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Die Welt · 1913-06-13 · 24 (13.6.1913) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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750 Nr. 24 DIE3§KELT Wie sollen diese aber beschaffen sein? Da hören wir eben die stereotype Antwort: „jüdische Kultur“! Nicht die der Vergangenheit, sondern die der Gegenwart. Aber was ist sie, worin besteht sie, wo sind ihre Werte und Werke? Jüdische Kultur, wird uns geantwortet — das ist die jüdische Sprache, das „Jiddisch“. Da sind wir endlich beim Kernpunkt des „Alljudentums“ angelangt. Die Sprache! Ich gehöre gewiß nicht zu den Gegnern der Jiddischisten. Eher zu ihren Freunden. Der Streit um die Berechtigung des „Jiddisch“ wollte mir nie recht einleuchten. Wie kann man einer lebenden und deshalb auch lebensfähigen Sprache die Existenzberechtigung absprechen? Es mag ja sein, daß sie dem Untergang geweiht ist, daß sie vor dem Ansturm der Sprachen der Wirtsvölker wird weichen müssen. Aber dies ist kein Argument gegen ihre Existenz und deren Berechtigung. Denn man darf sich keiner Täuschung hingeben. Dank den „Jargons“ hat sich auch die hebräische Sprache halten können. Ueberall wo die Juden die Landessprache annehmen, schwindet auch die Kenntnis des Hebräischen. So war es in Andalusien, als man dort noch arabisch sprach, so im eigentlichen Arabien. Wo aber die Juden ihren eigenen Dialekt sprechen, da besteht auch eine hebräische Literatur. Allerdings, in Palästina liegen die Dinge anders. Aber das ist ein Kapitel für sich. Nun, bei alledem sehe ich doch nicht ein, wie der Jargon — oder wenn man will, auch die hebräische Sprache — ein Bindemittel zwischen Ost und West, zwischen den Judenheiten in aller Welt werden soll. Vielleicht geht es noch mit Mühe und Not bei den deutschen Juden. Aber wie mit den englischen, französischen, italienischen usw.? Ich gebe ja zu, daß es hauptsächlich auf die deutsche Judenheit, als die zweitgrößte Gruppe, ankommt. Aber dies ist eine praktische Erwägung. Die Theorie muß jedoch für alle Fälle ohne Ausnahme stimmen. Und was soll nun durch das Vehikel der Sprache übergeleitet werden? Was kann der Osten dem Westen, der jüdische Osten dem jüdischen Westen bieten? Es wird mich gewiß niemand beschuldigen wollen, daß ich geringschätzig von meinen Landsleuten denke. Ich kenne die große Kulturkraft, die im Osten schlummert. Ich habe sie mit meinen eigenen Augen gesehen, diese verkümmerten und verwahrlosten jüdischen Talente. Da kannte ich in meiner Heimatstadt einen alten Juden, der ein mathematisches Genie war. Ein Pascal des Ghetto. Er hat ohne jede Anleitung, beinahe ohne Bücher, sich zu den Gipfeln und Abgründen der Mathematik durchgearbeitet. Er hätte vielleicht ein zweiter Weierstraß werden können. Er wäre es auch geworden, wenn er kein russischer Jude gewesen wäre. Nun mußte er darben, als „Kollektor“, d. h. Lotterieloshändler ein armseliges Dasein fristen, in Not und Vergessenheit sterben. Und einen anderen kannte ich, in einem ganz kleinen, weltverlorenen Nest. Er war ein „Kaufmann“, d. h. er hatte einen kleinen Spezereiladen, dessen Gesamtwert sich höchstens auf 200 M. belief. Und dieser Mann war ein philologisches Talent ersten Ranges. Trotz seinem dürftigen linguistischen Apparat verstand er die tiefsten Fragen der Philologie, dachte über sie nach, hatte seine eigenen Theorien. Es wäre aus ihm vielleicht ein Steinthal geworden — aber er mußte Heringe und Zwiebeln verkaufen. Nun denn, man denke sich, das Ostjudentum würde sich eines Tages aufraffen, all seine geistigen Potenzen zur vollen Reife und Entfaltung bringen, was hätte das „Alljudentum“ davon? Der jüdische Mathematiker, der Philologe, der Biologe werden doch nicht jiddisch und nicht hebräisch schreiben, sondern deutsch, französisch, russisch, je nachdem. Und kann es überhaupt eine jüdische Wissenschaft geben? Ja, wenn wir unsere eigene Universität, unsere Akademie, unser territoriales Zentrum hätten — dann . . . Aber die Verfechter der „alljüdischen“ Idee reden doch vom „hic et nunc", von der Gegenwart und deren Fortsetzung. Es bleibt also die „Schöne Literatur“ Nun denn, es ist ja möglich, daß im jüdischen Osten Dichter erstehen werden, die sich mit den ersten und höchstbegabten Dichtern Europas werden messen können Sie werden vielleicht auch Eingang finden unter den Juden des Westens, aber bloß als — exotische Werke, als etwas, was abseits vom Lebensweg liegt. Kann denn ein westeuropäischer Jude überhaupt Perez und Mendele, Bialik und die anderen volkstümlichen, bodenständigen Dichter des Ostens verstehen? Ich glaube nicht daran. Läßt doch fnich wiederum die westjüdische Kunst kalt. Ich vermag z. B. „Jettchen Gebert“ als jüdischem Buch keinen Reiz abzugewinnen, und doch war die ganze deutsche Judenheit entzückt von diesem Roman. Kompert und Bernstein — ja die waren noch Oestier, sogar der tendenziöse und süßliche Franzos hatte noch eine blasse Ahnung von der jüdischen Seele. Aber die Neuen, die Modernen? Was ist jüdisch an Wassermann, an Schnitzler, an Hirschfeld? Ihre Müdigkeit, ihre nonchalante Handbewegung, ihre Psychologie? Das sind vielleicht jüdische Motive, vom Judenschicksal bestimmte psychische Nuancen, jüdische Kunst ist es durchaus nicht. Und darum meine ich, daß sich die Anhänger der „Jüdischkeit“ und des „Alljudentums“ und der Jargonisierung der Judenheit in einem argen Wahne befinden, daß sie auf einem hoffnungslos falschen Weg sind. Die „Jiddischisten“ des Westens glauben, Realpolitiker zu sein, und sind dabei bloß Träumer und Begriffsfanatiker. Die wirkliche Not des Judentums, die großen Fragen, die tiefen Probleme scheinen ihnen gänzlich zu entgehen. Für die Judenheit der Gegenwart gibt es gar keine Sprachenfrage, ganz andere Sorgen und Leiden erfüllen sie. Vom zionistischen Standpunkt einer jüdischen Zukunftspolitik ist freilich die Sprachenfrage von Bedeutung. Gilt es doch in Palästina ein einheitliches Milieu zu schaffen, gilt es doch zur Förderung des nationalen Zukunftsgedankens das Interesse am Hebräischen auch in der Diaspora wachzuhalten. Aber das ist eigentlich eine national-politische Maßregel, um den Rahmen des neuen Volkslebens zu schaffen. Und dieses Leben selbst ist das Wesentlichste und Wichtigste: Vor allem das Bild, dann der Rahmen . . . Verstiegenheit ruft offenbar Verstiegenheit hervor. Eine Art geistige Ansteckung. Die stärkste Seite der Zionisten war immer die Klarheit und Präzision ihres Programms und dessen Begründung gewesen. Keine Nebulositäten, keine himmelstürmenden Phrasen. Eine moderne Bewegung kann auch gar nicht anders sein. Und gar eine politisch-nationale. Aber es will mir scheinen, daß die zionistische Jugend dieses alte, brauchbare Instrument — die Logik — zu verachten beginnt. Die klare, einfache und bescheidene Sprache Herzls gerät in Vergessenheit und eine Ueberschwänglichkeit, eine Verstiegenheit macht sich breit, die frappiert und beunruhigt. Da habe ich in der letzten Nummer der „Welt“ einen Aufsatz gelesen, eine Abwehr der Angriffe der „Alljuden“. Ich will nicht auf den Aufsatz selbst eingehen, hätte auch keinen Anlaß gehabt, ihn zu erwähnen, aber ein Satz, der Schlußsatz, der Schlußakkord dieses Aufsatzes, machte mich stutzig: „Der Zionismus“, wird in diesem Satze behauptet, „ist eine Verneinung des europäischen Denkens“ usw. Ich habe bereits des öfteren solche Aphorismen zu hören bekommen. „Der Zionismus“, sagte mir einmal ein ganz junger Student, ein enragierter Zionist, „ist eine aristokratisch-konservative Bewegung“. Der Jüngling war besonders stolz auf seine Definition und hielt sich für einen „Staatsmann“. Ja, so was kann man wohl hier und da sagen — besonders wenn man auf die Nachsicht der

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