Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 26 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE wELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVII. JAHRO. BERLIN, 27. Jnni 1913 UW?)? T'onn 'X yPD n'O ,7^12 Nr. 26. INHALT: _ Palästina-RUNDSCHAU — aus der Bewegung — Feuilleton: o. frankl: Judenfiguren im modernen deutschen Drama — LITERARISCHE RUNDSCHAU — Büchereinlauf — Mitteilungen des J. N.-F. POLITISCHE STREIFLICHTER Als Luigi Luzzatti Ministerpräsident von Italien war, sagte er einmal seinen Getreuen im Parlamente: „Wer ein wahrer Patriot ist, muß sich weniger mit äußerer Politik und mehr mit innerer Politik befassen.“ Es war ein weiser, beherzigenswerter Ausspruch. Aber das Parlament wollte ihn nicht befolgen, es stürzte Luzzatti und es kam die — äußere Politik, der Krieg und seine Folgen. Jetzt bedauern es die Demokraten im Lande, daß sie sich auf die „äußere“ Politik festgelegt haben. Aber es ist jetzt zu spät . . . Es ist eben in der modernen Gesellschaft ein beständiger Konflikt zwischen innerer und äußerer Politik. Und das Problem der Gegenwart ist — die Herbeiführung der Synthese, der organischen Verschmelzung beider Richtungen. Und dies nicht allein in selbständigen Staaten. Es gilt auch für Nationen als solche, für Völker, die es noch nicht zum Staat gebracht haben. Wir können die Wandlung an der Politik der Polen erkennen. Jahrzehnte hindurch, beinahe ein Jahrhundert lang war die polnische Politik immer nach außen gerichtet. Es war eine Wühl- und Flüsterarbeit; da gab es Komitees, die in den europäischen Zentren residierten, die immer mit irgend jemand Unterhandlungen, Besprechungen, Konferenzen führten. Das Volk war ganz aus dem Spiel gelassen. Bis der große Krach kam und alle Geheimnistuerei in ihrer Wesenlosigkeit enthüllt wurde. Da wandte sich erst die Aktivität nach innen. Daß auch hierbei nichts herauskommt, daß die Polen sich nicht anders helfen zu können glauben als mit ihrer häßlichen, törichten und nutzlosen Boykottpolitik den Juden gegenüber —, das liegt schon in der polnischen Art, ihrer Kurzsichtigkeit und Aufgeregtheit, die eigentlich Hilflosigkeit ist. Wir Juden befinden uns in der seltsamen Situation, daß wir beinahe nur „äußere“, „hohe“ Politik machen können. Ich meine natürlich vor allem die Juden des Ostens. Ob wir nun wollen oder nicht, wir können eben über unsere internen Angelegenheiten nicht nach unserem Willen entscheiden. Alle national-kulturelle Politik ist nutzlos. Ein einziger Ministererlaß kann alle jüdischen Kulturunternehmungen im Keime töten. Die Juden im Osten wollen eine nationale Schule, Reorganisation des Gemeindewesens, großzügige jüdische Kulturarbeit usw. Die Regierung macht ihnen jedesmal einen Strich durch die Rechnung. Der jüdische Wille wird gebrochen, zermürbt. Wie kann da noch von einer planmäßigen nationalen, inneren Politik gesprochen werden? Wir sind durch die Macht der Verhältnisse gezwungen, ausschließlich äußere Politik zu treiben. Das Volk aber, die große Masse, versteht diese immanente Notwendigkeit nicht und ist unwillig. Das war ja seinerzeit der Kampf innerhalb der zionistischen Organisation — und auch außerhalb derselben — um die sogen. „Gegenwartsarbeit“. Die streng-politischen Zionisten, die „Charteristen“ wollten davon nichts wissen. Das sei gar nicht das Ziel des Zionismus, meinten sie — und hatten Unrecht. Und mußten es bald einsehen, daß zu einem Lande auch ein Volk gehört, daß jede „Lehre“ für die Menschen da sei, daß man bei der Renaissance des Judentums mit der Regenerierung der Juden beginnen müsse. Das Gegenwartsprogramm siegte. Und der Erfolg? Sehr gering. Was hilft es, daß w i r etwas wollen, wenn die anderen, die Mächtigeren, es nicht gestatten? Man glaube ja nicht, daß diese „Mächtigeren“ unbedingt russische Reaktionäre sein müssen. Es können auch deutsche Demokraten und amerikanische Radikale sein. Das moderne Leben ist es eben, das der „inneren“ Politik der Juden entgegensteht. Das moderne Leben mit seinem hastigen Tempo, mit seiner Nivellierungstendenz. Der Zionismus steht heute wieder da als die einzige jüdische Organisation, die etwas will, was erreichbar, was möglich ist. Anders ausgedrückt — die äußer« Politik hat wiederum über die innere den Sieg davongetragen. Nicht weil wir es wollten, sondern trotzdem wir es nicht wollten. Wir mußten es einfach. Aber unsere äußere Politik ist von einer ganz anderen Art. Es ist nicht das Expansionsstreben, vor dem Luzzatti warnte, vielmehr die Fundamentierung und der Ausbau unserer Volksexistenz. Die Synthese zwischen den beiden Grundrichtungen jedweder Politik. Ich will mich durchaus nicht in den Streit zwischen der Gruppe der „politischen“ Zionisten und der Mehrheit einmengen. Aber es will mir scheinen, daß der