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Die Welt · 1913-07-04 · 27 (4.7.1913) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
27 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 27 Tel-Awiw wird sich voraussichtlich glänzend weiter entwickeln; hier geschieht einem gewaltigen Massenbedürfnis genüge, der Ansiedlungsnot der osteuropäischen Judenschaft; und es ist, wie es scheint, dafür gesorgt, daß in Zukunft auch die für solche Anfänge vielleicht unvermeidlichen Fehler vermieden werden, die, wie man sagt, die Schuld daran tragen, daß dem äußeren Gedeihen der schönen Ansiedlung das innere nicht so ganz entspricht. Die Auslieferung des städtischen Bodens an das Privateigentum hat .auch hier die Schäden gezeitigt, die wir in aller Welt beklagen: einen-ziemlich kräftigen „Bodenwucher", der sich in hohen Mietspreisen, namentlich für einzelne Zimmer, .äußert — darunter leiden namentlich unsere jungen unverheirateten .Beamten —, und manche Auswüchse der gewerbsmäßigen Bodenspekulation. Aber der Nationalfonds denkt, die anfänglichen Fehler in Zukunft zu vermeiden, und so ist zu hoffen, daß unsere städtische .Gemeinde an der Reede von Jaffa in kurzer Zeit sozial ebenso gesund und blühend sein wird, wie sie es in technisch-baulicher Beziehung schon heute ist. Mir war nur kurze Zeit gegönnt; das Boot brachte mich zum Dampfer zurück, und nach sanfter Fahrt über unbewegtes Meer warf unser Dampfer am nächsten Morgen im Hafen von Haifa Anker. Mein erster Besuch galt selbstverständlich dem Technikum und der künftigen jüdischen Siedlung am Karmel. Unser Doktor Schemarja L e v i n höchstselbst gab meinen Führer ab. Wir stolperten im Sonnenbrände über den Bauplatz, auf dem die Bausteine umher liegen, wir krochen in alle Keller und kletterten in alle schon zugänglichen Gemächer hinein. Das jüdische Sprichwort sagt: „Man darf keinem Narren ein halbgebautes Haus zeigen": aber ich will es doch wagen, schon jetzt meiner Befriedigung über das, was hier geleistet worden ist, uneingeschränkten Ausdruck zu geben. In der Tat ein stolzes Werk, ein schönes Zeichen dafür, was die jüdische Bewegung, die heute noch so schwach und klein ist, wird leisten können, wenn sie einmal groß und erstarkt sein wird. Was mich besonders erfreut hat, ist, daß hier ein aufs Große gerichteter Bürgersinn alle kleinliche Sparsamkeit vermieden hat. Dieser Palast der Wissenschaft und Technik, in edlem Material aufgebaut, in den edlen Linien des arabischen Stils aufstrebend, wird ein Wahrzeichen des vorderen Orients werden; und hoffentlich werden viele Generationen strebender, junger Männer hier die Ausbildung gewinnen, die ihnen ein ehrenhaftes Leben ermöglicht. Auch hier wächst ein Großes aus einer großen Not, diesesmal der Erziehungsnot der jüdischen Jugend. Wenn sich die höheren Bildungsanstalten der Heimat ihnen verschließen, wenn, wie das leider der Fall ist, auch die Hochschulen Europas ihnen die Tore immer mehr versperren, dann bleibt nichts anderes übrig als die Selbsthilfe. Das ist die „heilige Not", die zur größten Kraftentfaltung anspornt und die stärksten Leistungen erzeugt. Ich habe früher dem Gedanken einer jüdischen Universität in Palästina mit großer Skepsis gegenüber gestanden. Ich habe nicht geglaubt,' daß es möglich sein würde, die ungeheuren Mittel aufzubringen, die Errichtung und Erhaltung eines solchen gewaltigen Instituts erfordern, das ja ein Musterinstitut sein müßte, um überhaupt zu bestehen. Nach dem, was jch jetzt in Haifa gesehen habe, ist meine Skepsis viel geringer geworden. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg, das predigen die Quadern des herrlichen, weißen Palastes des Polytechnikums; und, möchte ich hinzufügen: wo eine Not ist, da ist auch ein Wille. Und hier ist eine große Not, vielleicht die größte, die das jüdische Volk treffen kann. Denn diesem Volke der Denker und Gelehrten den Zugang zu den Quellen der Wissenschaft zu verweigern, das bedeutet, es im Marke 855 seiner Existenz zu treffen, und dagegen wird es sich zu wehren verstehen. Außerdem: welche Perspektive! Eine Universität, die alle Träume der heutigen Hochschulreformer nicht nur verwirklichen könnte, sondern geradezu verwirklichen müßte! Alle unsere heutigen Universitäten sind Staatsanstalten: sie profitieren davon, weil ihnen diese Verbindung die reichsten Mittel zuführt, aber sie leiden auch darunter, denn Staatsaufsicht und Staatszweck legen sich mit schwerer Hand auf die Wissenschaft, die nur dann ihre höchsten Ziele erreichen kann, wenn sie völlig frei ist. Was aber sollte eine jüdische Universität im Heiligen Lande anders sein als völlig frei? Wo wäre die Kraft, ihr Bahnen zu weisen, ihr „Richtungslinien" aufzuzwingen? Sie müßte eine freie Hochschule im reinsten Sinne des Wortes sein und ihre Lehrverfassung dementsprechend auf bauen, ähnlich den freien Universitäten des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit, die auch nichts anderes waren als unabhängige Republiken freier Gelehrter, deren jeder nur seinem Gewissen und nichts anderem verantwortlich war. Es war sehr früh am nächsten Morgen, als uns der flinke Zweispänner vom schmucken Hotel Herzlia über die holprigen Straßen zum Bahnhof führte. Durch die schönen baumschattigen Straßen der deutschen Kolonie ging es, und mit einem gewissen Neid sah ich die wohlgepflegten Vorgärten, die Blumenkästen an den Fenstern, die weißen Gardinen, die peinliche Sauberkeit. Das haben die deutschen Bauern aus einem Lande alter Kultur und hoher Gesittung mit herübergebracht: den Sinn für Ordnung, aus dem mit Notwendigkeit eine ästhetische Lebenshaltung sich ergibt. Unsere Kolonisten aber kommen zumeist aus Ländern barbarischer Unordnung und, wenn ich den Ausdruck brauchen darf, Ungesittung, und bringen leider vielfach ihr Milieu mit sich. So hoch sie zum großen Teil intellektuell stehen (ein wenig Talmudgelehrter ist selbst der geringste Arbeiter), diese Dinge sind ihnen vorläufig noch unbekannt, diese Dinge bewerten sie noch nicht, von denen des Franzosen Lebensweisheit sagt: chose superflue, chose tant necessaire. Abgesehen von Tel-Awiw, wo man beginnt, die Gärtchen mit einem gewissen Stolz zu pflegen, und von ganz wenigen Ausnahmen in den älteren Kolonien, sieht man kaum irgendwo etwas von der so reizenden und doch so billigen Aesthetik des Dorfes, kaum ein paar Blumen, kaum ein schattiges Bäumchen. Und ebenso traurig ist es um die Tracht bestellt. Viele gehen noch immer in der aus Europa mitgebrachten Städtertracht, in Melonenhut und Gehrock, herum, die in ihrer Verschmutzung und Verwahrlosung das schönheitsuchende Auge um so mehr beleidigt, weil es empfindet, daß diese Tracht unzweckmäßig, der dörflichen Umgebung und der Kolonistenarbeit nicht angepaßt ist. Hier muß das öffentliche Gewissen allmählich zu bessern versuchen. Wenigstens sollten die Arbeiter der Arbeitergenossenschaften und Arbeitergruppen sich auf eine zweckmäßige, dem Klima und der landwirtschaftlichen Tätigkeit angepaßte Tracht einigen: wenn sie den beiden Bedingungen entspricht, wird sie auch schön sein, denn alle Schönheit ist ja schließlich nichts als höchste Zweckmäßigkeit. Durch die engen, schon so früh von lustigem Leben brausenden Straßen Haifas ging die Fahrt; zwischen den Baumkronen hindurch blitzte die unsagbar schöne, weite Bucht im Morgensonnenstrahl herauf, ein seidenes blaues Bannertuch, das der leichte Wind in tausend irisierende Falten legte. Jenseits, nördlich, schimmerten die weißen Häuser von Akko herüber, und hochher im Nordosten, wie ein Traum von Größe und Schönheit, breitete der ragende Hermon seine blinkenden Firnfelder herab. Außer Taormina kenne ich nur zwei Land- DIE2§£ELT

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