Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 26 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 26 DIE^TELT 837 FEUILLETON □□□□□□ Judenfiguren im modernen deutschen Drama Von Professor Dr. Oskar Frankl (Reichenberg). Ein Bild des Lebens — das soll uns vor allem das Drama bieten. Jenes Lebens, das der Dichter sieht, in einem Bilde, wie es ihm erscheint. Was Wunder da, daß wir in der deutschen Dramatik vom Fastnachtsspiel bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts vor allem jenen Juden auf der deutschen Bühne finden, der nüchtern und berechnend Geld leiht und Zinsen nimmt, dessen einzige Sorge der Erwerb ist. Anders sahen die Dichter dieser Zeiten auch den Juden im Leben nicht, gewiß nicht besser; wenn sie ihn von der Ferne beobachteten, zeigte er sich ihnen als Hausierer, Trödler, als Wucherer, gedrückt und gebeugt, schachernd und hastend, verächtlich in den Augen der Welt und in ihren. Und so stand er ihnen auch zum dramatischen Bilde. Allerdings, als dann in der Zeit der Aufklärung und des Strebens nach allgemeinen Menschenrechten auch der Jude in den Augen der Umwelt gehoben werden sollte, da schuf Lessing in der edelsten Absicht, aber weniger dem wirklichen Leben und Alltag abgeschaut als in einem schönen Traum von Verbrüderung und nach dem Bilde seines guten Freundes, die Gestalt des idealen Juden. Und in den Rahmen dieser beiden Judengestalten, des unnatürlichen, weil zu realistisch gesehenen jüdischen Wucherers und des unwirklichen, weil zu idealistisch gezeichneten Nathan, dieser beiden aus den früheren Jahrhunderten übernommenen Judenfiguren, trugen dann die Dichter des 19. Jahrhunderts — nicht zuletzt unter dem werktätigen Einfluß jüdischer Schriftsteller — die große Reihe jener Wirklichkeits-, jener Milieujudenfiguren hinein, die ihnen das Leben bei engerer Berührung mit diesen Menschen bot: der Jude von seiner realistischen und praktischen Denkungsart bis zu seiner idealistischen Gefühlswelt ist das weite Gebiet geblieben, aus dem die modernen deutschen Dramatiker immer neue Gestalten holen. Zwar weichen auch sie den Fehlern der Juden nicht aus, aber sie suchen zu motivieren, zu verstehen und zu verteidigen, wo man bis dahin nur kurzweg das alte Lied übernommen hatte. So ist auch dem Drama des 19. Jahrhunderts der jüdische Hausierer und Wucherer nicht fremd, aber jetzt klingt ein verstehender Unterton mit. Wenn z. B. Anzengruber im „Meineidbauer" den jüdischen HausiererLevy als Episodenfigur einführt, so läßt er ihn kurz auch über sein schweres Dasein klagen und die alte Muhme teilnahmsvoll zuhören. Hat sie doch den alten Levy niemals beleidigen lassen: „Hat einer angefangen zu sticheln und mich geheißen Mansche!! Püh! Wie seid Ihr ihm da gefahren übers Maul," sagt der Hausierer zu ihr und jammert mitfühlend auch über ihr geändertes Los: „Um das bissei Leben streitet Ihr Euch herum mit aller Welt? Weiß das, versteh Euch, Burgerlies, müßt nit selber sein an armer Teufel und obendrein a Jud, der in dem Land da muß sein Brot suchen." Noch motivierter und verinnerlichter wird der jüdische Wucherer im Drama eines jüdischen Dichters, in Beer- Hofmanns „Graf von Charolais" dargestellt. Auch er führt den jüdischen Wucherer als Episodenfigur ein, einen Wucherer, der ungefähr in der Zeit Shakespeares und seines Shylock lebt. Auch bei Beer-Hofmann besteht der Jude auf seinem Schein, ja, er ist so hartherzig, daß er dem Grafen von Charolais den Leichnam des Vaters so lange nicht ausliefern will, bis der Graf die Schulden des Vaters getilgt hat. Aber der Dichter schwächt vor allem den Vorwurf des Wucherns der Juden dadurch ab, daß er dem „roten Itzig" zwei christliche Wucherer an die Seite stellt, darunter einen Heiligenbilder-Verkäufer, dann aber zeigt er des Juden Schicksal, zeigt, wieviel er von den Christen hat erdulden müssen, ehe er so hart wurde, und läßt ihn so noch hoch die christlichen Wucherer überragen. In einer herrlichen Rede legt Beer-Hofmann dem Juden flammende Anklageworte in den Mund: „Oh, ich kann es verstehen," ungefähr in diesem Sinne gipfelt seine Rede, „ich kann es verstehen, Herr Graf, daß Ihr Eueren Vater liebet, verstehen und Euch nachfühlen, hatte ich doch auch einen Vater, aber den meinigen, den haben Euere Glaubensbrüder zu höherer Ehre Gottes am Scheiterhaufen verbrannt, es war ja ein Jude!" Wenn der jüdische Wucherer hart geworden ist, so haben ihn die Christen dazu gemacht: das will der jüdische Dichter in der schönen Szene Und noch nach einer anderen Seite entwickeln die modernen deutschen Dramatiker die Figur des jüdischen Wucherers. Sie bleiben bei dieser Figur nicht stehen, sondern machen, indem sie dem Leben nachgehen, aus dem Wucherer den modernen Geldmenschen, den Börsenspekulanten, schließlich den Bankier. Auch er bleibt für sie Jude, aber er verliert die Härten, die dieser Gestalt ursprünglich anhafteten, und wird uns menschlich näher gebracht mit seinem persönlichen Fühlen. Als eine Uebergangsgestalt in diesem Sinne will ich den Wasserstein in H e r z l s „Neuem Ghetto" anführen. Auch bei ihm ist noch die vorherrschende Note Geldverdienen, aber er tut es nicht mehr, indem er andere drückt oder gar betrügt, und er kennt vor allem noch etwas anderes: er kann sich für eine gute Sache begeistern, er kann bewundern. „Ich weiß nicht, wie er fliegen kann, der Herr Gemahl," sagt Wasserstein zur Frau des Dr. Samuel, der seinem christlichen Feinde die Stirne bietet, er versteht nicht, wie das möglich ist, aber er sieht voll Stolz, daß es einer, ein Jude, doch möglich machen kann. Eine noch liebevollere Auffassung und schöne Vertiefung der Gestalt des jüdischen Geldmenschen zeigt ein Stück, das den modernsten, größten jüdischen Bankier auf die Bühne bringt und zum Mittelpunkt der Handlung macht: Röslers „Fünf Frankfurter". Welche Wandlung von der Gestalt des Wucherers in den Dramen vergangener Zeiten bis zu dem Versenken in jüdische Eigenart, in jüdisches Fühlen und Denken in unserem Lustspiel! Diese Wandlung ist so groß wie der Weg, den das Leben den Juden geführt hat. Fünf Vertreter des jüdischen Geldhauses zeichnet der Dramatiker und neben dem allen gemeinsamen Zuge des Geldverdienens erhält jeder individuelle Züge, die meistens zugleich gut jüdisch sind. Da ist der älteste der Brüder, Meyer Amschel, er hat vom Vater den Namen und das Geschäft in Frankfurt geerbt, er ist Konsul geworden, die Großen der Erde brauchen ihn und schmücken seine Brust mit Orden — er ist stolz darauf, aber er ist nicht anders geworden: ein guter Bissen bei der Mutter schmeckt ihm halt doch am besten und die Speisegesetze sind ihm heilig. Da ist Nathan, der in London lebt, er hat nur Geschäfte im Kopfe, redet wenig, gibt dem jüngsten Bruder weise Geschäftslehren und ist in seinem Benehmen eifrig bemüht, die Gewohnheiten und Eigenheiten von der Gasse