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Die Welt · 1913-06-27 · 26 (27.6.1913) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
26 (27.6.1913)
Date
1913-06-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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826 Nr. 26 DIEa$KELf Die ungewöhnliche Beförderung wird viel bemerkt. Die Hauptverhandlung findet vermutlich Ende August statt. Viel bemerkt wird auch, daß orthodoxe Sachverständige die Beschuldigung des Ritualmordes zurückweisen und der Staatsanwalt dafür einen einzigen Theologen, den katholischen Pater Pranaitis, auf trieb. Die Verteidigung liegt in den Händen der Rechtsanwälte Grusenberg und Zarudni. Die Verteidiger laden zwanzig Sachverständige und hundert Zeugen; für die Frage der Ritualmordbeschuldigung den orthodoxen Theologieprofessor Kokowzow (Petersburg), für medizinische Fragen den Leibarzt Professor P a w 1 o w und Professor für gerichtliche Medizin Taranuchin (Warschau), für psychiatrische Fragen die Professoren Bechterew und Rarpinski. Im letzten Jahr verweigerte das Kiewer Gericht die Ladung theologischer Sachverständigen mit der Begründung. daß keine Ritualmordbeschuldigung vorliege. Diesmal erhebt der Anklageakt eine rückhaltlose Beschuldigung auf Ritualmord, so daß eine Verweigerung nicht mehr zu erwarten ist. Die Landtagswahlen in Galizien (Von unserem Berichterstatter.) Lemberg. In den ersten Julitagen finden die Wahlen für den galizischen Landtag ihren Abschluß. Die einzige Aufgabe des neuen Hauses wird die Schaffung eines neuen Wahlgesetzes sein. Groß ist die Bedeutung des Landtages für das galizische Judentum auf wirtschaftlichem, kulturellem und politischem Gebiete. Das Bank-, Genossenschafts- und Hilfsfondswesen stehen unter seiner Obhut. Die Agrargenossenschaften und Raiffeisenkassen, das vernichtende Schänkergesetz, das Salzmonopol, die judenfeindliche Finanzgebarung der Landesbank, der Gewerbebank und der galizischen Sparkasse sind Werke der feindseligen Tätigkeit des Landtages gegenüber den Am 17. Juni hat das Zentralkomitee der Zionisten Galiziens ein Manifest erlassen, in dem es heißt, daß die Zionisten von der Aufstellung eigener Kandidaten Abstand nehmen, aber um ihre Grundforderungen kämpfen wollen. Unser Verhalten gegenüber den Landtagskandidaten wird von ihrer Verpflichtung abhängig gemacht, im neuen Wahlgesetz den Juden Galiziens einen ihrem Prozentverhältnis entsprechenden Anteil an der allgemeinen Mandatszahl zu sichern, für die Schaffung einer jüdischen Kurie oder für das Proportionalwahlrecht einzutreten, in den Hauptstädten Lemberg und Krakau jüdische Wahlbezirke zu bilden und keinesfalls Ortschaften jüdischer Wahlkreise mit Dorfgemeinden zu verbinden. Der Wahlkampf ist ein sehr intensiver. Die Polen sind in zwei feindliche Lager geteilt. Die Assimilanten fehlen nicht auf beiden Seiten. Besonders zahlreich sind sie aber in dem bisher regierenden Block, wo sie den Konservativen Drohob y c z und Stanislau, den Demokraten S t r y j und Tarnopol, Wahlkreise mit relativer jüdischer Majorität, aus- Der bisherige Vertreter von Lemberg, Dr. Nathan von Loewenstein, stellt seine Kandidatur wieder auf. Allein auch die Polen haben an Herrn v. Loewenstein genug. Die in Lemberg herrschenden Nationaldemokraten erklärten auf einer Versammlung am 19. d. M., daß sie das Recht der Juden Lembergs auf einen Vertreter nicht in Abrede stellen, doch müsse er ein anständiger Mensch und guter Pole sein, beides treffe auf Loewenstein nicht zu. Seine Kandidatur sei für die Polen eine Provokation, die sie mit der Kandidatur des Prof. G r a b s k i, eines bekannten Judenfeindes, beantworten. Der moralische Urheber des jüdischen Blutbades in Drohobycz, der Mann, der sein ganzes Leben jüdische Mandate erlangt, um dann jüdische Interessen zu verraten, kann selbstverständlich auf zionistische Stimmen nicht rechnen. Hält er seine Kandidatur aufrecht, dann ist hierdurch das jüdische Mandat Lembergs sehr in Frage gestellt. In Krakau kämpft die Kultuspartei mit dem bisherigen Abgeordneten der unabhängigen Juden, Dr. Ignaz Landau. Es ist zu befürchten, daß durch diesen Zwist ein jüdisches Mandat verloren geht. In Brody tritt Dr. Tobias Aschkenasy als Kandidat der polnischen Fortschrittler auf. Die Zionisten werden für ihn stimmen, denn er versprach der zionistischen Parteileitung, für die Vermehrung der jüdischen Vertretung einzutreten, und seine Wahl würde den jüdischen Besitzstand vergrößern. Wie immer werden die drei Handelskammern Juden in den Landtag entsenden; die in Lemberg wird Dr. Heinrich K o I i s c h e r wählen, die in Krakau voraussichtlich Dr. S a r e wiederwählen, desgleichen die Handelskammer in Brody ihren bisherigen Vertreter Dr. Stanislaus R i 11 e 1. Von den Juden in Kaifeng-Fu Von unserem Gesinnungsgenossen Dr. Bruno Schindler, z. Zt. in Shanghai, erhalten wir folgende interessanten Mitteilungen über die Lage der in Kaifeng-Fu im Inneren Chinas (Provinz Honan) lebenden Ueberreste eines vor vielen Jahrhunderten nach China versprengten jüdischen Volksteiles. Herr Dr. Schindler schreibt u. a.: Auf meiner Studienreise durch Ostasien habe ich als Kenner der alten chinesischen Literatur den Vorsatz gefaßt, Licht in die Geschichte der chinesischen Juden, namentlich derer von Kaifeng-Fu, zu bringen und alle historischen Urkunden usw.. die sich etwa noch in ihrem Besitz befinden, zu bergen. Vergeblich appellierte ich an verschiedene jüdische Kreise Europas, namentlich Deutschlands, mir in meinem Vorhaben, die Lage dieser Juden an Ort und Stelle zu studieren, behilflich zu sein. Obwohl mir der gegenwärtige Zustand dieser armen Leute nicht unbekannt war, wurde ich doch sehr peinlich berührt, als ich bei meiner Ankunft in Shanghai hörte, daß die Missionare die letzten Denkmäler des Judentums in Kaifeng-Fu angekauft haben. Ein in Shanghai lebender Jude aus Kaifeng-Fu, der kurz vorher von dort zurückgekehrt war, bestätigte die diesbezüglichen Zeitungsnachrichten. Unser Gesinnungsgenosse, Herr N. E. B. Ezra in Shanghai, ehemaliger Herausgeber der Zeitschrift „IsraePs Messenger“, — der sich, nebenbei bemerkt, um die Propaganda der zionistischen Idee in China und speziell um den Jüdischen Nationalfonds große Verdienste erworben hat —, wandte sich brieflich an den Bischof Dr. G u i n n e s von der Mission in Kaifeng-Fu und erhielt von ihm folgendes Antwortschreiben: „Als ich vor ca. drei Jahren hierher kam, war ich entsetzt, als ich entdeckte, daß der Platz der alten Synagoge, wo hunderte von Jahren-hindurch der Allerheiligste* inmitten eines götzendienerischen Volkes verehrt worden war, zu einer Ablagerungsstätte von Kot und Unrat geworden war. Und inmitten dieses furchtbaren Schmutzes befanden sich die zwei Steine, vollkommen verwahrlost und von Kindern verstümmelt, die Steine danach warfen, um sie allmählich zu zerstückeln. Ich beschloß, alles mir mögliche zu tun, um dieses Denkmal des Judentums zu erhalten und dieser Entweihung ein Ziel zu setzen. Ich versuchte, den Platz zu kaufen, doch vergebens. Dann wollte ich alles mir zu Gebote stehende tun für den Wiederaufbau der Synagoge, wenn die Juden sich vereinigen und wieder jüdische Gebräuche und Gottesdienste aufnehmen würden, aber auch hierin hatte ich einen Mißerfolg. Sie hatten kein Interesse für das Judentum und verlangten nicht, nach der Synagoge. Vor ca. Jahresfrist wies ein mir befreundeter Mohammedaner, der auch mit dem Ersten der Juden. Mr. C h a o, sehr gute Beziehungen unterhielt, darauf hin, daß die Steine bald zerstört sein würden. Mr. Chao erklärte, daß sie außerstande wären, die Steine in genügende Verwahrung zu nehmen, und bat mich, dieses zu tun. Ein dahin gehendes Abkommen wurde unterzeichnet, und ich kam in den Besitz der Steine. Sie enthielten wahrscheinlich Einzelheiten über die Vorfahren der Juden; der eine trägt Inschriften auf beiden Seiten (1489 und 1552), der andere jetzt ganz deutlich. von 1689. Ein dritter Stein (1662) Lt noch nicht aufgefunden. Separat sende ich Ihnen eine Abbildung der ältesten Inschrift, derjenigen von 1489. Ich habe die Steine

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