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Die Welt · 1913-07-04 · 27 (4.7.1913) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
27 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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854 Nr. 27 IM HEILIGEN LANDE Von Dr. Franz Oppenheimer Am 6. März d. Js. bestieg ich in Hamburg die „Bülow" des Norddeutschen Lloyd, um via Gibraltar meine zweite Reise nach Palästina anzutreten. Das bedeutete einen Umweg und, wenn man will, einen Verlust von unge/ähr zehn Tagen Reisezeit; aber für den, der wie ich, durchaus seefest und mit seiner Zeit nicht allzu beschränkt ät, ist dieser Umweg und dieser Zeitverlust nur dringend zu empfehlen. Das Billet Hamburg—Port Said kostet ungefähr das gleiche, wie das Billet Triest—Port Said. Demgegenüber steht die Ersparnis an den Kosten des Personen- und Gepäcktransportes auf der Eisenbahn, die die kleine Differenz weit überkompensieren, demgegenüber steht die große Annehmlichkeit, in einem der berühmten schwimmenden Hotels erster Klasse, die die Firma des Lloyd über die ganze Welt bekannt gemacht haben, Erholung zu finden. Die Reise war denn auch sehr angenehm; selbst die berüchtigte Biscaya-Bay erwies sich als leidlich liebenswürdig, so daß nur wenige Kranke an Bord waren. Wir kamen dem Frühling immer näher; in Gibraltar brachte man uns die ersten duftenden Grüße an Bord, in Algier überfluteten die dunkel-violetten Glycinien alle Dächer und Mauern, und an der Riviera zeigten die Mandelbäumchen ihren rosigen Blütenschmuck. In Aegypten war es schon beträchtlich heiß, und es kostete mich manchen Schweißtropfen, als ich in meinem stillen Zimmer im Savoy- Hotel die beiden französischen Vorträge ausarbeitete, die ich in Kairo zu halten hatte. Mr. M o s s e r i half mir beim „Feilen", und die gegen Fremde immer liebenswürdige ägyptische Presse bestätigte mir, wahrscheinlich nicht mit allzu gutem Gewissen, daß ich ein „exzellentes Französisch" gesprochen hätte. Mein erster Vortrag fand in der khedivialen geographischen Gesellschaft statt, der zweite in der Loge B'nai Brith; sie haben dem Unternehmen der Siedlungs-Genossenschaft einige, leider nur sehr bescheidene, Geldmittel und hoffentlich auch einige Freunde zugeführt. Leider kostete mich der zweite Vortrag fast eine Woche: in Alexandrien war angeblich ein Pestfall vorgekommen, und man hatte in Syrien gegen alle aus diesem Hafen kommenden Schiffe eine fünftägige Quarantäne verhängt. Da ich den von Port - Said abgehenden russischen Dampfer des Vortrags wegen nicht mehr erreichen konnte, mußte ich das einen Tag später abgehende englische Schiff der „Khedivial Mail" benutzen, das von Alexandrien kam, und hatte auf diese Weise das zweifelhafte Vergnügen, volle vier Tage vor Beirut und Jaffa liegen zu müssen. Die Küste des gelobten Landes lag vor meinen Augen; ich sehnte mich nach meiner Post, die in Haifa auf mich wartete, um so mehr, als ich gerade an meinem Geburtstage von Port Said abgefahren war, dem einsamsten Geburtstage, den ich je erlebt habe. Und ich mußte mir die Zeit vertreiben, indem ich einige vorsichtshalber mitgebrachte wissenschaftliche Schriften studierte, das Leben auf der internationalen Armada beobachtete, die mit funkentelegraphischen Aufbauten, Torpedo-Lancier-Rohren und allem anderen kriegerischen Zubehör im Hafen lag, und indem ich um bunte Bohnen, die je einen Wert von 5 Centimes darstellten, pokerte. Meine Partner waren der liebenswürdige Kapitän, der nicht ganz weißrassige oberste — na sagen wir Begleiter der Gemahlin eines Paschas, die mit ihren drei reizenden schwarzäugigen Knaben an Bord war, ein deutscher Gesinnungsgenosse und ein jüdischer Unternehmer aus Haifa. Nun, auch diese Zeit ging hin; die „ärztliche Untersuchung" fand endlich statt; sie bestand darin, daß wir pro Person 26 Piaster zu bezahlen hatten. Unsere Zahlungsfähigkeit galt augenscheinlich als Beweis für unsere Seuchenfreiheit. Und dann durfte ich endlich in Jaffa an Land. Das blaue Meer schäumte Jeise an dem schwarzen Klippengürtel auf, als unser schweres Ruderboot unter dem üblichen orientalischen Gebrüll — oder vielleicht war es Gesang? — der Bootsleute auf der langen Dünung in die Reede hineinschaukelte. Die uralten Quadersteine des Quais waren gerade noch so feucht und schlüpfrig wie vor drei Jahren und wie wahrscheinlich schon zur Zeit, als hier die venezianischen Galeeren die Kreuzfahrer ans Land spieen; noch jmmer drängten sich schwarze, braune und weiße Menschen in Fez und Burnus, in Sakkoanzug und „Melone" zwischen den Reihen schäbiger Lastkamele und langohriger Grautiere durch, die die engen, übelduftenden Bazarstraßen des Hafenviertels verstopften. Und noch immer schwamm weiter draußen das ganze Land im süßen schweren Duft der Orangenblüten. Ein Zweispänner führte mich über die holprige Hauptstraße hinaus nach Tel-Awiw — hier aber hatte sich viel geändert. Als ich vor drei Jahren Jaffa verließ, war Tel-Awiw noch ein Embryo. Das .Zentrum der Ansiedlung, das hebräische Gymnasium, war noch nicht vollendet, und unter den Flügeln dieser Gluckhenne duckten sich erst nur wenige Häuschen,- zum großen Teil noch unfertig. Noch waren die Straßen tiefe, unregelmäßige Sandschluchten, noch die Vorgärten ein Wechsel auf lange Frist. Jetzt ist es eine fertige Stadt mit sauberen, breiten Straßen, mit gut gehaltenen. .Bürgersteigen zu beiden Seiten wohlunterhaltener Fahrdämme, wie tsie wohl in keiner anderen Kleinstadt der Levante zu finden sind. Die Häuser ‘zeigen meistens eine erfreuliche Mischung von orientalischem und europäischem Stil; ihre roten Ziegeldächer leuchten freundlich in der hellen Sonne Palästinas. Mit den 480 Schülern des hebräischen Gymnasiums müssen in den jetzt schon ca. 130 Häusern doch etwa 2000 Personen wohnen, und des Wachstums ist kein Ende abzusehen. Schon ist ein großes, neues Gelände erworben worden, das jiach Westen zu die Kolonie mit dem Strande verbindet; schon sind hier die Straßen zum Teil angelegt, und der Traum der Bürger des „Frühlingshügels", daß Jaffa bald ein Vorort ihrer Kolonie sein wird, scheint nicht allzu kühn. Wie lange noch, und am Strande des blauen Meeres zieht sich eine Digue wie in den Nordseebädern; große, vornehme Hotels wimmeln von zahlungsfähigen Fremden, die dem heißen Aegypten entflohen sind, aber es noch nicht wagen dürfen, ins kalte Europa .zurückzukehren, und ein Strom von Gold befruchtet das Land, das einer solchen Danaegabe sehr bedarf. Was hier äußerlich geschaffen ist, ist erstaunlich, hocherfreulich und für die zionistische Bewegung sehr ehrenvoll. Die .Geschäftskarte, die sie, um so zu sagen, den Palästinawanderern in Jaffa mit dieser Ansiedlung und, um das gleich hinzuzufügen, in Haifa mit dem Technikum entgegenträgt, ist wohl geeignet, ihr großen Kredit zu verschaffen. Wir dürfen unserem verehrten Dr. Ruppin, unserm „Einheitsminister" in Palästina, aufrichtig dankbar sein für das, was er hier als „Städteerbauer" im Nebenamte in der Zeit geleistet hat, die ihm seine sonstigen Beschäftigungen als Minister der Finanzen, des Aeußeren, des Kultus, des Verkehrs und des Handels, ja sogar des Krieges übrig gelassen hat: hat er doch auch die „bewaffnete Macht" unserer Schomerim, der reisigen Wächter unserer Kolonien, unter seinem Oberbefehl!

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