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Die Welt · 1913-07-04 · 27 (4.7.1913) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
27 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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858 Nr. 27 diesem schwierigen Gebiete rühmlichst bekannt. Dadurch, daß dieses neu gegründete jüdische Kunstarchiv in enger Verbindung mit dem „Gesamtarchiv der deutschen Juden“ steht, ist die gewissenhafte Aufbewahrung und die streng wissenschaftliche Bearbeitung des Materials gewährleistet. Nur auf diesem Wege kann und wird es gelingen, das unsinnige, aber oft noch geglaubte Vorurteil zu zerstören, daß das Judentum kunstfeindlich und auf dem Gebiete der Kunst nicht schöpferisch sei. Gern gebe ich mich der angenehmen Hoffnung hin, daß diese meine wenigen Worte dazu beitragen möchten, die Aufmerksamkeit der Interessenten auf dieses verdienstvolle und uneigennützige Unternehmen zu lenken. Missionsunwesen In Kanada (Von unserem Berichterstatter.) Montre aL Vor kurzem fand in Toronto (Kanada) die Einweihung einer — christlichen Synagoge statt. Diese gutgetaufte Kirche ist von der presbyterianischen Synode zum Zwecke der Mission unter den Juden erbaut und während des jüngst in Toronto tagenden Presbyterianer-Kongresses feierlich eröffnet worden. Das Gebäude ist mitten in das jüdische Viertel hineingebaut; auf zwei Schildern wird in hebräischer und englischer Sprache zum ständigen Besuch eingeladen. Die Kirche hat 35 000 § gekostet, ist im modernen Stil eingerichtet und ohne jeden Bilderschmuck. Bei der Einweihungsfeier sprach u. a. der künftige Pastor der Kirche, Rev. Dr. R o h o 1 d, ein getaufter Jude, ferner zwei andere getaufte, aber unbedeutende Missionare. Bemerkenswert ist, daß der Pastor sich von der Kanzel herab als einen guten Juden bezeichnete und sich erkühnte, den Zionismus als Zeugnis für die wachsende Christianisierung des Judentums anzurufen! In einem Interview sagte dieser Dr. Rohold, daß er in Jerusalem mehrere Brüder und Schwestern habe, die aber von seinen „Heilswahrheiten“ nichts wissen wollen, er selbst sei in England getauft worden und als ein eifriger Missionar nach Kanada empfohlen worden. In der „christlichen Synagoge“ waren an jenem Abend außer mir offenbar keine fünf Juden, vor der Türe aber standen mehrere unserer östlichen Brüder, die mir überzeugt versilberten, jener jüdische Pastor würde ebenso gern von einer jüdischen Kanzel herab reden, wenn man ihm ein höheres Gehalt bewilligte; die Presbyterianer seien aber reicher: quod erat demonstrandum. Die jüdische Bevölkerung in den großen kanadischen Städten ist verhältnismäßig bedeutend und beträgt in Montreal ca. 40 000, in Toronto ca. 25 000 und in Winnipeg ca. 15 000 Seelen, gegen ca. 500 000, 400 000 und 200 000 der Gesamtbevölkerung. Ferner befinden sich größere jüdische Gemeinden in Ottawa und Hamilton. Die Judenmission wird voraussichtlich auch hier sehr schlechte Geschäfte machen, trotzdem empfiehlt es sich, über die Taktik jener gut finanzierten Institute unterrichtet zu bleiben. Im Gegensatz zu obigen Missionaren, die besonders die Kleinarbeit empfehlen und für jede eingefangene neue Seele dankbar sind, steht die Methode, die von einem anderen ehemaligen Jerusalemer Juden, Rev. Samuel Schor, betrieben wird. Schor ist Manager jener Palestine Exhibition, die vor 5 Jahren in London viele Menschen anzog und die 1912/13 durch Nordamerika kam. Den Juden erklärt er, daß er vor allem seine christlichen Freunde über das Judentum aufklären will, da hierüber leider eine bedauernswerte Unkenntnis herrsche. Auch er mißbraucht in seinen Missionspredigten die zionistische Idee für sein Bekehrungshandwerk. Es wäre zu wünschen, daß der Weg zum stammesbewußten Judentum überall durch gute Wegweiser und deutliche Warnungstafeln kenntlich gemacht wird. Organisationsbestrebungen der jüdischen Bevölkerung in Shanghai (Von unserem Berichterstatter.) Shanghai. Die hiesige jüdische Bevölkerung setzt sich aus drei verschiedenen Elementen zusammen. Den ältesten und angesehensten Bestandteil bilden die meist aus Bagdad und Bombay stammenden Sephardim, die in der Regel sozial und wirtschaftlich sehr hochstehend sind und aus deren Reihen hier nur die Inhaber der großen Handelsfirmen David Sassoon, E. D. Sassoou, D. M. David, Edward. Ezra, Samuel & Co. genannt seien. Die deutschen Juden sind ebenfalls sehr wohlhabend und haben Handelshäuser von Weltruf wie Arnhold & Karb erg, Hugo Reis und viele andere begründet. Hierzu kommen die zahlreichen jüdischen Fabrikanten in Deutschland, die nach Shanghai das Hauptgeschäft machen und hier eine Filiale oder Agentur unterhalten. Leider geben sieb die deutschen Juden größtenteils als solche nicht zu erkennen, sondern mimen den Arier. Das dritte jüdische Bevölkerungselement bilden die Russen und Galizier (unter den erstgenannten befinden sich manche Flüchtlinge aus Sibirien), die fast alle in sehr gedrückten Verhältnissen leben, deren Zahl aber doch ständig zunimmt. Obwohl Shanghai eine der reichsten jüdischen Gemeinden hat, ist bisher dennoch blutwenig geschehen, um ein frisch pulsierendes Gemeindeleben zu schaffen, das Stammesbewußtsein und den religiösen Sinn zu pflegen und die Jugend im jüdischen Geist zu erziehen. Diese zahlreiche Gemeinde besitzt nicht einmal eine jüdische Schule, ebensowenig einen Oberrabbiner und geistigen Leiter. Der offiziellen Gemeinde gehören überhaupt fast nur sephardische Mitglieder an, während die deutschen und osteuropäischen Juden sich von allen Gemeindeangelegenheiten fernhalten. Bei seiner jüngsten Anwesenheit in Shanghai hat nun unser Gesinnungsgenosse Dr. Bruno Schindler den Versuch unternommen, einen organisatorischen Zusammenschluß sämtlicher Elemente herbeizufiihren. Zu diesem Zwecke konferierte er mit den Gemeindevorstehern und mit den führenden Personen der deutschen und osteuropäischen Juden. Es wurde eine Kommisäon gebildet, die sich mit der Durchführung der so dringend notwendigen Organisationsarbeiten befassen soll. Dr. Schindler arbeitete ein Memorandum aus, das die Grundzüge einer Neuorganisation der Gemeinde skizziert und Vorschläge zur Schaffung einer jüdischen Gemeindeschule und eines Oberrabbinats enthält. Da China und speziell Shanghai einen ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung nimmt und alljährlich Hunderte von jüdischen Familien ein wandern, so würde die Verwirklichung dieses Organisationsprojekts nicht nur für die jüdische Bewohnerschaft von Shanghai, sondern auch für die Juden in Penang, Singapore, Hongkong, bis hinauf nach Tientsin und Peking von größter Bedeutung sein. Auch der Ueberrest der Juden von Kaifeng-Fu könnte dann dem Judentum gerettet werden, durch Aufnahme ihrer Kinder in die jüdische Schule von Shanghai usw. Außerdem würde die Organisierung und Hebung der hiesigen sephardischen Juden von ungeheurem Einfluß auf ihre Brüder in Bombay, Kalkutta, Bagdad usw. sein. Auch für die zionistische Sache könnte dann viel mehr als unter den jetzigen Umständen geleistet werden. Es gibt hier wohl eine Anzahl rühriger Gesinnungsgenossen, doch könnten durch Schaffung einer straffen Organisation in erster Reihe sehr erhebliche Geldmittel für kolonisatorische Palästina-Zwecke in ganz China, Indien und Mesopotamien aufgebracht werden. £s wäre zu wünschen, daß speziell die in Shanghai ansässigen deutschen Juden sich an die Spitze der Aktion stellten und die Organisationsarbeit tatkräftig zu Ende führten.

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