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Die Welt · 1913-06-27 · 26 (27.6.1913) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
26 (27.6.1913)
Date
1913-06-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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822 Nr. 26 DIE2§&LT ganze Streit auf einem Mißverständnis beruht. Ich habe den Eindruck, daß die „Opposition“, wie man die genannte Gruppe nennt, die innere Wandlung des politischen Programms des Zionismus nicht richtig eingeschätzt hat — nämlich die zwiefältige Natur des Programms. Was war ursprünglich die palästinensische Kolonisation? Ein Beiwerk zur Politik, zur äußeren, diplomatischen Staatsaktion. Man wollte eben, wie der Spruch lautet, alles für das Volk, aber ohne das Volk machen. Nicht aus aristokratischen Motiven, aber aus einem — jedem Anfang eigenen — Optimismus und mangelhafter Einschätzung der eigenen Kräfte. Man propagierte die Idee des Zionismus, man sammelte Fonds, aber man hütete sich wohl, dem Volke zu sagen: Hilf dir selbst, werde mutig, zielstrebig, sei aktiv. Geldgeben ist ja noch keine Aktivität und das Anhören von Vorträgen auch nicht. Was man damals im Grunde dem Volke sagte, war: Warte, bis wir dich rufen; warte, bis wir die Bedingungen geschaffen haben. Das war gewiß klug und vorsichtig, gut gemeint und vorsorglich. Allein eine Bewegung braucht eben Mut und Kühnheit und Hingebung, ja — Verwegenheit. Als nun dies den Zionisten einzuleuchten begann, da wandelte sich auch die Taktik. Die Politik wurde von ihrem Selbstzwecksockel entfernt und an die richtige Stelle gesetzt — als Mittel, als eine der Arbeitsmethoden. Das ist der Sinn des „Kolonisations“-Programms. Es ist die Reaktivierung des Volks willens . . . Als ich vor einiger Zeit mit einem prominenten westeuropäischen Gelehrten über die Möglichkeit einer Universitätsgründung in Palästina konferierte, bekam ich von ihm folgendes zu hören: „Ja, sehen Sie, ich glaube nicht recht an die Sache. Nicht weil sie überflüssig oder undurchführbar wäre. Im Gegenteil. Aber — weil die russische Judenheit so wenig selbsttätig ist, weil sie sich gewöhnt hat, immer von außen geleitet zu werden. Es ist ja ausschließlich eine Sache der russischen Juden. Warum tun sie nun selbst gar nichts? Warum warten sie immer auf Wunder, auf den amerikanischen Goldonkel oder auf sonstige Onkel?“ . . . Das ist es. Die große jüdische Masse hat die zielsichere Arbeit, das Zielstreben noch nicht gelernt. Sonst wären wir überhaupt auf der ganzen Linie viel weiter. Woran dies liegen mag, das ist eine Frage für sich. Aber wir dürfen uns nicht mit Erklärungen zufriedengeben, sondern müssen uns bestreben, den Zustand radikal zu ändern, die Kräfte des Volkes wachzurütteln, sie auf ein Ziel zu konzentrieren. Das ist die — beinahe — einzig mögliche innere Politik, die wir uns leisten können und die von Erfolg gekrönt sein dürfte. Und dieses Einheitsziel ist — die Kolonisation Palästinas, die Besiedelung des Landes durch das Volk. Vielleicht gehe ich zu weit. Vielleicht läßt sich eine Kolonisation nicht in dem von mir erträumten Maße durchführen. Aber der Wille dazu muß vorhanden sein. Das Volk selbst muß sich die Bedingungen schaffen. Dann wird das Werk von Dauer und Bestand und von granitener Festigkeit sein. Was die zionistische Organisation machen kann und darf, ist, die Aktivität des Volkes zu leiten, immer bereit, immer gegenwärtig zu sein. Das Motto der englischen Politik war stets das bekannte Wort des berühmten britischen Staatsmannes Lord Russell: „Readiness is all.“ Das heißt, der Situation gewachsen sein, die Mittel aufspeichern für eine künftige Aktion. Und man kann nicht sagen, daß England bei dieser Politik schlecht abgeschnitten hat. Dies ist die einzig mögliche, gesunde, volkstümliche Politik, die einzige, bei. der ein Volk erstarken kann. Nichts dem Volke aufdrängen, nie es bevormunden, nie seine Kräfte brach liegen lassen. Die zionistische Politik, wie ich sie verstehe, müßte darauf ausgehen, das Volk zu kräftigen, die jüdischen Individuen aufzurichten. Aufzurichten an der Idee, am Glauben an sich und an die Zukunft. Der Zionismus ist die moralische Kraft des Judentums, sein Lebensmut. Daher auch die große Verantwortlichkeit der zionistischen Politik. Wenn man den früheren Weg weiter gewandelt wäre — den Weg der Aktion von oben, der „Entrevuen“, der reinen Diplomatie — so wäre man Gefahr gelaufen, die Kräfte zu verzetteln, alles Lebendige, Frische und Tatenfrohe im Volke abzustoßen. Wir machen überhaupt zuviel Worte, treiben zuviel Kritik. Als ob das der Sinn des Lebens wäre, als ob nicht jede Tat, auch die bescheidenste, fruchtbarer, zukunftsreicher wäre als alle schönen Worte und alle kluge Kritik. Wer als Arbeiter nach Palästina geht, wer dort ein Stück Boden bearbeitet, einen Halm sprießen läßt, eine Schule gründet, der hat mehr getan, als alle, die über dieses alte rätselhafte Judentum spintisieren. Man kommt ja sowieso zu keinem Schluß. Zu keinem rechten Ja und zu keinem Nein. Nur die Tat ist das Ja . . . Wenn man will, hat der Zionismus gar keine „Probleme“. Er hat nur eine einzige Forderung — Arbeit und Sammlung der Kräfte, die Aufrichtung gebeugter und duldender Juden, die am Leben verzweifeln, weil sie ihm macht- und haltlos gegenüberstehen. Großzügigkeit ist es, was ich predigen möchte, weitverzweigte, nimmerrastende Tat, inniger Kontakt mit dem Volk. Alles andere wird von selbst kommen. „Die rechten Männer am richtigen Platz“ — das ist die Forderung vieler. Aber man muß zuerst am „richtigen Platz“ sein . . . Dr. A. C o r a 1 n i k. lillllll Vor dem Kongreß ist es die wichtigste Aufgabe jedes Zionisten, sich die Propaganda für die Tägliche Kongreß Ausgabe der „Welt" angelegen sein zu lassen. Von ihrer weltweiten Verbreitung hängt nicht zum wenigsten die Wirkung des Kongresses ab. Je gröber der Leserkreis ist, der durch die Kongrebausgabe der „Welt" über den Kongreb informiert wird, desto erfolgversprechender ist die zionistische Propaganda - Arbeit nach dem Kongreß Die Kongreß - Ausgabe der „Welt" erscheint während des Kongresses sechsmal und kostet bei freier täglicher Zustellung für Deutschland M. 2.40 — Oesterreich-Ungarn Kr. 2,80 — Rußland Rbl. 1,30 — England sh 2/10 — Holland Hfl. 1,70 — Vereinigte Staaten DolL 0,70, für alle übrigen Länder Frs. 3,60. Bestellungen gegen Voreinsendung des Betrages (auch in Briefmarken) richte man an den Verlag „Die Well", Berlin W15, Sächsische Strasse 8

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