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Die Welt · 1913-06-13 · 24 (13.6.1913) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVII. JAHRO. BERLIN, 13. Juni 1913 T'önn 'X ■jvd 'n ,^'772 INHALT* ** C0R4LNIK: Verstiegenheiten - H. LOEWE: Bilder zur Bibel — WELTCHRONIK — 8. M. L 1 * MELAMED: Isak Suwalsky — REVUE DER PRESSE — PALÄSTINA-RUNDSCHAU — AUS DER BEWEGUNG — LITERARISCHE RUNDSCHAU — Mitteilungen des Hauptbüros des Jüd. Nationalfonds. — Inserate VERSTIEGENHEITEN Es ist oft eine recht bedenkliche Sache, eine Idee bis zur äußersten Konsequenz durchzuführen. Man verfällt da leicht in Dogmatismus, in Verbohrtheit und blinde Einseitigkeit. Und mag die Idee an sich noch so richtig sein — die Folgerungen sind es nicht immer. Wie nun aber, wenn man gar dem Schatten von einer Idee, einer Quasi- Idee, einem vagen Begriffe, der sich bei näherer Analyse als ein leeres Wortgebilde enthüllt, blindlings, bis zum äußersten folgt? Dann wird daraus nicht mehr ein immerhin ernst zu nehmender Dogmatismus, sondern einfach eine Schrulle, eine Verstiegenheit . . . Wenn ich mir die verschiedenen westeuropäischen Theoretiker der jüdisch-nationalen Idee ansehe, so will es mir scheinen, als ob sie vom „echt-jüdischen" Geiste nur sehr wenig in sich aufgenommen hätten. Das Merkzeichen jüdischen Geistes, jüdischer Lebensführung ist ja — das Maß. Gewiß, die Propheten, die Männer der jüdischen Antike überhaupt — die waren nicht „gemäßigt". Aber nur in ihrem Ton, in ihrer Leidenschaft, wohl aber in ihrem Denken, in ihren Zielen. „Siehe die Lehre!", sagt der „Talmud Jeruschalmi", „sie gleicht zwei Pfaden, der eine ist aus Feuer, der andere aus Eis, beide sind todbringend. Was tun? Man gehe in der Mitte..." Alle Weisen des Judentums, Maimonides, Ihn Esra, bis auf den Gaon von Wilna, alle waren sie Menschen der Mitte, die jedes Extrem mieden. Mitte heißt nicht Kompromiß und Halbheit, sondern Maß, Form, Tat . . . Ich hätte Wohl keinen Anlaß, diese Selbstverständlichkeit hier zu wiederholen, wenn sich nicht in der letzten Zeit gerade unter den Nationaljuden, unter denen, denen die Sache des jüdischen Volkes am Herzen liegt, die Tendenz kundgegeben hätte, die Schranken der Form und des Maßes, der Wirklichkeit und des Möglichen überspringen zu wollen. In der Bejahung, wie in der Verneinung, in der Doktrin, wie in der Kritik. Da ist unter den jüngeren jüdisch-nationalen Publizisten ein Streit entbrannt um das Problem des „Alljudentums“, der „Jüdischkeit". Ich muß offen gestehen, daß ich dieses „Alljudentum" überhaupt nicht verstehe. Und ich wäre sehr begierig zu erfahren, was sich die Erfinder dieses Schlagwortes darunter vorstellen. Ach ja, sie meinen es ja gut, wirklich und von Herzen gut mit dem Judentum. Sie möchten Ost und West zusammenschließen, den verlorenen geistigen Kontakt wiederherstellen, eine alljüdische, d. h. einfach eine jüdische Kultur schaffen, die all die anderen locker gewordenen Bande ersetzen soll. Funkelnagelneu ist diese Idee gewiß nicht. Eigentlich existiert ja das Judentum nur in der Form des „Alljudentums". Welche Inhalte immer dieses „All" umfassen mag, es ist da, läßt sich nicht wegleugnen. Dies wissen wir alle auch ohne das neue Schlagwort. Wir (ich meine alle Juden, die sich über die jüdische Frage Gedanken machen) wissen aber auch, daß der Umkreis des „All" immer kleiner wird, daß die Inhalte, die das Judentum ausfüllen, immer mehr zusammenschrumpfen. Dies wissen wir und sehen gar kein Mittel, diesen Prozeß aufzuhalten. Man hat einmal den Zionismus eine pessimistische Bewegung genannt, eine Bewegung von Juden, die an der Zukunft ihres Volkes verzweifelten. Es ist ja ein Kern von Wahrheit in dieser Definition. Wer daran glaubt, daß das Judentum, so wie es ist, sich erhalten, entwickeln, modernisieren und dabei stark und lebenskräftig bleiben kann, der braucht gewiß keinen Zionismus, keine Konzentration der Volkskräfte. Und wer Optimist genug ist, um an die baldige Wendung im Leben der östlichen Judenheit, an das Verschwinden des Antisemitismus überhaupt zu glauben, auch der kann des Zionismus entraten. Aber der muß auch einen in unseren Zeiten unerschwinglichen Lebens¬ und Glaubensmut haben. Nun aber vom rein Emotionalen zum Logischen. Zugegeben, das Judentum könnte auch fürderhin und in alle Ewigkeiten in seinem jetzigen Stadium verharren. Worin bestände dieses Judentum? Einfach in der vorhandenen allgemeinen Idee des Judentums, d. h. in der Religion. Aber wenn wir uns auf diesen Standpunkt stellen wollten, dann wäre ja alles Theoretisieren, alle Sucherei unnötig. Wir wissen ja, die Orthodoxen, die Strenggläubigen erheben das Judentum gar nicht zum Problem, suchen nicht nach neuen Wegen. Und gerade weil die „Alljuden" diesen Weg nicht betreten können, gerade deshalb suchen sie nach neuen Bahnen und Zielen.

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