Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-06-13 · 24 (13.6.1913) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316598--57548-3376012
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

758 Nr. 24 DIE3|klt punkt der Whitechapler „Politiker". Da wurden Deputationen empfangen, Sitzungen abgehalten und wichtige Beschlüsse gefaßt, die gar oft die Pläne des mächtigen Chief-Rabbi und des noch mächtigeren Lord Rothschild durchkreuzten. Suwalsky hatte manchmal eine bissige Feder und einen scharfen Witz, die töteten. Und er war arm und unabhängig genug, um sich die nackte, ungeschminkte Wahrheit leisten zu können. Nur hatte er keine einzige und beständige Wahrheit, sondern jeden Tag eine andere. Er war eigentlich ein Vertreter der orthodoxen Anschauung und sein Blatt ein Organ des strengen Rabbinismus, was ihn aber nicht hinderte, einige Wochen vor seinem Tode in einer gelehrten halachischen Abhandlung nachzuweisen, daß die durch den Zwang des modernen Wirtschaftslebens zur Sabbatentweihung getriebenen Gesetzesübertreter im Sinne der Thora straffrei seien. Er war Zionist und Territorialist — abwechselnd und beides zugleich. Er war weltklug und wie so viele Whitechapler doch nur ein großes Kind, er war strenggläubig und doch ein Skeptiker. Sein Verhältnis zu seiner Zeitung war ein urpersönliches. Als ihn seine Frau einmal mit einem Kinde beglückte, schrieb er im „Hajehudi" an erster Stelle: „Unsere Frau hat einen Knaben zur Welt gebracht?" Dabei war er als Redakteur ein Muster der Toleranz. Er druckte so ziemlich alles, was man ihm einschickte, und es war ihm recht gleichgültig, ob der betreffende Artikel seinen eigenen Ansichten entsprach oder nicht und ob er mehr, weniger oder gar nicht literarisch war. Es versteht sich von selbst, daß der „Hajehudi" bei so toleranten Grundsätzen erheblich weniger als 50 Dutzend Abonnenten hatte. Die gebildeten hebräischen Leser wollten den „Hajehudi" nicht abonnieren, weil er literarisch geringwertig war, die Frommen trauten Suwalsky nicht recht, den Freisinnigen war er ein Vertreter der äußersten Orthodoxie, den Gemeindepolitikern schien der „Hajehudi" ein Revolverblatt zu sein, und den Zionisten war er zu -territorialistisch, während die Territorialisten ihn extrem zionistisch fanden. So mußte Suwalsky jede Woche für neue Abonnenten sorgen. Man denke sich nun die Findigkeit und die unerschöpfliche Energie dieses Mannes, der es trotz aller dieser Widerwärtigkeiten fertig brachte, jahrelang sein Blatt am Leben zu erhalten, allwöchentlich Drucker, Setzer, Papier und Porti zu bezahlen — der Himmel weiß, woher . . . Suwalsky hatte viele Fehler, aber er war ein großer Mensch, denn er klagte niemals und sein Witz versiegte trotz seines unendlich großen Dalles in keiner Situation des Lebens. In gewissem Sinne war er ein Heiliger. Er kannte sein großes Elend und setzte sich darüber hinweg . . . Arm, wie er zur Welt gekommen, ist er aus ihr geschieden. T 7 hinterläßt eine Witwe und fünf Kinder, darunter zwei prächtige Knaben mit hellen Locken und schönen Augen. Selbst das härteste Mißgeschick konnte Suwalsky im Leben nichts anhaben, aber es würde ihn tief kränken, wenn er wüßte, daß seine Witwe und Waisen jetzt völlig mittellos dastehen. Werden die englischen Juden Herz und Gemüt genug haben, sich ihrer anzunehmen? REVUE DER PRESSE Die an deutschen Hochschulen studierende zionistische Jugend aus Rußland, die sich bekanntlich Anfang dieses Jahres zu einem „Kartell zionistischer Studenten aus Rußland" zusammengeschlossen hat, gibt in Berlin eine Halbmonatsschrift unter dem Titel „Jewrejsky Student" in russischer Sprache heraus. Die Zeitschrift hat sich zur Aufgabe gestellt, die kulturellen Interessen der russisch-jüdischen Studentenschaft zu fördern und unter ihnen das Interesse für den Zionismus rege zu erhalten. Die Zeitschrift erscheint, wie die Herausgeber erklären, deshalb in russischer Sprache, weil ein erheblicher Teil der russisch-jüdischen Studentenschaft leider nur die russische Sprache beherrscht. Die ersten drei Nummern der neuen Zeitschrift enthalten außer einer reichhaltigen Chronik eine Reihe vorzüglicher Artikel. In einigen dieser Aufsätze werden die assimilatorischen Bestrebungen mancher russisch-jüdischer Studentenkreise trefflich gegeißelt und zugleich ein klares nationales Arbeitsprogramm für unsere Studentenschaft aufgestellt. In einem Artikel „Palästina und die jüdische Jugend" wird die große Bedeutung der Palästinareisen behandelt, in einem andern manches schöne Wort über die Bilu-Pioniere gesagt. Die letzte Nummer beschäftigt sich hauptsächlich mit den studentischen Konferenzen der jüngsten Zeit: der Konferenz ostjüdischer nationaler Studenten (in Zürich) und dem Kartelltag zionistischer Studenten aus Rußland (in Darmstadt). Im Zusammenhänge mit den Beschlüssen der Züricher Konferenz bespricht unser bekannter Gesinnungsgenosse W. Jabotin s k y die Sprachenfrage und tritt nachdrücklich für die Pflege des Hebräischen ein. — Im allgemeinen macht die Zeitschrift einen sehr günstigen Eindruck, und es Ist zu hoffen, daß sie zur Nationalisierung und Zionisierung der russischjüdischen Studentenschaft in hohem Maße beitragen wird. Der „Univers“ stellt in Nr. 36 die französischen Juden vor das Problem, welches Schicksal die marokkanischen Juden unter dem französischen Protektorat erwarte, und führt als warnendes Beispiel das Los der tunesischen Juden an. Er schreibt: „Hier, unter dem französischen Protektorat, sind die Juden unterdrückt und entrechtet. Weit entfernt, auf gleichem Fuße mit den französischen Kolonisten behandelt zu werden, wenn sie deren Kultur und deren Gesinnung besitzen, werden sie noch als unter den Eingeborenen stehend angesehen. Zwischen dem Kolonisten und dem Eingeborenen befinden sich die Juden wie zwischen Hammer und Amboß, und sie entrinnen dem Fanatismus des Arabers nur, um der Willkür des französischen Beamtentums zu verfallen. Von einer offiziellen Organisation ist keine Rede, die Regentschaft hat sich der Schaffung eines Oberrabbinats stets widersetzt. Während sie die französischen Werke ganz unterhält, die arabischen eitrigst fördert, überläßt sie die jüdischen Institutionen sich selbst oder bedenkt dieselben mit jämmerlichen Unterstützungen. Die Folgen dieses Zustandes sind nicht ausgeblieben, und die bewußten Juden in Tunis werfen sich dem Zionismus in die Arme. Der Vergleich mit dem Verhalten der Italiener in Tripolitanien wird die Zahl der Unzufriedenen noch vermehren.“ Der Artikel weist dann noch auf die Initiative der italienischen Juden zugunsten ihrer Stammesgenossen sowie auf das Entgegenkommen der italienischen Regierung hin, und fordert die französischen Juden auf, bei der Regierung energisch für die Rechte der Juden in Marokko einzutreten. Das in Lemberg erscheinende jiddische „Tagblatt“ bringt in den Nummern 83 und 84 eine Darstellung der Verhältnisse im ungarländischen Judentum von Dr. Nissan Kahan (Budapest), die eine günstige Entwicklung des Zionismus in Ungarn erhoffen läßt. In Nr. 87 schildert M. F. Seidmann (Berlin) den Kampf des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gegen den Zionismus. Die Nr. 89 enthält eine Beschreibung der Chagigah in Rechoboth von Jehoschua Feldmann (Jaffa). Der Berliner Korrespondent des Blattes veröffentlicht in Nr. 92 ein Interview mit Dr. Franz Oppenheimer nach seiner Rückkehr aus Palästina. Der bekannte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.