Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 27 (4.7.1913)
- Date
- 1913-07-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 27 :LT 861 Kaimakam und der Muarif von den Anwesenden, während die Lehrer mit den Absolventen noch lange in froher Stimmung beisammenblieben. Das eigentliche Reife-Examen wird erst in sechs Wochen stattfinden. Die Zwischenzeit wird von den Absolventen zur Vorbereitung auf die Prüfung und zu allseitiger Erwägung der künftigen Berufswahl benutzt werden. Käme für diese Absolventen nur das eigene Interesse in Betracht, so wäre ja die Frage der Berufswahl nicht sonderlich schwierig. Denn das ottomanische Reich schreit förmlich nach intellektuellen Kräften, und diese jungen Leute sind hinreichend vorbereitet, um nach einer speziellen Ausbildung als Staatsbeamte in Ehren zu bestehen. Aber die Absolventen des Jaffaer hebräischen Gymnasiums sind von der Ueberzeugung durchdrungen, daß sie zu besonderen Leistungen und Opfern ihrem Volke gegenüber verpflichtet sind. Und diese Erkenntnis ist es, die sie in der Wahl ihres zukünftigen Berufs entscheidend beeinflussen wird. - r- Die neue hebräische Tageszeitung Bekanntlich bemüht sich die nationaljüdische Intelligenz in Palästina, eine neue hebräische Tageszeitung zu gründen. Man hat bereits für diesen Zweck in Jaffa und den Kolonien mehrere tausend Francs gesammelt. Trotzdem kommt die Sache nicht recht vom Fleck, da einerseits die aufgebrachten Mittel nicht ausreichen und andererseits auch die Schaffung einer geeigneten Redaktion Schwierigkeiten bereitet. Der Schriftsteller A. M. B o r o c h o w , auf den man besonders gerechnet hatte, ist inzwischen von Jaffa nach Jerusalem übergesiedelt, wo er vom „Bezalel" engagiert wurde. Inzwischen macht die Jerusalemer Intelligenz Anstrengungen, die neue, gute Tageszeitung in Jerusalem und nicht in Jaffa erscheinen zu lassen. Sie wird darin von M. M. Ussischkin unterstützt, der bekanntlich jetzt mit seiner ganzen Energie für die allgemeine Hebung der Jerusalemer jüdischen Bevölkerung eintritt. Die Wahlen zum Midschliss Umumi (Stadtrat), die neulich in Jerusalem stattfanden, wo 3 Moslims, 1 Christ und wegen Zersplitterung der jüdischen Stimmen kein einziger Jude gewählt wurde, beweisen, wie dringend notwendig es für Jeruschalajim ist, daß dort ein neuer Geist in alle Kreise der jüdischen Bevölkerung einziehe. Bezeichnend ist, daß von den bisher in Jerusalem erscheinenden Tageszeitungen nur die von Sephardim redigierte, aber meist von Aschkenasim gelesene „H a c h eruth" Anklang und Bestand gefunden hat. In letzter Zeit erscheint diese Zeitung sogar in vergrößertem Format. Man kann hier überhaupt den Beginn einer nationalen Renaissance bei den Sephardim konstatieren. Während bisher Abraham Abmali ach fast der einzige Repräsentant der Sephardim in der hebräischen Literatur war, gibt es jetzt bereits eine größere Anzahl von Sephardim, die sich in der hebräischen Publizistik mit Erfolg -betätigen. Ein erfreuliches Zeichen der Zeit ist auch die nationale Bewegung unter den Sephardim in T i b e r i a s. Der Gouverneur von Jerusalem In den judäiscfien Kolonien Alljährlich pflegen, die Jerusalemer Gouverneure um diese Zeit, wo der Oscher (die Getreidesteuer) gepachtet und auch eingetrieben wird, eine Reise durch das Land zu machen. Auch der jetzige Jerusalemer Gouverneur, Mugid Bey, unternahm jetzt eine ausgedehnte Reise durch seinen Regierungsbezirk und benutzte zugleich die Gelegenheit, mit Land und Leuten bekannt zu werden. Auf dieser Reise besuchte er auch mehrere jüdische Kolonien, wo er mit der gebührenden Ehrerbietung empfangen wurde. In Pethach-Tikwah antwortete er auf die Begrüßung seitens des Kolonievorstandes, daß es überflüssig sei, die Anhänglichkeit der Juden an die Türkei erst besonders hervorheben zu wollen und daß er den Verleumdungen gegen die Juden nie Gehör schenken werde. In Rechoboth sprach er seinen Wunsch aus, in einigen Wochen dort mit seiner Frau die Sommerferien zu verbringen. In K o s t i n i e sicherte er Erleichterungen bezüglich des Oschers sowie Verbesserungen der Wege zu. Dr. J. L. Metmann, der Gründer des hebräischen Gymnasiums Ans den Kolonien Sichron-Jakob. Wir sind hier am Ende eines „Wahlrechtskampfes", der nicht ohne Interesse ist. Wie in den meisten palästinensischen Kolonien war es auch hier üblich, daß der Waad nur von den Kolonisten gewählt wurde. In den meisten Kolonien, in denen es ja nur wenige Nichtkolonisten gibt, konnte man mit diesem Modus zufrieden sein. Anders in den großen Kolonien, in denen auch viele Nichtkolonisten — Handwerker, Arbeiter, Kaufleute usw. — wohnen. Die meisten dieser Kolonien, wie beispielsweise Pethach-Tikwah, Rechoboth und Rischon 1 e - Zion,, neuerdings auch Chederah, suchten auch diese Elemente zur Leistung von Gemeindesteuern heranzuziehen und mußten ihnen demgemäß auch Rechte einräumen. Bei uns kam noch folgendes hinzu: Bis vor 7 Jahren sorgte die „Administration" für die meisten Gemeindeausgaben. Als darin eine Wandlung eintrat, suchte man eben auch die vielen Bewohner, die in der Kolonie keinen Grund und Boden besitzen, zu besteuern. Nach langjährigen Verhandlungen räumte man dem „Verein der Handwerker und Arbeiter" zwei Vertreter im Waad ein. Nun erhoben aber die Kolonistensöhne die Forderung, daß auch sie nach Erreichung des 21. Lebensjahres wahlberechtigt sein sollten, einerlei, ob sie □och Eltern in der Kolonie haben oder nicht. Einige Kolonisten erblickten darin eine Ungerechtigkeit, da dadurch manche Familien, deren Steuerleistung nicht größer als die der anderen ist, mehrere Stimmen erhalten würden. Schließlich einigte man sich dahin, daß jeder Erwachsene, der einen gewissen Steuerbetrag entrichtet, das Wahlrecht hat.