Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-07-04 · 27 (4.7.1913) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
27 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316601--57641-3376108
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

868 DIE^ELT Nr. 27 FEUILLETON □□□□□□ Judenfiguren im modernen deutschen Drama Von Professor Dr. Oskar Frankl (Reichenberg). (Schluß.) Unsere Untersuchung hat uns von den rein materiellen Berufen, als deren Vertreter der Jude auf der deutschen Bühne erscheint, allmählich weiter geführt, indem wir zeigen konnten, daß die Dichter bereits auch gewisse geistige Interessen an diesen Judenfiguren betonen (z. B. Jakob in den „Fünf Frankfurtern“). Wir wenden uns nun zu den geistigen Berufen, in denen gerne Juden vorgeführt werden, und zwar vor allem zu der Figur des jüdischen Journalisten. Auch ihr haftet noch etwas Materielles, Erwerbendes an; wie der Bankier die materielle, so hat der jüdische Journalist in dem Drama die geistige Vermittlerrolle und bringt das, was der Beruf ihn an geistiger Münze hat sammeln lassen, unter die Menge. So zeichnen die Dramatiker diese Figur: dem jüdischen Journalisten ist es meist gleichgültig, ob das, was er schreibt, seiner Ueberzeugung entspricht. Er kann schreiben nach rechts und er kann schreiben nach links, meint schon Freytag in seinen „Journalisten“, und nach der Figur in diesem Lustspiel findet sich der jüdische Reporter in unzähligen Gestalten auf der Bühne. Er erscheint fast überall auch schon in der Sprache als Jude gezeichnet, nicht nur in Possen und Operetten, sondern auch im ernsten Stück, seine Aufgabe ist es, möglichst viel zu erfahren, Neuigkeiten zu sammeln und bei großen Ereignissen nicht zu fehlen. Dabei muß er sich’s häufig gefallen lassen, daß er derb angefahren wird und ihm gezeigt wird, daß man auf seine Anwesenheit gerne verzichten würde. So ergeht es z. B. auch dem Journalisten Kulka in Schnitzlers „Professor Bernhard!". Bernhard! will ihn gar nicht empfangen, schließlich muß er sich aber dazu bequemen, da Kulka sich nicht abweisen läßt. Aber was Kulka erfahren möchte, wird ihm nicht mitgeteilt. Vergebens weist er darauf hin, daß er von den „Neuesten Nachrichten“ ist, daß sein Chef selbst an Bernhardts Angelegenheit das größte Interesse nimmt, daß dem Professor gerne die Spalten der freiheitlichen Zeitung geöffnet sind* er wird zur Tür hinausgeworfen, Bernhard! will mit der Zeitung und ihren Vertretern nichts zu tun haben. Eine klägliche Rolle, die der Journalist hier spielt! Und zu dieser Figur paßt es ganz, daß sich Kulka gegenüber Bernhard!, der eine Anspielung auf die Religion des Journalisten macht, stolz in die Brust wirft: „Ich bin konfessionslos, Herr Professor.“ Das ist der einzige Mut seiner eigenen Ueberzeugung, den dieser Kulka aufbringt. Eine eigenartige Stellung nimmt in demselben Stücke eine andere Person, der Arzt Dr. Feuermann, ein. Dr. Feuermann hat sich aus niedrigen Verhältnissen durch großen Fleiß bis zum Arzte durchgearbeitet, ist dann sofort, ohne die Gelegenheit zu nehmen, sich an Spitälern auszubilden, in die Praxis getreten, da er Geld verdienen muß. Als Bezirksarzt einer kleinen Stadt ereilt ihn nun das Verhängnis. Er begeht einen Kunstfehler und verliert trotz Eintretens der ärztlichen Sachverständigen seine Existenz. Dieser Arzt, der von früher Kindheit stets nur die ernste Seite des Lebens gesehen hat, der sich redlich abgemüht hat und schließlich verzweifelt sich die Füße zu Professoren und zum Minister wundläuft, ohne etwas gegen die Kleinbürger zu erreichen, ist eine bedauernswerte Figur, wie sie leider nur zu sehr dem Leben abgeschaut ist. Sie kommt auch in anderen Berufen vor! Unter den geistigen Berufen ist besonders noch ein Stand, dessen Vertreter auf der modernen deutschen Bühne gerne als Jude gezeichnet wird: der Rechtsanwalt. Der jüdische Advokat tritt in den verwickeltsten Situationen auf, er weiß immer einen Rat und opfert sich für seinen Klienten. Ein solcher Mann ist Dr. Moritz Oppenheimer in der Komödie „Büxl“ von Holz und Jerschke. Durch sein geschicktes Eingreifen gewinnt sein Klient, ein böser Verbrecher, Zeit und Gelegenheit, sich vom sicheren Tode zu erretten, ihn macht auch der Fürst zum Vertrauensmann, aber in all seiner Klugheit sieht er nicht, daß seine Frau ihn betrügt, daß die geheimnisvollen Briefe, die er dem Fürsten wieder schaffen soll, von ihr selbst geschrieben sind. Der Uebereifer für seinen Beruf, eine fast unerklärliche Vertrauensseligkeit gegenüber seiner Frau, die er in den merkwürdigsten Situationen antrifft, machen ihn für Zusammenhänge blind, die jeder andere wenigstens ahnt, und lassen ihn schließlich lächerlich erscheinen. Da steht der Advokat Dr. S a m u e 1 in Herzls „Neuem Ghetto“ anders vor uns. Er kennt keine Schliche, aber auch keine Rücksicht, wo es gilt, offen vorzugehen, mit scharfem Verstand erfaßt er die Situation und stellt auch dort tatkräftig seinen Mann, wo er seine beleidigte Ehre, die Ehre seines Volkes rein zu waschen hat. Und als er schließlich zur Waffe greifen muß, weil ein christlicher Spekulant den Juden in ihm verletzt hat, als man ihn dann, zu Tode verwundet, nach Hause bringt und seine alten, guten jüdischen Eltern an seinem Bette jammernd zusammenbrechen, da klingen seine letzten Worte als die Erfahrung seines ganzen Lebens: „Hinaus aus dem Ghetto!“ Aus dem geistigen Ghetto, das den modernen Juden noch drückender und beengender als die alte Ghettomauer umgibt, in ein freies Judenland. Während Dr. Samuel erst am Ende seines Lebens zu dieser Erkenntnis kommt, ist Dr. K o h n, der Held des gleichnamigen Trauerspieles von Nordau, schon während der ganzen Handlung von der Ueberzeugung durchdrungen, daß es für die Juden keinen anderen Weg als den des Zusammenschlusses und der Erringung eines eigenen Landes gibt. Das sagt er auch offen dem Vater seiner Angebeteten, einem getauften Juden, bei dem er um ihre Hand anhält. Es ist eine herzerfreuende Szene, in der uns Nordau die beiden Männer vorführt, den ehemaligen Juden, den Geheimen Kommerzienrat Moser, der in einem großen Augenblick, nach der Schlacht bei Sedan, die letzten äußeren Bande, die ihn noch mit den „abgestorbenen Formen“ des Judentums verbanden, abzuwerfen beschloß, um ganz eins zu werden mit dem deutschen Volke, und den Privatdozenten der Mathematik Dr. Leo Kohn, der sich nach schweren Kämpfen und Enttäuschungen zu der Erkenntnis durchrang, daß sein Platz bei seinem verachteten, gedrückten Volke ist, daß es kein „Einswerden mit unseren Landsgenossen“ gibt. Als den Aufschrei eines gequälten Herzens hören wir seine Worte: „Auf der Schule, im Regiment, auf der Universität wird uns die Liebe zum deutschen Vaterlande, der Stolz auf unser Deutschtum, die Begeisterung für die deutsche Vergangenheit und alle Großtaten des deutschen Geistes und der deutschen Faust anerzogen, und wenn wir dann ins Leben hinaustreten, deutsch bis zu den Fingerspitzen, deutsch in allem, was wir lieben und hassen, stößt man

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.