Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 24 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 LT 759 Gelehrte hebt den großen Fortschritt unseres Kolonisationswerkes in Palästina hervor. Oppenheimer äußerte sich sehr zuversichtlich über die Entwicklungsmöglichkeiten der städtischen Siedlung in Tel-Awiw, Haifa und Tiberias. Ausführlich besprach er die Zukunftaussichten der nach seinen Plänen begründeten genossenschaftlichen Kolonie Merchawjah. Oie Nr. 94 enthält einen Aufsatz von Adolf Stand, in dem er aus Anlaß der Ernennung des neuen Statthalters die Richtlinien für die weitere Politik im Lande gibt, und einen Bericht von Jehuda Bornstein (Frankfurt )über die Konferenz der jüdischen Jugendvereine Deutschlands. In Nr. 95 schildert Isak Eben (New York) die Beziehungen des alten verstorbenen Chassidimrabbi in Czortköw zum Zionismus. Nr. 9b bringt einen Artikel von Dr. Leon Rosenkranz, der die Stellung der Zionisten bei den galizischen Landtagswahlen bespricht. f =£? PALASTINA-RUNDSCHAU (Von unserem Berichterstatter.) Von dem Jerusalemer Spitzenatelier und dem Bezalel (Ein Interview mit Herrn L. Estermann.) Das öffentliche Leben in Jerusalem schlägt jetzt stärkere Wellen als sonst. Den ersten Anstoß gab der „Makkabi" mit seiner energischen Abwehraktion gegen das Treiben der Mission. Die Abwehrarbeit ließ sich anfänglich sehr gut an. Nicht weniger als 120 Kinder wurden der Mission entzogen und in den jüdischen Schulen des Hilfsvereins, der Anglo-Jewish Association und der Alliance untergebracht. Hierbei kam allerdings eine gewisse Nuancierung zum Ausdruck, die des Interesses nicht entbehrt. Der Vertreter des Hilfsvereins erklärte sich nämlich sofort zur Aufnahme der auf seine Schule entfallenden Zahl der Kinder sowie zur Tragung der damit verbundenen Kosten bereit. Die Leiterin der Eveline de Rothschild-Schule sträubte sich ein wenig, verlangte Bedenkzeit, willigte aber endlich ein. Hingegen gewährte die Leiterin der Alliance- Schule die Aufnahme erst, nachdem sie die Erklärung erhalten hatte, daß das Abwehrkomitee für die Aufbringung der Mehrkosten sorgen würde. Während man sich nun des erzielten Erfolges freute, trat ein Ereignis ein, welches einen dunklen Schatten auf die eben begonnene Abwehrarbeit breitete. Das Jerusalemer Spitzenatelier, das bekanntlich von Frau Schoschanah P e r s i t z in Moskau unterhalten wurde und etwa ISO Mädchen im Atelier und eine weitere Anzahl durch Heimarbeit beschäftigte, wurde plötzlich geschlossen. Das bedeutet nun nichts anderes, als daß diese Mädchen ihren Lebensunterhalt verloren haben. Als Grund der plötzlichen Schließung wird Ueberprodukt i o n angegeben, für die das in Rußland sich darbietende Absatzgebiet (dies allein sollte ursprünglich für das Jerusalemer Atelier verwertet werden, während die übrigen Länder für die übrigen palästinensischen Spitzenateliers reserviert bleiben sollten) nicht hingereicht hat. Es wäre freilich entschieden richtiger gewesen, wenn die Leitung des Ateliers lieber bei einer langsameren Entwicklung verharrt wäre und nur etwa 100 Mädchen beschäftigt hätte, wodurch die völlige Schließung hätte vermieden werden können. Im übrigen bietet die Krisis des Jerusalemer Spitzenateliers einen weiteren Beweis dafür, daß man bei einer gedeihlichen Führung der Palästina-Arbeit von Europa aus auf die werktätige Mithilfe der palästinischen Judenheit nicht verzichten kann. Dies gilt allerdings nicht bloß vom Frauenverband. Da ein Unglück selten allein kommt, traf es sich gerade, daß fast zu gleicher Zeit die Werkstätten des „Bezalel" für einen Monat geschlossen werden mußten, damit die Umwandlung der Anstalt in zwei fast ganz gesonderte Abteilungen — Schule und Werkstätten — planmäßig durchgeführt werden konnte. Dadurch entstand zunächst in Jerusalem neue Beunruhigung. Man befürchtete, daß die Sache ähnlich wie beim Spitzenatelier endigen würde. Unter diesen Umständen fand ich es für nötig, mich an Herrn L. Estermann, den verantwortlichen Direktor der Werkstätten, um Aufklärung über den Stand der Dinge zu wenden. Herr L. Estermann, der seit Beginn der zionistischen Bewegung in Deutschland tätigen Anteil an ihr nahm, weilt bereits ein halbes Jahr in Palästina. In den ersten Monaten widmete er sich ausschließlich dem Bezalel, wobei er sich auf Grund eingehender kaufmännischer Berechnungen von der Lebensfähigkeit des Unternehmens überzeugte. Er erstattete darauf einen Bericht an den Berliner Vorstand und forderte ihn auf, ein größeres Betriebskapital aufzubringen, um endlich die von der eigentlichen Kunstgewerbeschule loszulösenden Werkstätten auf die notwendige kommerzielle Basis zu stellen. Dies geschah durch das Eingreifen der zionistischen Organisation. Auf meine Frage, wie Herr Estermann sich die Weiterentwicklung des Bezalel-Betriebes denke, erwiderte er ungefähr folgendes: „Zunächst: alle größeren Ateliers bleiben weiter bestehen. Alle anders lautenden Gerüchte sind Phantasiegebilde. Vom Filigran-Atelier wird kein einziger Arbeiter entlassen. Das gleiche gilt vom Kupfer-Atelier. Das Teppich- Atelier wird nur eine kleine Einschränkung erfahren. Von den 110 in diesem Atelier arbeitenden Mädchen werden etwa 20 unbeschäftigt bleiben. Dabei wird diese Maßregel nur solche Mädchen treffen, die auf den Erwerb nicht sonderlich angewiesen sind. Ich hoffe überdies zuversichtlich, daß nach Konsolidierung der Teppich-Abteilung diese Mädchen — und noch weitere — wieder Aufnahme bei uns finden werden. Auch das Atelier für Treibarbeiten bleibt bestehen. Hingegen wird das kleine Holz-Atelier einstweilen suspendiert. Auch der Fortbestand des Batik-Ateliers ist noch vorläufig in Frage gestellt. Im großen und ganzen sehe ich bezüglich der Entwicklung der Werkstätten vertrauensvoll in die Zukunft. Der Bezalel genießt bereits jetzt, dank der freiwilligen Werbearbeit der Palästinafreunde, eine Popularität, die, kaufmännisch gesprochen, mindestens eine Viertelmillion Francs jährlich wert ist. Leider konnte dieser Umstand bis jetzt, wegen der unzureichenden Mittel und Arbeitskräfte, nicht ausgenutzt werden. Dies soll jetzt anders werden. Das aufgebrachte Betriebskapital wird hinreichen, um nach und nach in den wichtigsten Ländern zunächst Verkaufsstellen einzurichten. Sie wissen ja, daß man bis jetzt alle Energie auf Veranstaltung von Ausstellungen verwandte, die allerdings stets einen großen propagandistischen Wert, oft auch einen finanziellen “Erfolg hatten. Nach Beendigung der Ausstellung fehlte es aber in der Regel ah geeigneten Verkaufsstellen, und wenn jemand ein Erzeugnis des Bezalel bespielsweise als Geschenk zu einem bevorstehenden feierlichen Anlaß erwerben wollte, so mußte er sich meist auf eine langwierige Korrespondenz einlassen, und ehe er den gewünschten Gegenstand erhalten konnte, war oft die betreffende Feier usw. vorbei, so daß aus der Bestellung nichts wurde. Durch die Agenturen, die wir jetzt auf kaufmännischer Grundlage errichten wollen, wird diesem Uebelstande abgeholfen werden. Wir werden ferner durch den Umstand, daß wir das erforderliche Rohmaterial gegen sofortige Barzahlung in größeren Quantitäten werden beziehen können, in der Lage