Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 24 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316598--57545-3376009- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
755 DIESqEELT Die Juden Im Wirtschaftsleben von Saloniki (Ein Gespräch mit dem griechisch-mazedonischen Finanzdirektor.) (Von unserem Berichterstatter.) Saloniki. Der griechische Finanzdirektor für Mazedonien, Herr Götti n as , empfing vor kurzem den Redakteur der Zeitung „Progres" in Athen, der ihn wegen der künftigen Stellung der Juden im Handel von Saloniki interviewte. Auf die Bemerkung des Interviewers, daß die jüdische Bevölkerung in Saloniki zu befürchten scheine, die Griechen könnten sie aus ihren Positionen im kommerziellen Leben verdrängen, meinte Herr Coffinas, es sei ganz ausgeschlossen, daß die kaufmännische Bedeutung der Juden Salonikis unter griechischer Herrschaft abnehmen sollte. Der wirtschaftliche Aufschwung, dem Saloniki unter dem neuen Regime entgegengehe, werde im Gegenteil hauptsächlich den dortigen Juden zugute kommen, die ja schon jetzt den Handel beherrschen und denen die griechische Verfassung völlige Gleichberechtigung und freie Entfaltung ihrer Kräfte gewährleiste. In Alt-Griechenland sei ja die Lage der Juden in politischer und wirtschaftlicher Beziehung ebenfalls eine durchaus günstige. Ueberdies würde ja die griechische Regierung sich selber schädigen, wenn sie der Judenschaft von Saloniki, die eine zahlreiche, intelligente, gutsituierte und wohlorganisierte Bevölkerungsgruppe bildet, nicht in jeder Weise entgegenkäme. Beiüs vor dem Kiewer Geschworenengericht Kiew. Die hiesige Gerichtskammer beschloß am 6. Juni in einer geheimen Beratung, die den ganzen Tag dauerte, Be il is unter der Anklage der Beteiligung an der Ermordung des Knaben Justschinski vor das Kiewer Geschworenengericht zu stellen. Es wurde ferner beschlossen, Beilis im Gefängnis zu belassen. An der Verhandlung nahmen sämtliche Mitglieder der Gerichtskammer teil. Die Entscheidung hat hier großen Eindruck hervorgerufen. Die Kultusratswahlen in Lemberg (Von unserem Berichterstatter.) Lemberg. Schon während der Kultusratswahlen in den Jahren 1904, 1907, 1910 erklärten die Assimilanten des Lemberger Kultusvorstandes ihre Bereitschaft, ein Abkommen mit den Zionisten zu schließen. Wenn jetzt die Verständigung (s. Nr. 21) erzielt worden ist, so geschah es, weil sich die Lage der Juden im Lande infolge der letzjährigen Krisen und der Hetzarbeit der antisemitischen Parteien so verschlimmert hat, daß die inneren Kämpfe im Judentum selbst zurücktreten müssen. Die in der Gemeinde herrschenden Kreise haben zugegeben, daß dem Zionismus Einfluß auf die Geschicke der Kultusgemeinde gebühre. Samstag, den 30. Mai fand im großen Tikwat-Zion-Saale eine Versammlung der Zionisten Lembergs statt. Vor über 500 Anwesenden berichtete das Zentralkomitee über das Wahlabkommen. Adolf Stand schilderte die langjährigen Kämpfe der Lemberger Zionisten um die Eroberung der Kultusgemeinde. Auch diesmal setzt die Partei ihre Bemühungen fort und sie stellt daher — auf Grund einer Verständigung zwei Kandidaten auf. Endlich soll der Zionismus in den Beratungssaal der zweitgrößten Kultusgemeinde des Reiches einziehen. Dr. Michael Ringel entwickelte hierauf das zionistische Kultusprogramm. Die zionistischen Kultusräte werden die Reform der Wahlordnung und des Steuerwesens anstreben, die Erledigung der kulturellen Aufgaben im nationalen Geiste überwachen, das Interesse für sozial - wirtschaftliche jüdische Fragen wecken, für das Zustandekommen des Gemeindebundes eintreten. Direktor Simon Orange, Kandidat des III. Wahlkörpers, hebt in seiner Rede hervor, daß er — sollte er gewählt werden — sich als Vertreter der zionistischen Partei betrachten und mit aller Kraft im Sinne des zionistischen Programms arbeiten werde. Kandidat des I. Wahlkörpers, Dr. Alexander Hausmann, spricht den Wunsch aus, daß der Kultusrat auch an die Zukunft des Judentums denke, an Palästina. Man müsse an die praktische Lösung einzelner zionistischer Programmpunkte herantreten. Das Abkommen wurde einstimmig zur Kenntnis genommen. Montag, den 9. Juni fand die Wahl im III. Wahlkörper statt. Direktor Orange wurde einstimmig gewählt. Ein Hirtenbrief polnischer Bischöfe gegen die Juden Aus Anlaß der bevorstehenden Landtagswahlen fühlten sich der Lemberger römisch-katholische Erzbischof Bilc z e w s k i, der armenisch-katholische Erzbischof Theodor o w i c z, die römisch-katholischen Bischöfe S a p i e h a in Krakau, Watega in Tarnow und Fischer in Przemysl gedrängt, einen gemeinsamen Hirtenbrief zu erlassen, der auch die Judenfrage behandelt und in dem es u. a. heißt: „Wenn die Rede von Bündnissen ist, können wir es nicht stillschweigend übergehen, daß manche demokratische Parteien sich wegen eines momentanen politischen Vorteils mit einem fremden Element verbinden, welches den Geist des Christentums nicht kennt und oft feindlich gegen ihn auftritt. Das erzeugt in der Gesellschaft eine Verwirrung der Begriffe und Grundsätze. Der christlichen Ethik wird eine andere entgegenstellt und die chritsliche Kultur, die in alle Arterien des nationalen Lebens eingedrungen ist, begegnet von dieser Seite entweder einer völligen Verkennung oder einem nivellierenden Kritizismus. Indem wir vor dem zersetzenden Einflüsse dieser Richtung warnen, betonen wir gleichzeitig, daß wir nicht Haß und Kampf gegen die Juden — in denen wir stets unsere Nächsten sehen — verkünden wollen." Trotz dieses letzten Satzes wird im Westen Galiziens stillschweigend nach dem Warschauer Muster ein wirtschaftlicher und politischer Boykott gegen die Juden ins Werk gesetzt. Im Osten des Landes droht den Juden das Schicksal, zwischen Hammer und Amboß des polnisch - «athenischen Kampfes aufgerieben zu werden, oder nach Friedensschluß von beiden Völkern verdrängt zu werden. In den nächsten Jahren werden die Juden schwer um die Erhaltung ihrer jetzigen Positionen zu kämpfen haben. Es ist die Zeit der Kräftesammlung gekommen, auch vereint werden die Juden schwer ihren Platz behaupten können. Eine jüdisch-liberale Begräbnisrede (Von unserem Berichterstatter.) Prag. Leichenreden pflegen für gewöhnlich nicht Gegenstand journalistischer Berichterstattung zu sein. Aber in Beneschau in Böhmen wurde am 1. d. M. beim Begräbnis der Frau Julie Taussig eine Rede gehalten, über die große tschechische Tagesblätter ausführlich zu berichten für wert fanden. Diese beachtenswerte Rede hielt der tschechischnationale Rabbiner Dr. Ottokar Kraus, einer der eifrigsten Vorkämpfer des tschechisch-assimilatorischen Reformjudentums. Eine große Schar von Trauergästen ohne Unterschied der Konfession hatte sich eingefunden; da konnte der Rabbiner nicht umhin, nach einer Würdigung der persönlichen Eigenschaften der Verstorbenen besonders ihren vornehmen Sinn für ihre Familie hervorzuheben, „obwohl jedes ihrer Kinder einen eigenen Lebensweg wählte und obwohl sich sogar innerhalb der Familie Unterschiede