Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 24 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 DIENTE LT =- 757 leute auszubilden. Mitte Dezember konnte I)r. Faitlovich Europa verlassen. In Jerusalem, wo in der Schule des Hilfsvereins der junge Falascha J e r e m i a G e t i e ausgebildet wurde, holte er diesen ab, damit er ihn auf seiner Reise begleitete. Die italienische Regierung stattete Dr. Faitlovich mit ausgezeichneten Empfehlungen an die Behörden der Kolonie aus. Der Gouverneur von Erytrea erklärte sich auch bereit, den Grund und Boden für die zugunsten der Falaschas zu errichtende Schule unentgeltlich zu gewähren. Bei seiner Ankunft in Asmara fand Dr. Faitlovich ein Schreiben der Falaschas vor, in dem sie ihn beschwören, so rasch wie möglich wieder in ihren Gemeinden zu erscheinen, sie aufzurichten und nicht länger zu dulden, daß sie zum Spielball der christlichen Missionare werden. Der neue Hilferuf machte auf ihn, ganz besonders aber auf seinen Begleiter G e t i e , einen tiefen Eindruck. Die beiden Vertreter des Pro Falascha-Komitees begaben sich sofort auf die Reise und beschleunigten sie so sehr, wie das in jenen unwegsamen Gegenden möglich ist. Am 27. März erhielt Dr. Margulies in Florenz aus Dobarek ein Schreiben von Dr. Faitlovich, worin es u. a. heißt: „Ich benutze die Anwesenheit eines Kuriers nach Adua, um Ihnen mitzuteilen, daß ich auf dem Wege nach Amhara bin. Auf der Reise habe ich einige Falascha-Gemeinden in der Provinz Tigre besucht. Ich kann Ihnen die Freude, welche diese unglücklichen Brüder über meinen Besuch empfanden, jetzt nicht schildern. Letzten Sonntag verließen wir Tigre. Dm hierher zu gelangen, hatten wir drei Tagereisen durch die Wüste zu marschieren. Morgen bin ich wiederum unter den Falaschas in der Gemeinde Masquelicho, wo ich den Sabbat verleben werde. Von dort aus werde ich eine Falascha-Gemeinde nach der anderen besuchen, bis ich schließlich nach Gondar komme, wo die christliche Mission jetzt eine neue Station errichtet hat.“ Ableben eines jüdischen Gelehrten in Südafrika (Von unserem Berichterstatter.) Johannesburg. Die Judenheit in Südafrika beklagt einen großen Verlust, den sie durch das Hinscheiden von Rabbi Herzl F r c e m a n , dem Rabbiner der Chewra Gemoro der Orthodox Hebrew Congregation, erlitten hat. Der Verblichene war ein hervorragender Talmudist und großer jüdischer Gelehrter. Trotz seiner großen Frömmigkeit hatte er tiefes Verständnis und Interesse für die Probleme des modernen Judentums. Das Leichenbegängnis von Rabbi Freeman gestaltete sich zu einer in Südafrika noch nie gesehenen imposanten Trauerkundgebung der gesamten jüdischen Bevölkerung von Johannesburg. Auf dem Friedhofe hielten Rabbi Dr. Landau, Dajan M. Friedman und Rev. H. Lipschitz Trauerreden. Eine neue hebräische Zeitschrift in Amerika New York. Der Verband „A ch i e b e r“ der hebräischen Sprachvereine gibt unter dem Titel „H atoren“ eine neue hebräische Monatsschrift heraus, deren erstes Heft soeben erschienen ist. Es ist dies zurzeit die einzige hebräische Zeitschrift Amerikas und sie verspricht eine vornehme, im besten Sinne moderne literarische Revue zu werden, die zur Förderung der hebräischen Sprachbewegung in Amerika wesentlich beitragen dürfte. Isak Suwalsky Von Dr. 8. M. Mölamed, London Isak Suwalsky, der Begründer und Redakteur der hebräischen Wochenschrift „Hayehoody“, der Chef einer „Whitechapler Redaktion“, wie ich eine solche in einer früheren Nummer der „Welt“ beschrieben habe, ist nach langem Leiden verschieden. In ihm verliert Whitechapel einen scharfsinnigen Talmudisten, einen klugen Ratgeber, einen erfahrenen Ghettopolitiker und - einen großen Hungerkünstler. Suwalsky war gleichsam der genius loci, die Seele von ganz Whitechapel. Er war ein großer Talmudist, einer aus der Jeschibah von Woloshin, aber er hatte den Ehrgeiz, in erster Reihe als großer Schriftsteller und Publizist zu gelten, was er min einmal — der Wahrheit die Ehre — nicht war. Er schrieb ein Buch „Chaje Hajehudi al pi Hatalmud“, dessen Vorzüge unbestritten sind, das aber im Grunde doch ganz unliterarisch und unwissenschaftlich ist. Und da Suwalsky trotz aller redlichen Mühe als Publizist keine Erfolge erzielen konnte, wurde er — Mazzohändler in Br ick Lane und begründete außerdem eine Handelsagentur. An der Spitze seines Blattes war eine zeitlang folgende Ankündigung zu lesen: „Unsere auswärtigen Abonnenten, die geschäftliche Aufträge in London zu vergeben haben oder die mit Londoner Firmen in Verbindung treten wollen, werden gebeten, sich an die als prompt und zuverlässig bekannte Agentur unseres Redakteurs zu wenden.“ Ob jemand, der mit London in geschäftliche Beziehung treten wollte, sich je an Mr. Suwalsky, Brick Lane 116, gewandt hat, ist eine Frage, die nur der sehr unsanft Entschlafene zu beantworten in der Lage wäre... Als auch die Handelsagentur versagte, begründete Suwalsky eine Buchhandlung und später eine Druckerei. All diese und ähnliche Geschäftsbetriebe brachten ihm einen ausgewachsenen Dalles ein, der sich selbst in Whitechapel sehen lassen konnte. Der Herr Chef-Redakteur des „Hajehudi“ hatte seine besondere Arbeitsmethode. Wenn Manuskripte eingelaufen waren, nahm er eine große Schere, öffnete die Briefumschläge und schnitt den Manuskripten die breiten Ränder weg. „Sehen Sie“, sagte er mir einmal lachend, „wenn man Redakteur einer Zeitung ist, braucht man mindestens kein Papier zu kaufen. Mir sind alle Manuskripte schon ihrer breiten Ränder wegen willkommen. Auf diese Ränder schreibe ich meine Leitartikel und meine Feuilletons und meine Berichte.“ Als echter Whitechapler hatte der Verblichene gar kein Verhältnis zu Zeit und Raum. Von London nach San Francisco zu fahren, um dort ein halbes Dutzend Abonnements- Beträge einzukassieren, war ihm eine Leichtigkeit. Noch im Oktober vorigen Jahres ging er nach den Vereinigten Staaten, um dort alte Abonnements-Beträge einzukassieren und neue Abonnenten zu gewinnen. Da er ein Genie im Sparei war, benutzte er für seine Reise ein Schiff, das nicht weniger als 17 Tage auf dem großen Teich schwimmt, bevor es New York erreicht. Ein halbes Jahr weilte Suwalsky in den Vereinigten Staaten, sammelte neue Abonnenten, zog alte Schulden ein, traf Vorbereitungen für die Ueberführung des „Hajehudi“ nach New York, wo man ihm verschiedene Subventionen in Aussicht stellte, kehrte seelenvergnügt nach London zurück und . . . starb nach einer kurzen, aber qualvollen Krankheit. Man muß es diesem Manne nachsagen, daß er sich bis zum letzten Atemzug seinen herzerfrischenden Humor bewahrte. Der Name Suwalsky ist für alle Zeiten mit dem Namen Whitechapel verbunden. Er war der intellektuelle Führer und politische Ratgeber dieser jüdischen Provinz. Wenn der alte Chief-Rabbi sich herausnahm, die Schechita in Whitechapel zu monopolisieren oder das englisch-christliche Scheidungsgesetz in „Anglo-Jewrv“ einzuführen, so hatte er es mit Suwalsky zu tun. Suwalskys armselige Redaktionsstube war der Sammel-