Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 24 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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756 Nr. 24 der Religion ergaben1*. — „So war die Familie Taussig,“ fuhr Dr. Kraus fort, „ein ideales föderativ-staatliches Gebilde im kleinen, in dem jedem Mitgliede volle Selbständigkeit und die Möglichkeit einer eigenen Entwicklung gewährt war. Sie war eine ideale Herrscherin in einem idealen Reiche, sie hatte Verständnis für alle ihre Kinder und Enkel, trotzdem zwischen ihnen Stammes- und vor allem Religionsunterschiede herrschten. Ich betone vor allem diese Religionsunterschiede, die die Entschlafene so glücklich zu überwinden verstand, denn dadurch hat sie einen bewundernswerten Edelsinn bewiesen. Wenn etwas Derartiges einer unserer heutigen Mütter gelänge, müßten wir uns darüber nicht aufhalten; aber wir müssen erwägen, daß die Verstorbene in den strengen jüdischen Traditionen der Schule von Golc-Jenikau erzogen war und sich doch zu diesem religiösen Liberalismus im besten Sinne emporgearbeitet hat. Wir beugen uns mit Ehrfurcht vor ihrem Grab, das uns für ewige Zeiten ein Zeichen sein soll, daß die Religion nicht auf der Welt ist, die Menschen zu entzweien, sondern sie in Liebe und gegenseitiger Hilfe zu vereinen." Verdient diese Leichenrede eines Rabbiners nicht angemerkt zu werden? Vielleicht werden manchem ob dieses Dokumentes der Kriecherei erst die Augen aufgehen, vohin die liberal-reformatorisch-assimilatorische Schönrednerei führt, die die getaufte Familie als das „ideale Reich" und die Loslösung vom Judentum als Heldentat preist, und die christliche Mitwelt angesichts des Friedens innerhalb einer getauften Familie zu Duldung und Liebe überreden will. Ritualmordhetze an einer ungarischen Hochschule (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Aus Nagyvärad (Großwardein) wird über eine Affäre berichtet, die im ganzen Lande das größte Aufsehen erregt. An der dortigen katholischen Rechtsakademie liest seit Jahresfrist der praktische Arzt Dr. Stefan V e r z ä r über gerichtsärztliche Medizin. Während seines Vortrages ereignete sich kürzlich folgender Zwischenfall: Der Dozent sprach eben über die äußeren Umstände und Merkmale des Ertrinkens. Plötzlich hielt er inne und sagte dann, wohl um seine Ausführungen zu illustrieren: „Bitte, es gibt ein bekanntes und berühmtes Beispiel. Bevor wir weitergehen, bringe ich Ihnen den Fall von Tisza- E s z 1 ä r in Erinnerung. Dort geschah es, daß die Juden, welche für rituelle Zwecke das Blut junger Mädchen abzapfen, die Esther Solymosi ertränkten . . ." Lautlose Stille trat ein. Da erhob sich ein jüdischer Hörer: „Ich bitte um Entschuldigung, Herr Professor, ich bin Jude und weiß, daß das Judentum jeden Blutgenuß ausdrücklich und strengstens verbietet." „Bitte, meine Herren, lassen wir das," sprach der Dozent und las mit Seelenruhe weiter, während die christlichen Hörer ihren jüdischen Kollegen mit den Rufen: „Der Herr Professor sprach sehr richtig" und ähnlichen Bemerkungen hänselten. Die Angelegenheit wurde bald bekannt. Ein Journalist suchte Dr. Verzär auf und interviewte ihn. Dr. Verzär bestätigte den in den Zeitungen berichteten Sachverhalt und bemerkte auf die Frage, ob ihm bekannt sei, daß die Unschuld der Juden in Tisza-Eszlär gerichtlich erwiesen wurde: „Nein. Und wenn ich 50 Jahre gerichtsärztliche Medizin dozieren würde, könnte ich die Sache nicht anders darstellen." Die Erregung in jüdischen Kreisen über das Verhalten des famosen Hochschullehrers ist sehr groß. Ob die Unterrichtsverwaltung mit gebührender Strenge gegen ihn einschreiten wird, bleibt abzuwarten. Verurteilung eines judenfeindlichen Journalisten in England London. Der Herausgeber der Zeitschriften „Eye Witness" und „New Witness", Cecil Chesterton, der bemüht ist, den kontinentalen Antisemitismus nach England zu verpflanzen und u. a. eine heftige Kampagne gegen, die beiden jüdischen Mitglieder des englischen Kabinetts eröffnet hat, ist von Godfrey Isaacs, dem Bruder des Justizministers und Direktor der Marconi-Gesellschaft, wegen Verleumdung verklagt worden. Die Klage gelangte am 7. Juni zur Verhandlung. Chesterton hatte zahlreiche Artikel über den Kontrakt geschrieben, den der Generalpostmeister Herbert Samuel, bekanntlich ein Jude, mit der Marconi-Gesellschaft abgeschlossen hatte, und in allen diesen Artikeln war Godfrey Isaacs durch den Schmutz geschleift und der Abschluß des Kontrakts als Korruptionsskandal schlimmster Art hingestellt worden, als ob der Generalpostmeister und andere Minister zusammen mit dem Direktor der Marconi-Gesellschaft bei dieser Gelegenheit unerlaubte Privatspekulationen gemacht hätten. Chesterton wurde wegen Verleumdung unter dem allerschärfsten Tadel des Richters zu 100 Pfund Geldstrafe und Tragung der sehr hohen G e r i c h t s k o s t e n verurteilt. Aus dem Pariser Gemeindeleben (Von unserem Berichterstatter.) Paris. Die diesjährige Generalversammlung der Kultusvereinigung fand am Lag Baomer statt. Die Beteiligung war sehr schwach. Zum ersten Male seit Jahren weist der Rechnungsabschluß einen kleinen Ueberschuß auf, allerdings nur infolge einer ungewöhnlichen Steigerung sämtlicher Einnahmen, die sich im ganzen auf 1 120000 Frcs. beliefen. Wie immer, sicherte die Familie Rothschild einen großen Teil des Budgets. In seiner Ansprache beschäftigte sich der Vorsitzende, Baron E. Rothschild, auch mit der Frage der eingewanderten Juden, denen man eine größere Zahl von Betlokalen zur Verfügung stellen sollte; dagegen sprach er sich entschieden gegen den Gebrauch des Jargons als Predigtsprache aus. Aus den Reihen der Mitglieder wurden einige Wünsche laut betreffs Veranstaltung von Kursen und Vorträgen für die schulentlassene Jugend und Erwachsene, sowie Eröffnung einer Bibliothek und eines Lesesaales. Diese Anregungen, auf die wir wiederholt in der „Welt" hingewiesen haben, .wurden aber vom Vorstandstische sehr kalt aufgenommen; es ist nun einmal zum starren Prinzip geworden, alles, was nicht zum Kultus im engsten Sinne des Wortes gehört, abzuweisen. Die dritte Reise des Dr. Faitlovich zu den Falaschas Florenz. Bekanntlich hat das Pro Falascha-Komitee im vergangenen Sommer beschlossen, Herrn Dr. Faitlovich zum dritten Male nach Abessinien zu senden. Dort sollte er zunächst unter den Falaschas eine von ihm in amharischer Sprache verfaßte Schrift verbreiten, die dazu geeignet ist, die Falaschas in dem ihnen von der christlichen Mission aufgezwungenen Kampfe zu ermutigen. In der Schrift ist ferner die Ankündigung enthalten, daß demnächst eine Schule in Erytrea eröffnet werden soll, in der die Falaschas in der jüdischen Religion und in der hebräischen Sprache Unterricht erhalten werden. Es ist ferner die Aufgabe von Dr. Faitlovich, unter den Falaschas eine Anzahl begabter junger Leute auszuwählen, die gewillt wären, sich zu Lehrern ihrer Lands-