Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 25 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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788 DIESqKELT betone ich hier ausdrücklich, das Berliner Bureau und die Mitglieder des E. A. C. haben sehr viel gearbeitet. Der Wille war vorhanden, und das Bestreben, sich auf allen Gebieten zu betätigen, ist verständlich, denn man hat kein Programm mehr, sondern Programme, die sich ergänzen sollen, die sich aber durchkreuzen. Jede Leitung öffentlicher Angelegenheiten hat Rechenschaft zu geben und muß abtreten, wenn sie sich als unfähig gezeigt hat, oder wenn ihr System falsch war. Wir sind aber nicht die Oppositionellen, die die Leitung vor ein solches Entweder-Oder stellen wollen, sondern Oppositionelle, die ihren eigenen Standpunkt vertreten, ohne sich durch die stets abwehrende Haltung der Leitung und der Majorität von ihrem Prinzip abbringen zu lassen, und die wegen dieses Festhaltens an ihrem Prinzip angegriffen werden. Die Leitung behauptet, unsere Opposition sei ungerecht, weil doch Politik gemacht werde; wenn sie nicht nach unserem Sinne sei, dürfen wir ihr das nicht vorwerfen, denn sie muß nach ihrer Meinung handeln. — Aber wir dürfen und müssen doch fragen: was ist erreicht worden? Und weshalb ist nichts erreicht worden? Wenn wir die jetzige Politik für falsch halten, sollen wir dazu schweigen? Wie soll denn unsere Auffassung, die wir für die einzig richtige halten, jemals wieder Gültigkeit erlangen? Da man durchaus wieder politisch arbeiten wollte, da man durch die Umstände dazu gezwungen war, so war nach unserer Ansicht eine prinzipielle sachliche Diskussion hierüber am Platze, die Durchführung politischer Aufgaben von größerer Bedeutung aber mußte denjenigen Personen anvertraut werden, die das Verständnis hierfür haben und die Verantwortung zu tragen vermögen. Denn wenn man behaupten konnte: die Politischen können wegen ihrer Geistesrichtung die praktische Arbeit nicht machen, so muß man auch sagen, daß die Praktischen keine politische Arbeit im Sinne der Politischen durchführen können. Wir würden diese Behauptung nicht aufstellen, wenn das jetzige System uns den allerkleinsten politischen Erfolg gebracht hätte, wir wären die ersten gewesen, uns darüber zu freuen und es anzuerkennen. „Wenn nach politischen Prinzipien gearbeitet werden soll, — wird uns von manchem entgegengehalten — so muß ein politisches E. A. C. gewählt werden." Eine Entscheidung hierüber kann jedoch nur der Kongreß treffen, und wir kamen gerade vom X. Kongreß, der den Praktischen die Leitung übergab. Man wollte doch praktische Arbeit machen! Die Verhältnisse zwangen uns aber, politisch in erster Reihe zu arbeiten. Was war dann zu tun? Mußte da nicht versucht werden, eine vernünftige Arbeitsmöglichkeit, wenn nicht gar die so sehr ersehnte Synthese zu schaffen? „Die jetzige Leitung ist politisch, so gut wie die Opposition", wird auch gesagt, „es gibt nur einen Unterschied in dem Grad des politischen Gehaltes, die Differenz ist keine prinzipielle, sondern eine quantitative". Wir wollen das einmal annehmen. Wenn wir Politischen nun die Werte so bemessen: Politik 1. Praktische Arbeit 0,5. Kulturarbeit 0,23, und wenn die Majorität in umgekehrter Ordnung bewertet: Kulturarbeit 1. Praktische Arbeit 1. Politik 0,1. Wie verhalten sich dann die Anhänger dieser Bewertungen bei der Beratung und Abstimmung über jede wichtige Angelegenheit? Etwa identisch oder gezwungenerweise different? Zum Beispiel: Es wird beantragt: ein politisches Komitee, bestehend aus politischen Zionisten einzusetzen. Die Rechte stimmt dagegen, die äußerste Linke dafür. Es wird beantragt: das Kapital des Bezalel aus den Mitteln der Bank zu erhöhen, da stimmt die Rechte dafür, die Linke natürlich dagegen. Es wird beantragt: den Kongreß nach Wien zu berufen, da sollten alle einig sein? Irrtum. Die Rechte stimmte da- Nr. 25 für, die Linke dagegen, und nicht einfach aus Opposition, sondern aus triftigen Gründen. Es wird beantragt: jetzt schon an die Gründung einer Universität in Palästina heranzugehen, die Rechte ist dafür, die Linke dagegen. Es wird beantragt: zur Sanierung mancher Unternehmungen in Palästina radikale Mittel anzuwenden, die Linke ist dafür, die Rechte dagegen. Die Beispiele können fortgesetzt werden. — Bei der letzten A. C.-Sitzung wurde beantragt: auf dem Kongreß, gleich nach der Generaldebatte, als ersten Punkt der Verhandlung die Kulturdebatte zu setzen. Es hat einige Mühe gekostet, die Herren zu überzeugen, daß auf einem Zionistenkongreß wenigstens die Palästina-Arbeit als erster Punkt zur Verhandlung kommen sollte. Es ist eine Kleinigkeit, die charakteristisch ist, die zeigt, welche Schwenkung die jetzige Majorität vom politischen Zionismus weg über die praktische Arbeit zum Kulturzionismus gemacht hat. — Eine Gruppe politischer Zionisten — Gleichgesinnte gibt es in der ganzen Welt — fühlte seit langem die Notwendigkeit, die politischen Ideen des politischen Zionismus mit besonderem Nachdruck zu vertreten, und die Anträge, die Dr. Marmorek und auch ich im A. C. gestellt haben, hatten zum Zweck, einen energischen Versuch zu machen, diese politischen Ideen einer Verwirklichung näherzubringen. Unsere Anträge haben keinen Anklang gefunden und sind abgelehnt worden, nicht bloß von der Majorität, sondern vom ganzen Actions-Comite. Als w ir in Basel die Leitung und die Majorität im A. C. den Praktischen übergaben, mußten wir wohl damit rechnen, daß fortan nach den Prinzipien der Praktischen gearbeitet werde. Darauf waren wir auch gefaßt. Als aber der italienisch-türkische Krieg ausbrach, da drängte sich uns der Gedanke auf, daß diese bedeutsamen Vorgänge in irgendeiner Weise auf unsere Bestrebungen von großem Einfluß werden könnten, wenigstens dachten so die wenigen bewußten, politischen Zionisten, und sie erkannten, daß neben den praktischen Arbeiten unbedingt nach Herzlscher Methode politisch gearbeitet werden müßte, daß es unmöglich sei, aus formalen Gründen, weil wir jetzt ein praktisches E. A. C. haben, einen günstigen historischen Moment ungenützt Vorbeigehen zu lassen. Um politisch zu arbeiten, nach unserem Wissen und Gewissen,, gab es nur ein Mittel: dem E. A. C. der Praktischen ein politisches Komitee zur Seite zu stellen, welches nach unserer Ansicht fähig war, die politische Arbeit im Sinne Herzls zu machen, welches die Herzische Politik kannte und verstand, und so boten wir entschlossen unsere besten Mitarbeiter, die die Herzlianer besitzen, dem E. A. C. an. Das E. A. C. war anfangs nicht abgeneigt, die Mitarbeit zu akzeptieren, eine stille Mitarbeit, von der niemand etwas wissen mußte, bei der niemand Ehre oder sonst etwas suchte. Es war nicht leicht, die vorgeschlagenen Mitarbeiter zu bewegen, die schwere verantwortungsvolle Bürde auf sich zu nehmen, aber sie waren von der Bedeutung des Zeitpunktes durchdrungen, sie stellten sich zur Verfügung. Man hat diese so ernst dargebotene wertvollste Mitarbeit verschmäht, in einem Augenblick, in dem keine noch so begründete formale Schwierigkeit Beachtung finden durfte. Wenn eine Synthese jemals erstrebt wurde, so war sie in diesem Antrag enthalten. Wir, die Opposition, dachten jedenfalls gar nicht an Partei-Interessen, schon das Wort Partei in unserer Organisation ist mir übrigens verhaßt. Wir wollten versuchen, etwas zu erreichen, für den Zionismus, für das jüdische Volk. Das Actions-Comite hat unsem Antrag abgelehnt, das bedeutete für uns, es hat abgelehnt, die Politik, die wir vorgeschlagen haben, zu befolgen. Schließlich müssen doch nicht alle derselben Ansicht sein. Wie man aber nachher dazu kommt, unablässig zu behaupten, wir wollen nicht ein-