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Die Welt · 1913-06-27 · 26 (27.6.1913) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
26 (27.6.1913)
Date
1913-06-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 26 LT 825 religiöse Gemeinschaft?“ An der Hand von geschichtlichen Tatsachen widerlegte Dr. Margulies mit logischer Schärfe die Auffassung derjenigen, die im Judentum nichts weiter als eine religiöse Gemeinschaft, eine „Konfession“ sehen. Unsere Feinde, meinte er, wissen es besser. Der Haß schärft das Auge, und als „Volk“ werden wir überall angegriffen, auch in Ländern, wo der Haß verschwunden scheint . . . Welch bessere Antwort können wir unseren Feinden geben, als indem wir uns mit Stolz zu unserem Volkstum bekennen? So äußerte sich kürzlich auch ein großer christlicher Denker: „Damit die öffentliche Schande des Antisemitismus aufhöre, ist es nicht nur nötig, daß die besseren nicht jüdischen Elemente alle Vorurteile abstreifen, sondern auch, daß die besseren jüdischen Elemente den Mut haben, sich stolz aller Welt gegenüber als das zu bekennen, was sie in Wirklichkeit sind: die Glieder eines alten Volksstammes.“ Selbst wenn man die geschichtlichen Zeugnisse, die unsere Existenz als Volk beweisen, außer acht lassen wollte, kann denn irgend jemand den Juden den Charakter als Volk absprechen, der die Tatsachen der Gegenwart aufmerksam beobachtet? Welches sind denn die Hauptkriterien eines Volkes? Gemeinsame Geschichte, Literatur und Sprache. Wo gibt es eine glorreichere und wunderbarere Geschichte als die unsrige? Und hat die jüdische Literatur seit der biblischen Zeit ihr fortwährendes Wachstum je unterbrochen? Was unsere nationale, altgeheiligte Sprache betrifft, so haben wir sie während unseres Exils allerdings vernachlässigt, verlassen haben wir sie aber nie. Wir haben sie in unseren Bet- und Lehrhäusern gepflegt, wo sich unser wahres Volksleben abspielte. Heute, da sich im Lande unserer Väter und auch anderswo ein freies jüdisches Leben entfaltet, ist das Hebräische wieder die Sprache unseres alltäglichen Lebens geworden, eine nicht minder lebendige, bildsame und reiche als alle anderen modernen Sprachen. Der Redner schloß mit folgenden Worten: „Treue Bürger unserer Adoptivländer, den anderen Bürgern gleich in der Erfüllung unserer Pflichten, wie wir in den Rechten gleich sein wollen . . . können wir doch nie und nimmer verleugnen, was unser höchstes Ideal war und sein wird: die Rückkehr Israels in unser altes Land.“ Dieses mannhafte Eintreten des Leiters des italienischen Rabbinerseminars für den Zionismus hat für unsere Verhältnisse eine besondere Bedeutung und kann als erfreuliches Zeichen der Zeit angesehen werden. Die Judenfrage auf dem Aerztekongreß in Petersburg (Von unserem Berichterstatter.) Petersburg. Der zurzeit in Petersburg tagende Kongreß der russischen Aerzte und Naturforscher — diese Kongresse, die den Namen des großen russischen Mediziners und Menschenfreundes Pirogow tragen, sind der Sammelpunkt der fortschrittlichen und volksfreundlichen Intelligenz Rußlands — hatte Gelegenheit, sich auch mit der Judenfrage zu befassen. Leider ist selbst diese achtbare Institution von dem „Geiste der Zeit“ nicht ganz verschont geblieben. In der Sektion für Heeres¬ und Marinewesen referierte ein gewisser Doktor T a n f i 1 e w über „körperliche Gebrechen“ und hielt bei dieser Gelegenheit eine Schimpfrede auf die Juden, die er beschuldigte, sich häufig selbst zu verstümmeln, um dem Militärdienst zu entgehen. Schließlich verlangte der Redner den Ausschluß der Juden aus der Armee. Ihm assistierte dann ein zweiter patriotischer Arzt, Herr Krasnorutzky. Der Vorsitzende, Professor Makkawejew, Chef der militärärztlichen Akademie, ließ die patriotischen Redner gewähren. Zu Ehren des Kongresses muß aber festgestellt werden, daß diese Auslassungen einmütige Entrüstung hervorriefen, so daß die betreffende Sektion sich veranlaßt sah, den Vorsitzenden zu beauftragen, in den Bulletins des Kongresses eine Erklärung zu veröffentlichen, die die erwähnten Redner ausdrücklich desavouiert. Im Gegensätze zu diesem unerquicklichen Zwischenfall hatte übrigens der Kongreß andererseits Gelegenheit, seine schönen humanen Traditionen zur Geltung zu bringen. Die Sektion für gesellschaftliche Medizin nahm einstimmig eine Resolution an, die die Abwanderung russischer Studenten nach dem Auslande als Folge der engherzigen reaktionären Regierungspolitik hinstellt und gegen die Russenhetze an den ausländischen Universitäten protestiert. Der Kongreß drückte gleichzeitig die Hoffnung aus, „daß die freiheitlichen Traditionen des deutschen Volkes schließlich über die kleinlichen nationalistischen und Standesinteressen die Sieg davontragen werden“. Wichtiger noch als diese Resolution war eine andere Kundgebung des Pirogow-Kongresses. Unter stürmischer Zustimmung der Versammlung nahm der Kongreß am 18. Juni eine Resolution an, die gegen den Beilisprozeß und die damit verbundene Ritualmordhetze scharfen Protest einlegt. Zur Charakteristik der „freiheitlichen“ Polen Am 19. Juni befaßte sich die Reichsduma wieder einmal mit der Frage der kommunalen Selbstverwaltung in Polen. Der Staatsrat hatte nämlich die seinerzeit von der Duma angenommene Regierungsvorlage derart „umgearbeitet“, daß schließlich eine abgeschmackte Parodie auf eine „Selbstverwaltung“ herausgekommen war. So hatte der Staatsrat u. a. den Wahlzensus bedeutend erhöht, den Gebrauch der polnischen Sprache im Gemeinderat verboten usw. Die dergestalt modifizierte Vorlage wurde nun der Reichsduma zur neuen Behandlung überwiesen. Der Polenklub hatte wieder einmal Gelegenheit, seine unendliche Geschmeidigkeit und Anpassungsfähigkeit zu bekunden. In ihrer prinzipienlosen Erfolghascherei ging die „nationale Vertretung des polnischen Volkes“ so weit, daß sie dieses Zerrbild einer modernen Gemeindeordnung, das dem nationalen Gefühl und den nationalen Hoffnungen des polnischen Volkes Hohn spricht, guthieß. Daß die betreffende Vorlage weitgehende Rechtsbeschränkungen für die jüdische Bevölkerung Polens schafft, war den Herren, die selbst diese Einschränkungen inspirierten, natürlich höchst willkommen. Einen wesentlich anderen Standpunkt nahm die Opposition der Reichsduma ein. Trotzdem es sich angeblich um eine „innere“ polnische Frage handelte, fand die Opposition, die sonst den Polen gegenüber eine viel zu weitgehende Rücksicht übt, den Mut, die Forderungen des Fortschritts und des politischen Anstandes geltend zu machen. Sie stimmte für die glatte Ablehnung des Gesetzentwurfs, wobei der Vertreter der Progressisten sich ausdrücklich auf die geplante Entrechtung der Juden berief. Dies hinderte natürlich nicht, daß der Uebergang zur Beratung der einzelnen Punkte der Vorlage mit den Stimmen der reaktionären Mehrheit angenommen wurde. Die polnischen Herren fühlen sich offenbar sehr wohl Ln der Gesellschaft ihrer neuen Freunde. Um sich das Anhören einiger unangenehmer Wahrheiten zu ersparen, stimmten sie mit ihren neuen Freunden gleich in der ersten Sitzung für Schluß der Debatte ohne Anhörung der vorgemerkten Redner . . . Der Kiewer Ritualmordprozeß Kiew, 23. Juni. Der Anklageakt des Kiewer Ritualmordprozesses ist der Verteidigung zugegangen. Bekanntlich erklärten der Präsident und der Berichterstatter der Anklagekammer, gegen Beilis liege nicht der geringste Verdachtsgrund vor und erstatteten deshalb einen Sonderbericht. Der Substitut des Staatsanwaltes Paschtschenko, der Verfasser der Anklageschrift, ist gestern zum Präsidenten des Kriegsgerichtes befördert worden.

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