit wie Amerika, an das bereits in Rußland im Hinblick auf das Studium gedacht werden muß. Dem Judentum erstand aus der Mitte der russischen Juden die Renaissance, die ja jetzt dem deutschen Judentume schon am meisten zugute kommt, und die auch nach Amerika hinübergreift. Es ist eine Pflicht der Dankbarkeit und der nationalen Zusammengehörigkeit, durch die Gründung einer Universität in Jerusalem die Mittel zur Erhaltung und Erhöhung der Eigenkultur der russischen Juden zu schaffen. Denn darum handelt es sich für die russischen Juden, nicht um eine „Attestaten-Anstalt“. Die Sache ist möglich, erfordert aber nicht bloß große geistige und materielle Mittel, sondern Jahrzehnte bis zur vollen Ausführung. Aber sie ist nur erreichbar, wenn wir bereits jetzt planvoll an die Arbeit gehen. Man kann selbst mit den reichsten Geldmitteln keine Bibliothek aus dem Boden stampfen. Sie muß planvoll angelegt und organisch entwickelt werden. Sie muß aus sich selbst wachsen. Man kann auch nicht die Institute von heute auf morgen gründen. Auch sie erfordern organisches Wachstum. Aber gerade deshalb muß man planvoll vorgehen und nicht warten, bis bessere Möglichkeiten entstehen. Denn nur durch die Schaffung einer großen wissenschaftlichen Bibliothek, nur durch die Entwicklung einzelner Institute kann man allmählich die Universität ins Leben rufen. Daher sollen wir alle falschen Bedenken beiseite lassen und. die notwendigen Vorarbeiten für die Schaffung einer Universität leisten. Wissenschaft erhöht ein Volk. Die Universität in Jerusalem wird die gesicherte Heimstätte für die Wissenschaft des jüdischen Volkes sein.