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Die Welt · 1913-07-04 · 27 (4.7.1913) · page 17

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
27 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 27 869 DIEl^ELT uns plötzlich hart zurück und ruft uns höhnisch zu: Ihr seid keine Deutschen und es gibt für euch kein Mittel, Deutsche zu werden; Fremde seid ihr, Fremde bleibt ihr ewig. Was sind wir denn? Unsere jüdische Seele nimmt man uns durch die Erziehung und den Unterricht und die deutsche Seele, die man uns einhaucht, dürfen wir nicht. ausleben. Das ist das große Verbrechen, das man an uns begeht.“ Zwei Welten stoßen in dieser Szene aufeinander, verkörpert durch zwei hochstehende Männer, von denen jeder aus fast denselben Ursachen einen anderen» Schluß für sich gezogen hat. Aber Dr. Kohn hat das Leben richtiger erkannt, wenngleich er nur zu teueres Lehrgeld dafür zahlen muß. Er, dessen Liebe von des Geheimrats Tochter erwidert wird, findet keinen anderen Ausweg als den, sich von der Kugel des Bruders der Geliebten niederschießen zu lassen. Dieser Bruder, Leutnant im Leibvegiment, darf es nicht dulden, daß ein Jude den Blick zu seiner Schwester erhebt, er beleidigt Kohn schwer, wirft ihm dann noch Feigheit vor und so muß der Jude sich vor die Waffe eines Mannes stellen, den er schon als Christinens Bruder nicht verwunden darf. Sterbend wird er in die Wohnung des Geheimrats gebracht, von dem sich die eigene Frau, des Superintendenten Schwester, und seine Söhne abgewendet haben, da er im Laufe der Ereignisse sein jüdisches Herz wiedergefunden hat, das ihm die Taufe nicht hat nehmen können. Aber einen anderen Gegensatz berührt Nordau noch zum Schluß: den zwischen dem Vater Amschel Kohn und seinem Sohne. Der Vater kann es nicht einsehen, daß sein Sohn sich duellieren mußte. „Was hat mein Sohn ritterlich zu sein? . . . Wir haben von unseren Voreltern gelernt, die Faustgewalt zu verabscheuen. Totschießen und totschlagen sollen die andern. Unsere Waffe ist der Geist . . . Ein Jude muß wissen, daß er in der Zerstreuung lebt . . . Legt ihm der Allmächtige Leiden auf, muß er sie tragen.“ In diesen Worten zeigt sich so recht der Gegensatz zwischen alten und jungen Juden, wie ihn nach dem Leben auch der Dichter zu Gestalten formt. Nicht nur in Nordaus „Dr. Kohn“. In ähnlichem Sinne tut das z. B. Sudermann im „Sturmgesellen Sokrates“. Auch hier steht der Vater dem Sohne gegenüber. Der Sohn, Siegfried Markuse, ist als junger Student in die Fremde gezogen, auch er voll Sehnsucht nach dem Anschluß an seine deutschen Brüder, aber sie wollten ihn nicht kennen, sie versperrten ihm die Türe zu ihren Studentenverbindungen, und je mehr er sein Deutschtum betonte, desto weniger wollten sie ihn anerkennen, bis er schließlich zur bitteren Erkenntnis kam: ,sie wollen uns zu Feinden haben1. Und das hat ihn stark gemacht, stark dazu, geistiges Kapital zusammenzuscharren, damit er in dieser Welt ihnen gewachsen ist. Denn er fühlt das Ghetto, das sie, die andern, um ihn, um die Juden aufrichten: es wird nichts weiter sein als hie und da ein kaltes Lächeln, ein sehr höflicher Absagebrief und ein unerwiderter Besuch und wird doch tausendmal schmerzlicher auf die Gemüter drücken als die stinkende Gasse von dazumal. Aber der Vater versteht den Jungen nicht. Er ist Rabbiner — wir erinnern uns an den hochstehenden Rabbiner im „Neuen Ghetto“ — und glaubt sich, wie der Sohn meint, zu wunder welcher Dankbarkeit verpflichtet, weil man ihn aus dem alten Ghetto rausließ. Er will den Juden hinter allgemeinen Freiheitsideen verbergen, an denen er sich in ehrlicher Ueberzeugung mit Gleichgesinnten, mit Christen, berauscht, ihm schwebt ein Traum von Gleichheit, von Verbrüderung vor, den er vorläufig in seinem demokratischen Verein gepflegt sieht. Doch dieser Verein ist von keinem Bestand, ein Mitglied nach dem anderen fällt ab, zum Schluß bleibt nur der „Sturmgeselle“ übrig und neben ihm treu als letzte Säule der Rabbiner Markuse. Der muß von einem der letzten, die fahnenflüchtig werden, dem Oberlehrer Boretius, die bitteren Worte hören: „Ich weiß nicht, was unsere im übrigen gewiß sehr ehrenwerten jüdischen Mitbürger sich in unsere Angelegenheiten zu mischen haben.“ Er macht dieselbe Erfahrung wie sein Sohn, sein Traum ist wohl zu Ende. Als Menschen, dem einzig die Sorge um das Wohl der sich ihm anvertrauenden Kranken maßgebend ist, zeichnet uns Schnitzler auch seinen Professor Bernhardi. Diese Sorge geht so weit, daß er selbst dort, wo die katholische Kirche auch ein Recht auf den Sterbenden verlangt, kein Bedenken trägt, auf seinem Standpunkte sogar ihr gegenüber zu bestehen. In dieser Sorge um den Kranken bis zum letzten Atemzug verwehrt Professor Bernhard! dem Priester den Zutritt ins Krankenzimmer. Aus diesem Vorfall wird, vor allem weil Bernhardt Jude ist, fast eine Staatsfrage, die antisemitischen Parteien bemächtigen sich des Falles und Bernhardi, fast von allen, selbst von den meisten christlichen Kollegen, denen der Jude schon lange ein Dorn im Auge ist, verlassen, wird angeklagt und zu einer Arreststrafe verurteilt, nach deren Verbüßung er ruhig in die Gelehrtenstube zurückkehrt, trotzdem er mittlerweile Gelegenheit hätte, sich glänzend reinzuwäschen. Was geht ihn die Welt an? Soll jeder über ihn denken wie er will, für ihn ist mit der Verbüßung der Strafe die Angelegenheit erledigt, er „will seine Ruhe haben“. Das ist allerdings ein Vorgehen, das wir ihm vorwerfen müssen. Hat dieser Professor, der wirklich nur zufällig Jude ist, in den Machtkreis der Kirche eingegriffen und wird er deshalb angegriffen, so muß er alles tun, um sein Recht zu erkämpfen. Er müßte es als Mensch, als Arzt und als Jude. Als Jude schon deshalb, weil der Fall sofort verallgemeinert wird, und sein Vorgehen nicht nur für ihn üble Folgen hat, sondern auch gegen andere Juden ausgenützt wird, auch gegen solche, die seine Handlungsweise nicht billigen. Und Schreimann, der getaufte Arzt, sagt ganz richtig: „Auch wenn ich Nationaljude wäre, 'ch würde gegen Bernhard! Stellung nehmen.“ Aber Bernhard! ist eben kein Nationaljude, ja ist so weit vom Judentum entfernt, daß er dem Journalisten Kulka sagen darf: „So wie ich heute beschuldigt wurde, die katholische Religion gestört zu haben, könnte es mir nächstens passieren, als Feind einer anderen, Ihnen vielleicht näherstehenden, verdächtigt zu werden.“ Ihm ist aber auch vom ärztlichen Standpunkt der ganze Vorfall keine prinzipielle Frage, sondern nur ein Einzelfall, sonst würde er wenigstens im Interesse des Standes den Kampf fortführen. Und der Minister hat ganz recht, wenn er mit Bezug auf den Fall Bernhard! sagt: „ln einem gleichgültigen Fall das richtige getan zu haben, erscheint mir nicht nur klein, sondern im höchsten Sinne unmoralisch.“ So ist Bernhard! eine passive Figur, die alles fast trotzig über sich ergehen läßt. Aber in ihrer Art ist sie auch dem Leben abgeschaut, sie ist eine jener Gestalten, die zwar jede Gemeinschaft mit dem Judentum längst verloren haben, aber mit ihren Fehlern oder solchen Schritten, die von den anderen als Fehler angesehen werden, dem Judentum selbst großen Schaden bereiten. Das scheint auch der Dichter irgendwie andeuten zu wollen. Denn diesem Bernhard! hat er einen anderen jüdischen Arzt zugesellt, Dr. Loewenstein, einen jungen jüdischen Draufgänger, der die Dinge beim wahren Namen nennt, sein Judentum nicht verbirgt, sondern gegen die versteckten und offenen Feinde unter seinen Kollegen rücksichtslos Stellung nimmt. Er hält die Tat des Bernhard! für richtig, will aber nicht nachgeben, da er sieht, daß die anderen eine politische Affäre daraus gemacht haben. Jedes Paktieren hält er für ausgeschlossen. Ihn läßt der Dichter die Worte sprechen: „Wenn ein Christ dasselbe getan hätte wie Bernhardt, so wären hinter diesem Christen Tausende oder Hunderttausende gestanden, die

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