Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 24 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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754 blE3§KELT Nr. 24 o »□□□□□□ WELTCHRONIK □□□□□□ Türken und Juden (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Es liegen diese Woche interessante Aeußerungen aus türkischem Munde über Juden und Judentum vor, die davon zeugen, daß die Sympathien, die dem osmanischen Volke im allgemeinen wohl von seiten sämtlicher Juden der Welt entgegengebracht werden, auch auf der anderen Seite Erwiderung Die türkische Regierung erließ dieser Tage einen Aufruf zugunsten der verhungernden Mohammedaner im eroberten Adrianopel. Wie gewöhnlich, hat dieser Aufruf den stärksten Widerhall zuallererst in jüdischen Herzen gefunden, und die jüdischen Bürger des schwergeprüften Landes haben an den eröffneten Sammlungen, als handle es sich um ihre eigenen Brüder, regen Anteil genommen. In Anbetracht der mannigfachen Unterstützungen, die das jüdische Hilfswerk in der Türkei von osmanischer Seite gefunden hatte, besonders von der Zentralkasse des Roten Halbmondes, hat die auf dem Großrabbinate tagende Kommission für die jüdischen Kriegsgeschädigten es für angezeigt gehalten, auch ihrerseits ihr Mitgefühl für die bittere Not leidenden Adrianopler Muselmanen an den Tag zu legen und mit einer, wenn auch bescheidenen Summe zur Linderung dieses schrecklichen Elends beizutragen. Als Dank für diese Teilnahme erhielt der Großrabbiner wenige Tage darauf das folgende Schreiben: Konstantinopel, 14./27. Mai 1913. Kabinett des Finanzministeriums. Eminenz! Ich hatte die Ehre, zugleich mit Ihrem liebenswürdigen Takrire die fünfzig Pfund zu empfangen, die Sie die Güte hatten, mir für meine Sammlung zugunsten der notleidenden Muselmanen Adrianopels zu überweisen. Der rührende Edelsinn, dem ich bei dieser Gelegenheit sowohl bei Ihrer Eminenz wie bei Ihren osmanischen und ausländischen Glaubensgenossen begegnet bin, die Spontaneität, mit der Sie alle zu dem grundmenschlichen Werke beigesteuert haben, dessen Resultate dank Ihrer Freigebigkeit meine Erwartungen übertroffen haben, machen es mir zur Pflicht, Ihnen öffentlich meinen tiefbewegten Dank auszusprechen. Seit langem schon habe ich die sozialen Qualitäten Ihrer Rasse bewundern gelernt, die, ohne sich jemals in die streitbare Politik zu mischen, ohne sich Mordwaffen zu bedienen und ihren neidischen Verkleinerem und eingefleischten Hassern irgendwelche moralischen oder materiellen Vorwände zu liefern, lediglich durch ihre Arbeit und Rührigkeit sich den hohen Platz zu erringen wußte, den sie in der Welt behauptet. Neue Beobachtungen und persönliche Erfahrungen haben mir sodann bewiesen, wie sehr sie, mehr als andere anderen, nicht nur auf religiösem Gebiete tolerant und ihren eigenen schweren Prüfungen entsprechend menschlich edel und mitfühlend ist, sondern auch hervorragend würdig, moralisch wie kulturell verfeinert und der Vervollkommnung entgegenstrebend. Die Tatsache allein, daß sie sich seit Jahrhunderten zu erhalten gewußt hat, ohne zu Gewaltmitteln ihre Zuflucht zu nehmen, beweist schon im Uebermaß ihre Kraft und ihren überlegenen Zivilisationsgrad. Ganz besonders in meiner Eigenschaft als Türke halte ich darauf, hier von unserer tiefen Dankbarkeit gegenüber den Juden Zeugnis abzulegen für die Treue, die sie nicht aufhören, diesem Reiche zu beweisen, und für ihre Ergebenheit, die sich auch unter den grausamsten Umständen nicht verleugnet hat. Das Großrabbinat seinerseits hat stets die Delikatesse und den praktischen Sinn bekundet, sich auf seine geistlichen Prärogative zu beschränken, ohne die Tätigkeit der Regierung jemals durch Einmischung weltlicher Art oder stürmische Beschwerden zu enervieren; Ihre Schutzbefohlenen hatten sich dieser Haltung immer nur zu freuen. Auch individuell genommen, haben wir niemals von einem Juden als Bettler, Mörder oder Aufrührer reden hören. Wir hegen eine derartige Hochschätzung für die unerschütterliche Treue, die Nützlichkeit und den friedliebenden Charakter Ihrer Schutzbefohlenen, daß es uns fühlbar schmerzen würde, wenn das Element des Reichtums, der Zivilisation und des Fortschrittes, das sie in Rumelien darstellen, für das Reich verloren ginge. Die Qualitäten und Charakterzüge der kräftigen Privatinitiative, der Solidarität, der Ausdauer in der Arbeit, der Geschicklichkeit und Ehrlichkeit zugleich in den Geschäften, die es ermöglichten, daß Ihre Rasse sich trotz der wütenden Anstrengungen derjenigen, die tausend Vorwände für ihre Vernichtung suchen, behaupten und sich noch ganz im Gegenteil durch Jahrhunderte der Verfolgungen, ohne die Stütze einer nationalen Regierung, irgendwelcher bewaffneten Macht oder irgendwelcher fremden Hilfe, entwickeln konnte, diese Eigenschaften sollten in diesem Augenblicke als Beispiel und Reaktiv den unglücklichen Nationen dienen, die doch immerhin noch über eine nationale Regierung und eine kompakte Nationalität verfügen. Diese Betrachtungen, die man in einem Dankschreiben vielleicht als unangebracht betrachten könnte, und die für einsichtige Türken abgedroschene Wahrheiten sein mögen, entspringen in diesem Momente dem ganz natürlichen Drange, einer legitimen Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen, die ihrerseits aus der aufrichtigen und tatsächlichen Solidarität geboren wird, mit der Ihre Glaubensgenossen sich in den peinlichen Prüfungen, die wir durchzumachen haben, überall als Ottomanen bekannt haben. Ich bitte Ihre Eminenz, den Ausdruck meiner respektvollen Ergebenheit entgegennehmen zu wollen. Reschid Safvet, Kabinetts-Chef. Dieses ministerielle Schreiben trägt, wie man sieht, einen ganz außerordentlichen Charakter. Die Judenheit wird mit Genugtuung den Ausdruck der Anerkennung, den es enthält, entgegennehmen. Bedauerlich bleibt nur, daß die Türken ihre Gefühle für die Juden, die sie wohl allgemein mit Reschid Safvet Bej teilen, nicht in Taten umsetzen, indem sie auch formell gestatten, daß ihrem Reiche durch Einwanderung in Palästina mehr von den jüdischen Kräften, die sie für so wertvoll halten, zugeführt werden. Die Ansichten, die dieses Schreiben diktierten, sollten wirklich nun endlich zur Abschaffung der Hindernisse führen, die einer Entwicklung der jüdischen Rasse im Lande ihres Ursprunges, das zugleich eine Provinz des türkischen Reiches ist, entgegenstehen. Man darf aber die Hoffnung nicht aufgeben, daß doch über kurz oder lang die Konsequenzen aus solchen Anschauungen gezogen werden. Die türkischen Staatsmänner, die sich diesen Konsequenzen nähern, werden jedenfalls immer zahlreicher. Im gleichen anerkennenden Sinne waren ja auch die in der „Welt" vom 9. Mai d. Js. veröffentlichten Aeußerungen gehalten, die Reschid Bey, der frühere Minister des Innern und gewesene Gouverneur von Jerusalem, über die Juden und den Zionismus getan hat. Alle diese Aeußerungen sind ein Beweis dafür, daß die einsichtigeren türkischen Staatsmänner den Wert der Juden für die Türkei zu schätzen wissen, und daß die von jüdischer Seite seit Jahren trotz aller Schwierigkeiten fortgesetzte Aufklärungsarbeit nicht vergeblich war.