Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 26 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 DIES^ELT möglichst repariert und werde von daheim ein Stein-Konservierungsmittel erhalten. Durch diese Transaktion konnte ich leichter Verhandlungen wegen des Platzes anknüpfen. Ich wies darauf hin, daß es eine Schande sei, den Platz der früheren Synagoge für die jetzigen Zwecke verwenden zu lassen und erbot mich, ihn zu kaufen, wenn sie ihn selbst nicht säubern und ein Bethaus wieder darauf errichten könnten. Ich wollte sogar dieses selbst bauen, wenn sie nur all das sammeln wollten, was noch von der alten Synagoge vorhanden war, um es darin unterzubringen. Aber alles war vergebens, man hatte nicht das geringste Interesse dafür, und so wurde beschlossen, daß ich den Platz, der schon durch verschiedene Verkäufe reduziert war, kaufen sollte. Das von mir erworbene Stück Land ist ca. 400 Fuß lang und 200 Fuß breit, und ich werde noch zwei andere Stücke zurückkaufen. Ein anderes Stück des einstmaligen Synagogengrundstückes ist mit Häusern bebaut, zwar noch im Besitze der Juden, aber sehr hoch mit Hypotheken belastet. Ich hoffe, auch dieses zu bekommen. Mein Vorschlag geht nun dahin, auf dem ganzen Grundstück ein Männerhospital zu errichten, welches ein Denkmal für die Geschichte der Juden von Kaifeng-Fu sein soll, und wenn die Juden von Shanghai oder anderen Orten mir helfen würden, diesen Plan auszuführen, so könnten wir ein unvergängliches und nutzbringendes Denkmal errichten. Die Kauf urkunde für das Terrain ist von den sechs Oberhäuptern der jüdischen Familien unterzeichnet, und der von mir gezahlte Preis betrug § 2,000 (Mex.) ohne Berechnung der Einschreibe- und anderer Gebühren. Als die Behörden erfuhren, daß die Juden mir die Steine zur Verwahrung gegeben hatten, versuchten sie, dieselben von uns herauszubekommen. Der Tutuh schrieb selbst an mich und erklärte, daß diese Steine in die Verwahrung der chinesischen Regierung kommen sollten, aber ich beschloß, die Angelegenheit lieber durch den Erzbischof von Canterhury an das Auswärtige Amt zu leiten, als die Steine in die Hände der Götzendiener zu geben. Schließlich versprach ich durch eine schriftliche Abmachung, daß die Steine niemals von Kaifeng-Fu entfernt werden sollten. Von den acht jüdischen Familien kann ich berichten, daß zu denselben zwar 50 Personen gehören, aber daß sie dem Glauben nicht treu anhängen und es auch nicht wollen. Ich habe Chao eine Bibel gegeben und ihn auf das Alte Testament hingewiesen, aber ich fürchte, es wird kaum eine Hoffnung geben, diese Leute dem Judentum zu er- Hierzu bemerkt Herr Dr. Schindler: Es ist tief beschämend, daß jüdische Kreise sich um die alten historischen Denkmäler des chinesischen Judentums gar nicht kümmern und sie in die Hände der Missionäre geraten lassen. Heute sind diese eingeborenen Juden von Kaifeng-Fu, die von allem jüdischen Leben abgeschnitten sind, dem Judentum schon völlig entfremdet, aber vor 40—50 Jahren bewahrten sie der jüdischen Tradition noch treue Anhänglichkeit, trotzdem sie in ihrer großen Notlage sich selbst überlassen blieben. Es ist rührend, ihre damaligen Aufrufe an die auswärtigen Juden zur Entsendung von Kultusbeamten und zur Erhaltung ihrer Synagoge zu lesen. Ich möchte noch einen letzten dringenden Appell an die Juden aller Länder richten, die Reste der Juden und des Judentums in den entlegenen Teilen Chinas zu retten. Ich selbst versuche jetzt, die Errichtung einer jüdischen Schule in Shanghai durchzusetzen, wo alle diese einheimischen chinesischen Juden ebenso wie die Kinder der eingewanderten Juden in S a n g h a i eine echtjüdische Erziehung genießen könnten. Möchten mir doch gleichgesinnte Juden in allen Ländern in der Durchführung dieses Planes hilfreich zur Seite stehen! Unsere „lugend“ Neulich führte mich der Zufall unter russisch-jüdische Studenten, in eine Versammlung der „Oppositionellen“. Nämlich der — Opposition gegen die jüdisch-nationale Idee, gegen Zionismus und jüdische Aktivität. Wie gesagt, es war ein purer Zufall, daß ich hingeraten bin. Denn an und für sich reizte mich die Sache recht wenig. Mein Gott, es sind ja so alte, alte Geschichten. Seit 15 bis 20 Jahren hören wir immer dieselben Reden und Einwände, dieselbe verbissene, böswillige Kritik der jüdischen Poli- 827 tik. Und das Leben hat alle diese Kritiker zum Schweigen gebracht und uns recht gegeben . . . Aber ich muß gestehen, diesmal war es wirklich etwas ganz Neues, das ich zu hören und sehen bekam. Früher, in unseren Studentenjahren, hatten wir es mit einer bestimmten Gruppe von Opponenten zu tun gehabt --- mit Sozialisten aller Schattierungen. Unserer Lehre von der Eigentätigkeit der jüdischen Nation, von der historischen Berechtigung und Notwendigkeit des Zionismus stellten sie die Lehre des Sozialismus entgegen, der den alten Gruppenbegriff aufgelöst und diesen durch den Begriff der Klasse ersetzt habe. Nun, man kann ja über die Ideologie des Sozialismus die eine oder die andere Meinung haben, eines muß man zugeben, daß der Sozialismus ernste und gewichtige Argumente entgegenstellte, über die man diskutieren konnte, ja mußte. Jeder Diskussionsabend war bei aller Heftigkeit des Tons, bei aller Vehemenz der Debatten für beide Teile fruchtbar und bereitete allen Teilnehmern einen intellektuellen Genuß. Wir wuchsen an den Debatten, stählten uns und bereicherten unser Wissen und Denken. Die Jugend von damals war die intellektuelle Garde unseres Volkes, die geistige Elite des Judentums . . . Und nun ist es anders geworden. Alles ist — ich spreche natürlich von Rußland — flau und trüb, grau und dumpf, trag und schwach geworden. In ganz Rußland ist dieser erschreckende geistige Rückgang bemerkbar. Die russischen Intellektuellen jammern über den Verfall des geistigen Lebens, über die Interesselosigkeit der jetzigen Generation, der heranwachsenden Jugend. Und wie Rußland pfeift, tanzen die Juden. Es sollte eigentlich scheinen, daß gerade die Juden allen Grund hätten, sich erst recht aufzuraffen, sich zusammenzunehmen, um im Kampfe ums Dasein erfolgreich ausharren zu können. Man hätte wohl annehmen dürfen, der jüdische Wille, der jüdische Zorn werde jetzt erst recht auflodern. So sollte es sein - aber es ist nicht so. Es wächst eine Jugend heran, die politisch indifferent, geistig uninteressiert ist. Sogar der national gestimmte Teil der Jugend leistet nicht viel, nicht so viel, wie es nötig ist. Eine allgemeine Ideenverwirrung ist eingetreten. Widersprüche türmen sich auf Widersprüche und man geht an ihnen achtlos vorbei. Da war neulich ein kurioser Fall in Baku. Schalom Asch hat in dieser Naphtastadt sein antizionistisches, antihebräisches Herz entdeckt. Daß Asch ein „Antihebräer“ ist, ist nichts neues. Ist auch ganz begreiflich. Die hebräischen Kenntnisse von Asch sind einfach so dürftig, daß es ihm wohl schwer fiele, sich für die hebräische Sprache zu begeistern. Aber, daß Asch auch Antizionist geworden ist, das ist gewissermaßen überraschend. Was versteht er davon? Was weiß Asch von Politik? Und wozu begibt er sich auf ein ihm fremdes Gebiet? Aber gerade dieser jähe „politische“ Umschwung des Dichters ist symptomatisch. Er ist nämlich auf der Strecke Berlin- Baku von der Stimmung der jüdischen Literaturkreise in Warschau, von der Skepsis, Gleichgültigkeit und Schnoddrigkeit infiziert worden. Denn das ist die Stimmung in den Kreisen der „Elite“ des russischen und polnischen Judentums . . . Allerdings, die , Jiddischisten“ wollen die nationalen Juden sein. Aber in ihrer Bekämpfung des jüdischen Willens zur Zukunft, in ihrer Verneinung der jüdischen Zukunftsziele sind sie eigentlich die Exponenten der Trägheit, die sich der Massen der Judenheit bemächtigt hat. Die Studenten, von denen ich oben sprach, sind noch weiter gegangen. Sie bekennen sich ganz offen zur ..Wurstigkeit“, zum Indifferentismus. In einem miserablen, haarsträubenden. Unwillen erregenden Russisch stellen sie die Probleme, die die Judenheit martern, die Tragik des jüdischen Volkes und dessen Aspirationen als etwas Nebensächliches, Uninteressantes, ja „K o m i s c h e s“ dar.