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Die Welt · 1913-06-13 · 24 (13.6.1913) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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752 DIE2§£ELT Nr. 24 t > V GM mm Hi E. M. Lilien Ruth eigenen Geschichte folgend, erkennen, daß frei nur ist, wer sich aus eigenen geistigen Mitteln entwickelt und daß alle Unfreiheit in der Anlehnung an fremden Volksgeist gipfelt. Assimilation ist Unfreiheit. Als Lilien daran ging, die Bibel zu illustrieren, da hat er nicht bloß in die herrlichen Reden der Propheten, in die unsterblichen Lieder der Sänger des jüdischen Volkes sich vertieft, da hat er nicht nur der hebräischen Sprache ein neues emsiges Interesse zugewandt, nicht allein sich mit Feuereifer der großen wissenschaftlichen Literatur gewidmet, die namentlich im letzten Vierteljahrhundert aus dem wiedergefundenen orientalischen Altertum und seinen Resten forscht und gewinnt, sondern er ist an die Stätte gegangen, wo allein ein volles Erleben des biblischen Wortes möglich ist. Wer die Bibel will verstehen, muß in der Bibel Lande gehen. Und überall, in den drei bis jetzt erschienenen Bänden seiner großen Bibelausgabe ebenso wie in der vor kurzem erschienenen Schulausgabe *) bemerkt man, was der Künstler von seinen Studienaufenthalten im Lande der *) Es erschien außer der großen Bibelausgabe Liliens jetzt auch „Die Bibel in Auswahl fürs Haus“ mit Zeichnungen von E. M. Lilien. Unter besonderer Berücksichtigung von Dr. Martin Luthers Uebersetzung herausgegeben von Prof. Edv. Lehmann und Oberlehrer P. Petersen. Braunschweig und Berlin: G. Westermann. Diese Ausgabe enthält auch das Neue Testament im Auszuge. Die Lilienschen Bilder sind auch hierbei ausschließlich alttestamentarische und allgemein-jüdische, oder dem Lande Israel entnommen. Väter gelernt hat, das ihm natürlich auch das Land der Zukunft ist. Die typische Beduinentracht, aus der der Talith entstanden ist, tritt uns in seinen Väterbildern scharf und in unverkennbarer Schönheit entgegen. Ob Abraham in der Vollkraft seiner Jahre an den Sternen des Himmels die Zahllosigkeit seiner Nachkommenschaft abliest, oder ob er als Greis in zärtlichem Gefühl neben seinem Sohne Isaak dahinschreitet oder wenn Jakobs kraftvolle Schönheit Rahels Lieblichkeit gegenübersteht, immer schauen die Palmen des blühenden Landes auf die alte israelitische Tracht, die in unseren Gebetshäusern noch immer lebt. Aber bald verschwindet die hebräische Heimat und wir erblicken das Volk in Aegypten, im Hause der Knechtschaft, und sehen, wie der Künstler das geknechtete Volk in dem Lande der Sklaverei darstellt, und wie mächtig auf ihn die Denkmäler Aegyptens eingewirkt haben. Wenn es noch vor ganz kurzer Zeit als eine Errungenschaft moderner Bibelkritik galt, daß Israels nähere Bekanntschaft mit Aegypten einer viel späteren Zeit entstammt, so hat jetzt die Israel-Stele, die F1 i n d e r s Petrie gefunden hat, dieser Anschauung einen endgültigen Riegel vorgeschoben. Mit richtigem Griff hat Meister Lilien aus der Israel-Stele des Pharao Mernephtah, der als der Pharao des Auszuges gelten kann, das ägyptische Schriftzeichen für Israel herausgegriffen und als Kapitalleiste dort angebracht, wo in der Bibel Israels ägyptische Zeit beginnt. Höher und höher steigt des Künstlers Darstellung, wo er zur Gesetzgebung am Sinai übergeht, und von ganz besonderer Schönheit ist jene Darstellung seines Moses, der vom Bergesgipfel herniedersteigend das Volk um das Goldene Kalb jauchzen und tanzen sieht und in gerechtem Zorn die steinernen Tafeln zerschmettert, die er vom Sinai herabgebracht hat. Die Gesetzgebung, die Wüstenwanderung und endlich der Einzug in das Land geben immer neue Motive, um das alte Israel in seinen Jugendtagen darzustellen, „als in der Wüste ein Volk Gnade fand, ein Volk, dem Schwerte entronnen, als Israel hinzog zu seiner Ruhe“. Dann sehen wir nach dem weisen und milden, großen und bescheidenen Lehrer des Volkes den streitbaren Feldherren Jehoschua mit dem Schwerte in der Hand einherschreiten vor seines Volkes Helden und dem Wüstenwandervolke die Ruhe im alten Lande der Väter erstreiten. Enthält so der erste Bibelband Ueberlieferung und Gesetz, d. h. die fünf Bücher Moses und das Buch Jehoschua, so ist der zweite bisher vorliegende Band der Lehrdichtung gewidmet und umfaßt die Sprüche Salomos, den Koheleth des weisen Königs, das liebliche Buch Ruth, sowie Jona, Esther und Daniel. Es ist das in seiner hohen Kultur blühende Land Israel, in das wir versetzt werden. Der König, der fünftausend Lieder gedichtet hat und dessen Weisheit bis gen Schebä erscholl, der noch bis in die heutigen Tage das Urbild aller Lebensweisheit geblieben ist, sitzt auf seinem Trone, umgeben von Sängerinnen und Harfnern. Aber aus seinem Munde tönt jene zweifelnde und doch abgeklärte Weisheit: „Nichtigkeit der Nichtigkeiten, alles ist nichtig“! Und wenige Blätter weiter sehen

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