Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 26 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 DIE^KELT 838 abzustreifen; dann Salomo n, der Mann voller Pläne, der hoch hinaus will, seinen Brüdern und sich die kaiserliche Baronie verschafft und noch höheren Zielen zustrebt, dem das Geld auch den Weg zur gesellschaftlichen Ebenbürtigkeit bahnen soll, und Karl, der zu seinem Aerger etwas prononziert aussieht und den Emporkömmling nicht verbergen kann. (Als der Hofmarschall des Herzogs die Brüder fragt, ob sie die Münz- oder Waffensammlung sehen wollen, meint Karl: Ich möchte ganz gern die Waffensammlung sehen.) Schließlich J akob, der jüngste, ein moderner Mann mit feiner Bildung und den besten Manieren, ein Gefühlsmensch mit einem guten, treuen und anhänglichen Herzen, dessen erster Weg zur Mutter geht. Und diese Mutter, diese alte Frau Gudula, die sich in" ihren Söhnen spiegelt, dabei aber doch nicht blind ist für ihre Fehler, die treu am Alten hängt, aber sich doch ihrer Stellung und Würde als Mutter des großen Hauses bewußt ist, die gleich lieb und sicher mit dem Niedrigsten wie mit dem Fürsten verkehrt: wie ist sie so recht das Bild einer guten, klugen jüdischen Mutter, die über all der Freude an dem überraschenden Besuch ihrer Kinder doch nicht vergißt, für jeden die Lieblingsspeise zu bestellen. „Es ist ä gesegnete Sitte von euch, daß ihr immer wieder in Vaters Häusche zusammenkommt, wenn was Wichtiges ist," sagt sie stolz zu ihrem Jüngsten und dabei ist sie es, die Lebende, an der vor allem die fünf Söhne in zärtlicher Treue hängen. Dieser Familiensinn, dieses Zusammenhalten der Geschwister ist das Gutjüdische, das uns aus dem Stücke entgegenweht, und noch etwas ist hier, das wir auch in anderen Dramen wiederfinden: das Streben des Juden, durch Verbindung mit einer christlichen Familie über seinen Kreis hinauszukommen. In den „Fünf Frankfurtern" ist Salomon der, welcher durch eine Heirat seiner Tochter mit dem Herzog von Taunus sein Geschlecht heben will, und so sehr auch die Brüder bremsen („Man wird uns das verübeln und es Streberei nennen," meint sogar Nathan), er läßt sich nicht abhalten und würde das Geschäft — denn nur als Geschäft behandelt er die ganze Angelegenheit — zu gutem Ende führen, wenn nicht Lottchens, der Tochter, praktischer Blick, ihr Betätigungsdrang und nicht zuletzt ihr Gefühl sie an die Seite Jakobs, ihres Onkels, zöge, dessen Liebe sie herzlich erwidert. So setzt sie fast ohne Kampf ihren Willen durch und zeigt sich auch darin als modernes Judenmädchen. Und der Vater gibt bald nach. (Nicht anders wählt auch in dem neuen dänischen Schauspiel von Nathansen „Hinter Mauern" Esther ihren Bräutigam hinter dem Rücken und gegen den Willen ihres Vaters, nur ist er hier ein christlicher Dozent.) (Schluß folgt.) LITERARISCHE RUNDSCHAU! Die Religion der Propheten. Von Dr. Max Wiener. (Volksschriften über die jüdische Religion, herausgegeben von Dr. J. Ziegler.) Frankfurt a. M., J. Kauffmann, 1912. Dieses kleine Schrift eben verdient, angezeigt zu werden und sollte Verbreitung finden. Fast alle brauchbaren religionsgeschichtlichen Darstellungen des Prophetismus, die wir haben, stammen von christlichen Gelehrten und wir empfinden immer schmerzhafter den Mangel einer wirklichen jüdischen Wissenschaft. Das Büchlein eines Juden, das eine „Volksschrift" sein soll, ist nun zwar keineswegs ein bahnbrechendes oder irgendwie neue Gesichtspunkte bringendes Werk; aber es ist eine geschickte Zusammenfassung der wesentlichsten Grundzüge des jüdischen Prophetismus und vorzüglich geeignet, den modernen gebildeten Juden, der die jüdische Religionsgeschichte leider in der Regel nicht sehr genau kennt, in diesen wichtigen Abschnitt religiöser Produktion einzuführen. Gegenüber der noch immer verbreiteten Auffassung der Aufklärer, die Propheten hätten auf Grund verstandesmäßiger Ueberlegung ihre eigenen sittlichen Gedanken zur Erziehung der kindlichen Menschheit mit der Autorität des Gottesnamens gedeckt, weist Wiener mit Nachdruck darauf hin, daß man das Wesen und Wirken dieser Männer nur verstehen kann, wenn man sie als Ekstatiker begreift, denen das Erfaßtwerden von dem Göttlichen unmittelbares Erlebnis war. Das Außerordentliche, „Abnormale", ward hier durchaus Ereignis. Die wichtige Umwandlung der religiösen Begriffe, die das Werk der Propheten war, kennzeichnet Wiener im Anschluß an Cohen als die „Ueberwindung des Mythologischen durch das Moralische". Dabei ist zu beachten, daß trotz der Ausbildung des religiösen Universalismus (Idee des Einheitsgottes) die Propheten ganz und gar auf nationalem Standpunkt stehen und von dem Glauben an die Auserwähltheit Israels erfüllt sind, die dem Volke hohe Pflichten auferlegt. Sehr gelungen ist die Auseinandersetzung mit dem Christentum, das sich bekanntlich als eigentlicher Erbe der Prophetie gebärdet, weil es das Zeremonialgesetz verwirft; das beruht auf einem Grundirrtum: denn was die Propheten, die gegen die gedankenlose Werkheiligkeit eifern, verlangen, ist die religiöse, von wahrhaft heiligem Streben erfüllte Tat, nicht der tatenlose Glaube, den das paulinische Christentum predigt. Und nicht die von der christlichen Dogmatik gelehrte transzendente Erlösung von der „Erbsünde", jenem Erbstück des Mythos, liegt im Sinne der Propheten, sondern die aus dem Bewußtsein der menschlichen Freiheit entspringende, selbstverantwortliche sittliche Wahl, die das Menschenschicksal in seine eigene Hand legt. Die Betätigung dieses religiösen Enthusiasmus im irdischen Leben ist die Erfüllung der Menschenliebe; die Anwendung des prophetischen Geistes auf das soziale Leben ist uns überliefert im Deuteronomium, dem humansten aller Gesetzesbücher. Prag. Robert Weltsch. E. Gut: Für unsere Jugend. Ein Unterhaltungsbuch für israelitische Knaben und Mädchen. Neue Folge. J. Kauffmann, Frankfurt a. M., 1913. — Th. Rothschild: Bausteine. Zur Unterhaltung und Belehrung aus jüdischer Geschichte und jüdischem Leben. J. Kauffmann, Frankfurt a. M., 1913. Die verschiedenen allgemeinen Lehrervereinigungen Deutschlands haben seit einigen Jahren begonnen, zur Verbreitung von Bildung und Kunstsinn Ausgaben von Büchern und Reproduktionswerken zu veranstalten. Ihnen sind nun auf diesem Wege die jüdischen Lehrerorganisationen gefolgt. Naturgemäß beschränkt sich — vorerst wenigstens — die Tätigkeit der jüdischen Erzieher auf das literarische Gebiet, wenn auch bereits das eine der vorliegenden Werke einen durchaus gelungenen Versuch mit der Erziehung zur Kunstbetrachtung unternimmt. In nächster Zeit wird sich dieses Verhältnis wegen des Mangels an spezifisch jüdischen Kunstwerken wohl kaum ändern, wenn man nicht rein äußerlich nur das Interesse am Gegenständlichen betonen will. Diese Einschränkung ist aber einstweilen nicht schädlich, da auf dem weiten Felde der Jugendliteratur noch viele Schätze zu finden sind. Diese in den Unterhaltungs- und Lehrbüchern vereinigt zu haben, ist das unbestreitbare Verdienst der Jugendschriftenausschüsse des Frankfurter und des Württemberger israelitischen Lehrerverbandes, die unter Leitung der Herren Gut- Köln bzw. Rothschild - Eßlingen die Zusammenstellung besorgen ließen. Das Buch „Für unsere Jugend" bietet in neuer Folge den Knaben und Mädchen der Altersstufe von 13—15 Jahren in Poesie und Prosa bester Schriftsteller Geschichten zum