Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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726 Nr. 23 MESqEELT Der Präsident der westösterreichischen zionistischen Organisation, Herr Dr. Karl Po llak, dankte der zionistischen Studentenschaft, namens der Partei, für ihr ausgezeichnetes, würdevolles Verhalten und spornte sie an, in gleichem Geiste führ die Ehre unseres Volkes weiterzuarbeiten. Die Studentenschaft ging mit dem Gelöbnis auseinander, nicht zu ruhen, bis den jüdischen Kommilitonen seitens des akademischen Senates ihr Recht widerfährt. Wir waren darauf gefaßt, daß sich auch in dieser Angelegenheit, wie in allen Fällen, da das bewußte Judentum für die Ehre unseres Volkes eintritt, widerliche Ghettostimmen melden werden. Daß die von Juden geleitete und geschriebene „Arbeiterzeitung“ sich nicht entblödet, von einer „angeblichen“ Drangsalierung und Benachteiligung der jüdischen Staatsbürger in Oesterreich zu sprechen, nimmt uns nicht Wunder. Sie will sich als deutsches Organ von den tschechischen Sozialdemokraten, die durch ihren Wortführer, den „Separatisten“ Dr.. Schmeral, im Parlamente das Gegenteil nachwies, deutlich unterscheiden. Auch die hinterhältige Rede des Herrn Hofrates Kuranda kam nach den bisherigen Erfahrungen nicht unerwartet. Er weinte zwar im Abgeordnetenhause „innerlich blutige Tränen“, weil die Waidhofener in einer Versammlung der Antiduell-Liga trotz der Anwesenheit so hoher Herren vom Militär und vom Adel den Täufling Dr. N e u m a n n einen ehrlosen Juden nannten, fügte aber hinzu, das Verhalten der zionistischen Studenten an der Universität sei angetan, den Antisemitismus zu erregen und zu fördern. Dieses Wort Kurandas hat sogar die „Neue Freie Presse“ angewidert, denn sie übermittelte es ihren Lesern nicht. Am lieblichsten hat sich eine Anzahl jüdischer Hochschullehrer verhalten. Der Präsident der zionistischen westösterreichischen Organisation, Herr Dr. Karl Pollak, regte nämlich im Aerzteklub mit Hinweis auf das früher erwähnte Rundschreiben an die jüdischen Mitglieder des akademischen Lehrkörpers eine Diskussion an. Die Gelegenheit schien ihm geeignet, da zehn jüdische Professoren und Dozenten der medizinischen Fakultät zugegen waren und ihm Rede stehen mußten. Die Mehrzahl der Herren fand, man solle sich in der Frage der Ehrloserklärung der Juden nicht an die jüdischen — sondern an die arischen Professoren wenden . . . Wir stellen diese Aeußerung fest und rufen den Herren jüdischen Professoren nur die Worte zu, mit denen der jüdische Hochschulausschuß seinen Aufruf an die jüdischen Mitglieder des akademischen Senates schloß: „Wir wissen heute noch nicht, wohin die Ereignisse uns führen werden, wir wissen aber, daß uns der Selbsterhaltungstrieb zu der Devise zwingt: Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns!“ Eine Kundgebung des Wiener akademischen Senats Der akademische Senat der Wiener Universität erließ am 2. Juni eine Kundmachung an die Studentenschaft, worin er die Studenten zur Rückkehr und Ordnung auf akademischem Boden auffordert, damit die Maßnahmen vermieden werden, die ihnen zu schwerem Nachteil gereichen würden. Der Senat verurteilt gemäß seinem schon eingenommenen Standpunkt die sogenannten Waidhofener Beschlüsse. Er betrachtet den Vorwurf der Ehrlosigkeit gegenüber jüdischen Studenten als schwere Beleidigung. Er werde stets die Angriffe von Studierenden auf ihre Kommilitonen anderer Nation oder Konfession mit empfindlichen Strafen belegen. Andererseits müsse der Senat dabei beharren, daß eine in Tätlichkeiten ausartende Selbsthilfe von ihm stets weide geahndet werden. Die Forderung der jüdischnationalen Studentenschaft, alle Verbindungen zu suspendieren, die sich die Waidhofener Beschlüsse zur Richtschnur nehmen, falle nicht in die Kompetenz des Senates. Hermann Bahrs 50. Geburtstag Zum fünfzigsten Geburtstage des Schriftstellers Hermann Bahr stellen auch wir uns mit den besten Wünschen ein. Er ist einer von den wenigen nichtjüdischen Literaten, die dem jüdischen Volke Achtung und Liebe, dem zionistischen Streben volles Verständnis entgegenbringen und den Antisemitismus mit Einsetzung ihrer ganzen Persönlichkeit bekämpfen. Mit Vergnügen erinnern wir uns der genußreichen Abende, da er vor jüdischem Publikum vom Leben und Wirken Theodor H e r z 1 s sprach, den er sehr verehrt, und in seiner unvergleichlichen Art aus Herzls Werken und Kapitel aus der Bibel Wir begrüßen ihn auf der Höhe seiner Schaffenskraft und drücken ihm dankend die Hand. Die Judenfrage in der Reichsduma (Von unserem Berichterstatter.) Petersburg. Wie alljährlich, wurde auch diesmal in der Duma anläßlich der Beratung des Budgets über die Judenfrage gesprochen. Als erster sprach über dieses Thema der Vertreter der konstitutionellen Demokraten, A. Schingariew. Er geißelte die sinnlose antisemitische Politik auf dem Gebiete der Volkswirtschaft, die vom größten Schaden für das Land sei. Die sog. Registrationshefte allein hätten dem deutschen Export ganz erhebliche Dienste geleistet. Die Ausschaltung der Vermittler beim Warenumsatz sei ein schwerer Schlag für das Wirtschaftsleben. Der Ministerpräsident wisse dies sehr wohl, aber die Begünstigung tierischer Instinkte und Jahrhunderte alter Vorurteile sei ihm lieber. Diesen Instinkten und Vorurteilen zuliebe habe man ja selbst das Ritualmordmärchen im Gericht wiederauferstehen lassen. Eine groß angelegte Rede hielt der jüdische Abgeordnete Friedmann. Er setzte die judenfeindliche Politik der Regierung ins gebührende Licht und beleuchtete die Schäden, die eine rückständige Gesetzgebung und engherzige Verwaltungspraxis für die freie Entfaltung der schöpferischen Kräfte des Landes zur Folge haben. Merkwürdigerweise wurde diesmal die Rede Friedmanns viel aufmerksamer angehört, als es sonst in der vierten Duma üblich ist. Die Judenfrage berührte natürlich auch der berüchtigte Markow II. Er klagte bitter über die Regierung, die das russische Volk vor der jüdischen Bedrückung nicht schütze! Die Sympathien zu den Juden gingen so weit, daß seinerzeit der jüdischen Firma Lazar Poliakow aus den Mitteln der Reichsbank eine Subvention von 30 Millionen Rubel gewährt worden sei. Wie zu erwarten war, hat Kokowzow die Judenfrage nicht berührt. Nur zu den Vorwürfen Markows erklärte er, die 30 Millionen seien seinerzeit dem Hause Poliakow als Darlehen gegeben worden, um zahlreiche Adelsgeschlechter aus den Gouvernements Orel und Kursk, die Beziehungen zu Poliakows Bank hatten, vor dem Ruin zu bewahren. Dieser Tage ging die Duma zur Beratung des Etats des Ministeriums des Innern über. Bei dieser Gelegenheit hielt der Führer der Kadettenpartei M i 1 j u k o w eine Rede, die die „nationale“ Politik des Ministeriums des Innern einer vernichtenden Kritik unterzog. Neu war in dieser Rede Miljukows, daß die nationalen Rechte der Minoritätsvölker unbedingt respektiert werden müßten, und wenn es nötig sei, müßte auch die zentrale Regierungsgewalt eingreifen, um selbst in autonomen Provinzen wie Polen und Finnland das Recht der nationalen Minoritäten zu schützen. Es ist dies