Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 27 (4.7.1913)
- Date
- 1913-07-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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856 Nr. 27 DIE3^ELT schaftsbilder, die den höchsten Preis verdienen: Haifa und den Tiberiassee. Dann rasselte unser Zug durch die Ebene Jesreel. Rechts und links Palmenhaine, dann Feld neben Feld, Weizen lind Gerste, Gerste und Weizen; selten einmal ein rotblühendes Mohnfeld, ein Stück Ackerbohnen dazwischen. Hier und da ein Dorf, meistens die schmutzig weißen Araberbauten, zusammengeklebt wie die rohen Stöcke der Wespen, zuweilen überragt von dem etwas stattlicheren Gehöft eines Scheichs. Aber hier und da blitzen doch auch die roten Ziegeldächer europäischer Ansiedlungen und vorgeschrittenerer arabischer Dörfer herüber. Station nach Station: Verkäufer von Orangen, von Wasser, von Limonade, von arabischen Süßigkeiten und weißem Brot; schwarz verschleierte Frauen, stattlich schreitende Männer in Turban, Fez oder Filzkappe, verzweifelt schreiende Esel, dumm und bösartig blickende Kamele: der ganze Orient unter heißer Sonne. Und da wird links oben zwischen den Hügeln ein langgestreckter Ort sichtbar: Nazareth; grüne, zum Teil schon gelbe Felder klimmen einen edel geformten Kegel empor, auf dessen höchster Spitze ein weißes Bauwerk leuchtet, der kleine Hermon. Die Bremsen ziehen kreischend an, der Zug hält; wir sind in Merchawja. „Gottes Weite" bedeutet der Name; und wahrlich: eine Weite Gottes ist es, ein fast unendlich breites fruchtbares Tal im Rahmen der sanften Hügel, die es östlich und westlich begrenzen; eine Breite voll tiefer Fruchtbarkeit und Schönheit, die wie in bräutlicher Sehnsucht dessen zu harren scheint, der ihren Schoß zu öffnen versteht. Wenn irgendwo in Palästina, so fühlt man hier, daß dieses Land nichts braucht als Arbeit und rechtliche Sicherheit, um wieder das Land zu werden, darinnen Milch und Honig fließt, um wieder Hunderttausenden froher, freier Menschen zu der Heimat zu werden, in der jeder ausruhen mag unter seinem Weinstock und im Sdiatten seines Oelbaums. O II □□□□□□ WELTCHRONIK □ □□□□□ II o Eine judenfeindliche Verschwörung in Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Die Untersuchung, -die nach der Ermordung des Großwesirs Mahmud Schefket Pascha, eingeleitet wurde, förderte u. a. einen Anschlagauf das Leben angeseh ener jüdischer Mitglieder der jungtürkischen Partei und anderer jüdischer Notabein zutage. Die Verschwörer, bekannte antisemitische Agitatoren, planten zunächst die Ermordung der gewesenen jüdischen Abgeordneten Nissim Mazliach Effendi und Emanuel Carass o. Später sollten andere angesehene Juden an die Reihe kommen. Die Anstifter des Komplotts hatten sich dieser Tage vor dem Kriegsgericht zu verantworten, das die meisten von ihnen zur Verbannung nach einer asiatischen Festung verurteilte. Unter den intellektuellen Urhebern des Mordanschlags befindet sich auch eine Anzahl judenfeindlicher Journalisten, ferner ein ehemaliger Abgeordneter und hoher Verwaltungsbeamter. Die Personen, die dazu ausersehen waren, den Mord an Mazliach und Carasso zu vollziehen, legten vor dem Kriegsgericht ein volles Geständnis ab und wurden zum Tode durch den Strang verurteilt. Bei der Festnahme der Mörder Mahmud Schefkets zeichnete sich der jüdische Gerichtsdirektor an der hiesigen Polizeipräfektur, Samuel Effendi Israel, durch besondere Unerschrockenheit aus. Er wurde von den Mördern schwer verwundet und fand Aufnahme im französischen Hospital. Der Sultan erkundigte sich häufig nach seinem Befinden und hat ihm dieser Tage die Goldene Tapferkeitsmedaille ver- Das neue türkische Kabinet und die Juden Die Mitglieder des neuen türkischen Ministeriums bieten durch ihre persönlichen Qualitäten wie durch ihr bisheriges Verhalten uns gegenüber volle Gewähr dafür, daß der innerpolitische Regierungskurs dem jüdischen Element weiterhin durchaus günstig bleiben wird. Der neue Großwesir, Prinz Said Halim, hatte wiederholt Gelegenheit gehabt, seine wohlwollende Gesinnung den Juden gegenüber zu bekunden. Talaat Bey, der neue Minister des Innern, wurde bekanntlich in einer jüdischen Schule erzogen und stand seither dauernd in freundschaftlichen Beziehungen zu zahlreichen jüdischen Persönlichkeiten. Er spricht das spaniolisch-jüdische Idiom ausgezeichnet und versteht auch etwas Hebräisch. Scherzweise wird er geradezu „der jüdische Minister“ genannt. Ein anderes Mitglied des Kabinetts, H a 1 i 1 Bey, Präsident des Staatsrats und ehemaliger Kammerpräsident, zeichnet sich gleichfalls durch besondere judenfreundliche Gesinnung aus. Dem Herkommen gemäß sprach der Großrabbiner der Türkei, Rabbi Haim Nahum, bei der Hohen Pforte vor, um dem Großwesir und dem neuen Kabinett seine Glückwünsche auszusprechen. Sämtliche Minister empfingen den Großrabbiner in überaus herzlicher Weise und unterhielten sich mit ihm längere Zeit, hauptsächlich über jüdische Angelegen- Zur Beilis-Affaire (Von unserem Berichterstatter.) Kiew. Wie zu erwarten war, hatte der Einspruch des Vorsitzenden und des Referenten der Kiewer Gerichtskammer gegen den Anklageakt nicht die sonst übliche Folge. Sie machte nicht den ordnungsmäßigen Instanzenweg durch, sondern blieb ohne weiteres im Archiv der Gerichtskammer. Der Hinweis auf den rituellen Charakter des Mordes wurde in die Anklageschrift, wie nunmehr feststeht, auf die Forderung des Justizministers hin aufgenommen. Der Vorsitzende des Kiewer Kreisgerichts ging dieser Tage für ein paar Monate in die Sommerferien. Da in seiner Abwesenheit die Verhandlung gegen Beilis nicht stattfinden kann, wird der Bedauernswerte jedenfalls noch einige Monate im Gefängnis auf die Entscheidung des Gerichts warten müssen. Die kommunale Selbstverwaltung in Polen (Von unserem Berichterstatter.) Petersburg. In der Abendsitzung der Reichsduma vom 25. Juni gelangte die Beratung über den Gesetzentwurf betreffend die kommunale Selbstverwaltung in Polen zum Abschluß. Der Polenklub darf sich zu seinem glänzenden Siege gratulieren. Trotzdem die gesamte Linke sich entschieden gegen die Vorlage äußerte, weil sie schwere Rechtseinschränkungen der jüdischen Bevölkerung enthält, trotzdem ferner die Rechte keine Sympathien für die polnische Selbstverwaltung überhaupt hegt, gelangte die Vorlage doch zur Annahme. Zu Ehren der Kadetten und Progressiven muß gesagt werden, daß sie