Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-06-13 · 24 (13.6.1913) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316598--57556-3376020
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

766 zuneigt, die Achad Haam bereits am Beginne seiner Tätigkeit mit genialem Fernblick vorausgeschaut und mit rücksichtsloser Unerschrockenheit immer wieder als die richtige verkündet hat." Was die U ebersetzung betrifft, so betont in der „Einleitung" der Uebersetzer selbst, „daß die Essays in der hier vorliegenden Form keine adäquate Vorstellung vom hebräischen Original geben, das viel konziser und gewandter ist." Immerhin dürfen wir mit der Uebertragung Israel Friedländers recht zufrieden sein. Zwei Wünsche seien dem altneuen Buch auf seinen Weg mitgegeben: daß es mit Ernst und Nachdenklichkeit gelesen werde und daß es zum Studium des hebräischen Gesamtoriginals anrege, ohne welches eine zureichende Kenntnis Achad Haams nicht möglich ist. Stuttgart. Schearjaschub. H. W. Longf ellow: Das Lied von Hiawatha. Aus dem Englischen übersetzt von Saul Tschemichowski. Odessa, Verlag Moriah. 124 S. Man hat den Song of Hiawatha des amerikanischen Dichters Henry Wadsworth Longfellow (1807—1882) „die indianische Edda" genannt. Das war eine sehr starke Uebertreibung, denn das Werk ist kein Heldenepos und kein Götterlied, sondern nur eine liebenswürdige Idylle, welche die Götter der Indianer auf die Erde hinuntersteigen läßt, ihr Volk zu erziehen und es auf das Kommen der Weißen vorzubereiten, mit deren Apotheose es schließt . . . Aber es sind prächtige Naturschilderungen in dem Buche und schon um dieser willen ist es sehr zu begrüßen, daß das Gedicht ins Hebräische übertragen wurde und daß Tschemichowski es tat, der von allen unseren Dichtem der Natur am nächsten steht. Schon von Kindheit an — so erzählt er in der Einleitung — seit er die ersten Gesänge des Hiawatha in einer russischen Jugendzeitschrift las, liebte er das Gedicht, und jetzt, da es ihm vergönnt war, es den hebräischen Lesern vorzulegen, erwartet er das Urteil der Leser mit den Gefühlen „eines Mannes, der seine ersten Liebesbriefe jemandem zu lesen gab". Es gehörte in der Tat große Liebe dazu, das Werk so vollendet umzudichten, wie es Tschemichowski getan hat. Leicht war es jedenfalls nicht. Denn diese Welt des Hiawatha, des menschenfreundlichen Indianerhäuptlings, ist erfüllt von Leben. Es wimmelt von Pflanzen und Tieren aller Arten. Ich schlage eine beliebige Seite auf und finde „Eichhörnchen", „Pelikan", „Meise", „Stöhr", „Barsch", „Seekrebs", „Hering", „Hecht", „Fasan", „Kaninchen", und von Pflanzen „Stachelbeere", „Erdbeere", „Erle", „Wildreis", „Fichte" usw. Für dieses bunte Gewimmel Namen zu finden, war keine leichte Sache. Zwar enthalten die klassischen Schriften der hebräischen Literatur Tier- und Pflanzennamen die Fülle. Aber das Gefühl für deren Bedeutung ist uns verloren gegangen. (Mein Freund, der Hebräischlehrer, begnügt sich, wenn ihm ein solches Wort unterkommt, mit der Erklärung „Min chajah", „Min perach", was zu deutsch heißt „eine Art Tier", „eine Art Pflanze". Weiter differenziert er nicht . . . Aharonis hebräische Zoologie, die nun bald erscheinen soll, wird für uns auch sprachlich von großer Bedeutung sein. Tschemichowski hat es verstanden, den überlieferten Schatz wieder in gangbare Münze umzuprägen und dafür müssen wir ihm sehr dankbar sein. Wer Tschemichowskis prachtvolle Idyllen kennt — Gedichte, zu denen man immer wieder zurückkehrt und die einen immer erneuten Genuß gewähren — der wird sich auch darüber nicht wundem, daß es dem Uebersetzer vortrefflich gelungen ist, den idyllischen Ton des Longfellowschen Werkes zu treffen. Der Verfasser des „Brith milah" konnte nicht in Verlegenheit kommen, wenn er die lustige Hochzeitsfeier des Hiawatha in hebräischen Rhythmen schildern sollte. Das schön gedruckte Buch sollte allen hebräisch lesenden Knaben und Mädchen in die Hand gegeben werden. Prag. Dr. Hugo Bergmann. Nr. 24 Vente des Oeuvres de Frddöric Beer. Catalogue. Florenz 1913. : j; t Das vorliegende, schön ausgestattete Heft enthält als Einleitung eine kurze Biographie des verstorbenen Künstlers in französischer Sprache aus der Feder des Grafen Giuseppe M o n r o y in Florenz. Mit wenigen, aber kräftigen Strichen zeichnet der Verfasser den Werdegang und die künstlerischen Leistungen unseres verstorbenen Gesinnungsgenossen. Wir erfahren, daß der Heimgegangene während der letzten elf Jahre seines Lebens in Florenz gearbeitet hat, daß hier seine Schaffenskraft den Höhepunkt erreichte und sein bildnerisches Genie in der Stadt Michelangelos und Donatellos jenen hohen Grad von Vollkommenheit gewann, den seine Schöpfungen bekunden. j Wohltuend berühren der warme Ton und das tiefe Empfinden, womit der Verfasser Beers Skulpturen bespricht. Im Katalog sind einige derselben photographisch reproduziert. Das Werkchen hat in kunstverständigen Kreisen allgemein reges Interesse hervorgerufen, und ich möchte nicht verfehlen, die Aufmerksamkeit der Leser dieser Zeitschrift darauf hinzu- Florenz. T. M. J u d a e us: Eine ungekannte Welt. Zweiter Band: Zwischen Rhein und Wolga. Sänger & Friedberg, Frankfurt a. M., 5673. — Moritz Steinhardt: Aus dem Ghetto. Erzählungen aus dem vorigen Jahrhundert. Zweite vermehrte Auflage. Gustav Engel, Leipzig, 1913. — Friedrich Streißler: Familie Mehlmann. Roman eines Konvertiten. Hermann Costenoble, Jena, 1913. In den „Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben" — wie der Untertitel des Novellenbandes „Eine ungekannte Welt" lautet — will Judaeus die trotz aller lokalen Verschiedenheiten im Grunde gleiche Wesensart der jüdischen Welt zwischen Rhein und Wolga zur Gestaltung bringen. Dieses Ziel hat der Verfasser auch vollkommen erreicht; durch anziehende Sprache ausgezeichnet, stellen sich die sieben teilweise sehr umfangreichen Schilderungen als ansprechende Darstellungen jüdischer Eigenart in vergangener und gegenwärtiger Zeit dar. Allerdings ist in den Geschichten: „Der Findling" und „Eine vereitelte Hochzeit" der Kern der Erzählung unwahrscheinlich, aber auch hier ermöglicht die gewandte Diktion im Verein mit der spannend entwickelten Folge der Geschehnisse einen befriedigenden Gesamteindruck. Die sehr gesuchte Problemstellung, der Konflikt des in jüdischem Glauben und Empfinden großgezogenen christlichen Findlings, der später wieder dem Bekenntnis seiner Väter zugeführt wird, und die Rückgewinnung des als Christ aufwachsenden Sohnes eines jüdischen Gutspächters für die Religion seiner Blutsangehörigen, die sogar durch die Erlangung der „Morenu"- Würde gekrönt wird, bietet dem Verfasser Gelegenheit, eine wirksame Auseinandersetzung seiner Auffassung vom jüdischen Wesen zu geben. Ohne in den Fehler zu verfallen, die „weiße" jüdische Seele der „schwarzen" christlichen entgegenzustellen, ist er doch nicht ganz frei von tendenziöser Darstellung, die aber bei einer Aufgabe, wie sie Judaeus sich gestellt hat, nicht ganz ausgeschaltet werden kann. Im allgemeinen ist das Werk als erfreuliches Beispiel einer literarischen Bewegung im heutigen Judentum zu bezeichnen, die ohne rein apologetischen Zweck Aufklärung über das jüdische Wesen in den Kreisen verbreiten will, die es nicht kennen. Die ansprechende Ausstattung des Buches wird sicher auch zur Erreichung dieses Ziels beitragen. Aus dem kleinen ungarischen Ghettostädtchen Eisenstadt plaudert Moritz Steinhardt in seinen Erzählungen, die die abgeschlossene Behaglichkeit verfallender Reste vor unsere Augen zaubern. In kurzen Geschichten zieht das Leben einer solchen Judenstadt an uns vorüber, wie wir sie in vielen ähnlichen Schilderungen schon kennen gelernt haben. Stunden der Erinnerung für die Aelteren und Anregungen für unsere Jugend vermittelt die Lektüre dieses Büchleins. DiESqKELT

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.