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Die Welt · 1913-06-06 · 23 (6.6.1913) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
23 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 23 LT 725 Fortbestand der türkischen Oberhoheit, denn viele historische Momente lassen den Arabern die Verwirklichung ihrer besonderen Wünsche unter türkischer Oberhoheit als am vorteilhaftesten erscheinen. Es ist anzunehmen, daß durch die Einführung ernsthafter Reformen die radikalen Richtungen zurückgedrängt würden, und daß die Araber, wenn sie den guten Willen der türkischen Regierung erkennen, gern unter türkischer Oberhoheit verbleiben möchten. Nun ist es für uns von hervorragender Wichtigkeit, wie sich die maßgebenden arabischen Kreise zur jüdischen Nationalität in der Türkei stellen werden. Angesichts der letzten politischen Ereignisse, angesichts der unverkennbaren Tatsache, daß die arabische Frage in nächster Zeit die eine oder andere Lösung finden muß, ist die Haltung des Arabertums den Juden und speziell der jüdischen Einwanderung nach Palästina gegenüber von ganz besonderer Bedeutung. Lieber diese wichtige Frage können wir heute eine Mitteilung machen, die für jüdische und speziell zionistische Kreise von großem Interesse sein dürfte. Kürzlich hat der Direktor der angesehenen französischen Tageszeitung „Le Jeune Turc“ in Konstantinopel eine Reise nach Aegypten und Syrien unternommen, wobei er Gelegenheit hatte, die arabische Frage näher zu studieren. Er veröffentlicht nun in seinem Blatte Erklärungen, die Refik Bey El Azm, Präsident der arabischen „Parti de la decentralisation administrative“ (dezentralistische Partei) in Kairo, über die Absichten der arabischen Partei abgegeben hat. Dieser sehr einflußreiche Führer des Arabertums gibt seine Ansichten über die notwendigen Reformen in den arabischen Provinzen kund und äußert sich dann auch ausführlich über die Stellung, die er und das von ihm geleitete Komitee zur Judenfrage einnehmen. Aus seinen Erklärungen geht hervor, daß die Leitung der genannten arabischen Gruppe in einer Sitzung vom 30. April d. Js. bereits einen Beschluß gefaßt hat, der nach den Erklärungen Refik Beys folgendermaßen lautet: „Infolge einer Anfrage, die an uns durch einige unserer israelitischen Brüder bezüglich der Haltung des Komitees zu den Rechten aller Einwohner Syriens und Arabiens gerichtet wurde, und von der Absicht beseelt, sie hierüber zu beruhigen, hat das Komitee es für notwendig erklärt, sein Programm zu erläutern, welches auf dem Prinzip vollständiger Gleichheit aller Ottomanen beruht, gleichgültig, um welches Element und welche Religionsgemeinschaft es sich handelt. Alle Ottomanen ohne Unterschied der Rasse, der Religion und des Ritus sollen an allen Rechten der ottömanischen Nation teilhaben. Die Ottomanen müssen bezüglich ihrer Pflichten wie ihrer Rechte vollkommen gleich- - gestellt sein. Es ist beschlossen worden, daß der Unterschied der Rasse oder der Religion in keinem Falle ein Grund sein kann, um einem Teil der Ottomanen (und zwar sowohl im allgemeinen, wie speziell in Syrien) eines seiner allgemeinen und nationalen Rechte, wie immer diese beschaffen sein mögen, zu nehmen, wenn das betreffende Bevölkerungselement seine Pflichten gegenüber dem gemeinsamen Vaterlande und gegenüber dem politischen und ökonomischen Leben des Landes erfüllt.“ Nach diesen allgemeinen Grundsätzen über die prinzipielle Rechtsgleichheit äußerte sich Refik Bey speziell über die jüdische Einwanderung und die bestehenden Beschränkungsmaßregeln gegen die Juden. Zu diesem Punkt erklärte er wörtlich folgendes: „Unsere Partei ist entschlossen, die Rechte der jüdischen Nationalität zu schützen und wird kein Gesetz und keine Ausnahmemaßregel gegen die Juden zulassen. Als Ottomanen müssen die Juden alle Rechte haben, welche alle anderen Ottomanen genießen, als Fremde müssen ihnen alle Rechte zustehen, die die anderen Fremden erhalten haben. Jede gegen sie wegen ihrer Nationalität ergriffene AiignahmemaRregel ist gegen die Konstitution und widerspricht den liberalen Prinzipien unserer Partei. Sie wissen wohl, daß eine dauernde jüdische Immigration in Palästina und Syrien stattfindet. Leider hat unsere Partei infolge der kurzen Zeit, die seit ihrer Begründung verflossen ist, noch nicht die nötige Zeit gehabt, diese Frage gründlich zu studieren. Aber ich bin sicher, daß, wenn diese Frage auf die Tagesordnung gesetzt wird, ihre Lösung zum Wöhle beider interessierter Teile, der Juden und der Araber, erfolgen wird. Wir erkennen zu gut die wertvolle Hilfe, welche das Kapital, die Arbeitskraft und die Intelligenz der Juden uns für die schnelle Entwicklung unserer Provinzen zuführen würden, als daß wir den Fehler begehen sollten, sie zurückzustoßen. Es wird vielleicht notwendig sein, die jüdische, wie überhaupt jede Einwanderung, zu regeln, wie dies in allen zivilisierten Staaten der Fall ist. Aber es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen einer vernünftigen und gerechten Regelung und Ausnahmemaßregeln, wie sie unter dem alten Regime eingeführt und unter dem neuen Regime aufrechterhalten wurden.“ Diese Aeußerungen eines der bedeutendsten arabischen Führer beanspruchen mehr als ein vorübergehendes Interesse. Sie sind nicht das Resultat eines gelegentlichen Einfalles oder einer liebenswürdigen Unterhaltung, sondern sie beruhen auf einer ernsthaften Diskussion und haben, wie oben ersichtlich, sogar bereits zu einem Beschluß des Komitees in Kairo geführt. Die maßgebenden arabischen Kreise müssen nun zeigen, daß sie ernstlich gewillt sind, an dem Gedanken eines ottomanischen Reiches festzuhalten, in dessen Rahmen alle Nationen Gleichberechtigung genießen und die Möglichkeit gesunder nationaler Entwicklung finden. Die erwähnten Aeußerungen Refik Beys sind in diesem Sinne gehalten und lassen auch erkennen, daß er die Bedeutung der jüdischen Nation für die künftige Entwicklung der Türkei zu schätzen weiß. Die europäische (-Öffentlichkeit würde in einer solchen Haltung der Araber gegenüber den Juden den Beweis sehen, daß die Araber, deren Intelligenz und Tatkraft sich in Syrien bereits gezeigt hat, ein entwicklungsfähiges, modernem Denken zugängliches Element sind, das mit reifem Urteil an die Lösung der politischen und wirtschaftlichen Fragen der vorwiegend arabischen Gebietsteile herantritt. Die Vorgänge an der Wiener Universität (Eine Massenversammlung der jüdischen Studenten. — Ghettostimmen.) (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Dienstag, den 27. Mai tagte im Hotel Continental eine jüdische Studentenversammlung, die von mehr als 1000 Studenten und Studentinnen besucht war. Es wurde die Schaffung einer großen, zentralisierten jüdischen Studentenorganisation beschlossen, die am 11. Juni ihre konstituierende Sitzung abhalten wird. Scharfe Worte fielen gegen die jüdischen Hochschulprofessoren. An alle jüdischen Hochschullehrer „ohne Unterschied der Konfession“ wurde ein gleichlautendes Schreiben abgesendet, in welchem sie aufgefordert werden, Farbe zu bekennen und zum Waidhof euer Beschluß sowie zu den Forderungen der zionistischen Studentenschaft endlich Stellung zu nehmen. Oberingenieur Stricker beleuchtete das Verhalten der assimilatorischen Juden, welche sich als „Gratulanten“ einstellen, wenn die jüdischnationalen Studenten blutige Köpfe haben, sonst aber niemals um die jüdische Jugend kümmern. Die Majorität der Kultusvorstände und die jüdischen Abgeordneten Ofner und Kuranda stünden abseits. Die jüdische Studentenschaft habe es ihrem zionistischen Geiste zu danken, daß sie jetzt achtunggebietend dastehe. Sie möge nunmehr mit verdoppelten Eifer zum Wiener Zionistenkongreß

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