Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 26 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 26 - &1E3aEELT 823 WELTCHRONIK □ □□□□□ Jj o Der Kampf der jüdischen Studentenschaft in Wien (Die Ansprache eines jüdischen Hochschullehrers — Das jüdische Studentenheim — Sistierung der Vorlesungen) (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Endlich hat sich auch ein jüdischer Hochschullehrer mannhaft an die Seite der jüdischnationalen Studenten in dem Kampfe gestellt, den sie gegen das Waidhofener Prinzip und die Delegierung jüdischer Kommilitonen führen, welche sich gegen die Verunglimpfung ihrer Volksehre zur Wehr setzten. In der konstituierenden Versammlung der allgemeinen jüdischen Studentenvereinigung, die alle bewußt jüdischen Hörer der Wiener Hochschulen umfassen soll, erschien Universitätsprofessor Dr. Markus H a j e k und ergriff das Wort. Er bedauerte zunächst, als das einzige jüdische Mitglied des akademischen Senates Zeuge des erhebenden Aktes zu sein, da sich die jüdischen Kommilitonen zu einer festen, einigen Körperschaft zusammenschließen, und beglückwünschte die Akademiker zu ihrem mutigen, würdevollen Verhalten, das er durchaus billige. „Wir Juden sind Söhne eines alten, hochkultivierten Volkes und es paßt uns nicht, roh zu sein. Aber solange die andern uns in rüdester Weise als minderwertig, ja ehrlos behandeln, so lange müssen wir uns auch solcher Kampfmittel bedienen, welche dem Geiste jüdischer Sittlichkeit fremd sind. Es ist sehr traurig, daß einer, der Sie zur Vorsicht mahnen müßte, das sagen muß. Sie dürfen sich gar nichts gefallen lassen, denn wenn wir uns nicht mannhaft verteidigen, sind wir dem Ruine verfallen. Wir dürfen nicht Ruhe geben, bevor uns unser Recht wird." Professor H a j e k, dem die große Versammlung eine begeisterte Ovation bereitete, mahnte zu unbedingter Einigkeit und trat für das jüdische Studentenheim ein. Unter dem Eindrücke der Ereignisse hielt der „Verein jüdisches Studentenheim“ seine diesjährige Generalversammlung in großem Rahmen ab. Im Vorraume des Beethovensaales boten Studenten Ansichtskarten mit dem Bilde des geplanten monumentalen Heimes feil, das vom Gg. Architekten Dr. K a r p 1 u s entworfen wurde und sich im IX. Bezirke erheben soll. Der verdiente Obmann des Vereines, Herr Lucian Brunner, erstattete zunächst den wenig erfreulichen Rechenschaftsbericht. Nebst dem Baugrunde sind erst 50 030 Kr. vorhanden. Er brandmarkte die Juden, welche wohl für den eucharistischen Kongreß Unsummen hergaben, bei denen man aber bisher mit beschämend geringem Erfolge um Spenden für das dringend nötige Heim ansuchte. In seiner temperamentvollen Art trat Herr Brunner gegen die assimilatorischen Schädlinge auf, die unseren wackeren Studenten bei ihrem so erhebenden Kampfe in den Rücken fielen. Er hofft, daß die letzten Vorfälle die Arbeiten für das Heim mächtig fördern werden und schloß mit dem Wunsche: „Uebers Jahr im jüdischen Studentenheim!“ Namens der Studenten sprach Herr W aldmann, namens des „Zionistischen Verbandes ehemaliger Akademiker“ Herr Dr. L ö w y. In einer Resolution wurde hervorgehoben, daß das geplante würdige Heim für die bedrängte jüdische Studentenschaft ein Hort gegen Boykott und Anfeindungen sein wird. Infolge neuer Gewaltakte der Waidhofener, welche Professoren und Hörern den Zutritt zu den Hörsälen verwehrten, hat der Rektor die Vorlesungen sistiert. Die vollständige Schließung der Universität nimmt Hofrat Professor Dr. Ernst Lecher zum Anlaß einer Aeußerung in der „Neuen Freien Press e“, auf die wir zurückkommen müssen. Er meint, es solle „keine Politik in die Universität hineingeschmuggelt werden“. Es könnten Zeiten kommen, wo „höhere und heiligere Ideale auf dem Spiele stehen“ und er könne in Erinnerung an solche Zeiten nicht umhin, „den Anlaß der jetzigen Unruhen entsprechend einzuschätzen“. Mit diesem Artikel kann Herr Hofrat Dr. Lecher wohl nur die eine Kampfpartei, die Waidhofener Ehrabschneider, gemeint haben. Sollte er aber seine Worte auch auf die jüdische Jugend münzen, die für das heiligste eintritt, was sie hat, für die frech besudelte Ehre ihres Blutes, ihrer Nation, dann muß man die von ihm an den Tag gelegte Mißachtung der Mannesehre seiner jüdischen Hörerschaft scharf zurückweisen! Der deutsche Schulverein und die Juden Non ölet! Der deutsche Schulverein schickt seit Jahr und Tag Bettelbriefe an Juden aus und trotz wiederholter Warnung von zionistischer Seite spenden die Herren deutschen Israeliten mit vollen Händen Beiträge für die Rosegger-Schulstiftung. Ungezählt sind die jüdischen „Bausteine“, die der stramm antisemitische Obmann und Vorkämpfer der christlichsozial-deutschfreiheitlichen Verbrüderung, Abg. Dr. Groß, mit verbindlichem Danke entgegennimmt. Zum Lohne hat der deutsche Schulverein in seinem Lehrkörper Judensperre eingeführt. Er verlangt in seinen Ausschreibungen jüngsten Datums von den Bewerbern ausdrücklich den Tauf- Eine Gruppe Wiener Gemeinderäte, darunter auch Nichtjuden, interpellierten den Bürgermeister Dr. W eißkirchner wegen der erwähnten Ausschreibungen mit Hinweis auf die große Subvention, welche die Gemeinde Wien aus ihren Mitteln (also zum guten Teile aus jüdischen Steuergeldern) dem deutschen Schulvereine zuführe. Dr. Weißkirchner pochte zynisch auf das Recht des Stärkeren, meinte, daß die Unterstützung ohne jede Einschränkung gewährt worden sei und daß sich die Herren Interpellanten anläßlich der nächstmaligen Subventionsbewilligung melden mögen. Wenn die Juden auch jetzt noch im deutschen Schulverein bleiben und ihn gar mit reichen Mitteln fördern, verdienen sie vollste Verachtung! Das Los der mährischen Juden Die jüngsten mährischen Landtags wählen enthüllen mit erschreckender Deutlichkeit die traurigen Folgen der deutsch-assimilatorischen Judenpolitik. Es genüge der Hinweis, daß in der Hochburg des assimilatorischen Deutschtums, in der mit jüdischem Germanentum und jüdischen Steuergeldern künstlich deutsch erhaltenen Landeshauptstadt Brünn in der allgemeinen Kurie die antisemitischen Wahlwerber, das Mitglied der deutschen Arbeiterpartei R o g e 1 - bock und der Deutschradikale B a e r a n , ersterer sogar m i t Hilfe der Juden, gewählt wurden. Es ist bedauerlich, daß dieses Fiasko des deutsch-liberalen Israelitentums nicht die assimilatorischen Politiker trifft, die als wohldotierte Advokaten und reiche Fabrikanten in gesicherten Positionen sind, sondern daß der jüdische Mittelstand und das Kleinbürgertum, die schwer ringenden Handelsleute und Landjuden die Sünden der imberufenen Führer büßen müssen. Charakteristisch ist es auch, daß die deutsche mährische Sozialdemokratie überall durchfällt, wo sie jüdische Kandidaten nominiert. Es ist höchste Zeit, daß sich die mährische Judenheit gesondert organisiert, damit sie bündnisfähig wird, bevor es zu spät ist.