Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 23 727 DIESqEELT der Gedankengang, den zuerst unser Freund Jabotinsky in der russischen Presse vertreten hat, der aber bei den jüdischen Progressisten böses Blut machte. Nachdem jetzt Miljukow in der Duma, ebenso Fürst Dolgorukow auf dem Mechelin- Bankett, deutlich zu verstehen gaben, daß die unterdrückten Völker Rußlands nur solange auf die Unterstützung der fortschrittlichen Kreise des russischen Volkes rechnen dürfen, als sie selbst nicht zu Unterdrückern werden, werden sich wohl auch unsere Fortschrittseiferer etwas beruhigen. Erschwerung des Universitätsstudiums der Juden in Rußland Petersburg. Während die ausländischen, namentlich deutschen Universitäten den jüdischen Studierenden aus Rußland ihre Tore immer mehr verschließen, sind soeben in Rußland selbst für die Aufnahme der Juden an den Universitäten neue, viel s t r eh ge re Bestimmungen erlassen worden. Danach werden Juden, wenn ihre Zahl die vorgeschriebenen 3—5 o/o der Gesamtzahl Studierender übersteigt, nicht auf Grund ihrer Gymnasialzensuren wie bisher aufgenommen, sondern die Aufzunehmenden werden durch das Los bestimmt, so daß die Qualifikation des Bewerbers nicht mehr entscheidend ist. Ueberdies dürfen von den Universitäten nur Abiturienten der innerhalb bestimmter Bezirke befindlichen Gymnasien aufge nommen werden. Gesuche anderer Juden finden keine Berücksichtigung. Folgen der Boykotthetze in Russisch-Polen Warschau. Der barbarische wirtschaftliche Vernichtungskampf, den die bürgerlichen Parteien Russisch-Polens seit einigen Monaten gegen die dortige jüdische Bevölkerung führen, zeitigt überaus häßliche und widerwärtige Begleiterscheinungen, die auf die Gesittung und Menschlichkeit des Polentums in Stadt und Land ein recht eigenartiges Licht werfen. In der Ortschaft P o n t n e w bei W e 1 u n , im Gouvernement Kalisch, haben vorige Woche die gegen die Juden aufgehetzten Bauern das Haus der einzigen dort wohnhaften jüdischen Familie nachts in Brand gesteckt, nachdem vorher die Türen und Fenster vernagelt worden waren. Acht Bewohner des Hauses kamen in den Flammen um; nur ein kleines Kind, das von seiner Mutter durch ein Fenster in den Garten geworfen wurde, entkam dem Flammentode. Es ist festgestellt worden, daß von den Dorfbewohnern niemand die verzweifelt um Hilfe rufende Familie retten wollte! Wie ferner aus W e 1 u n berichtet wird, erhielten in den letzten Tagen zahlreiche jüdische Dorfbewohner der dortigen Gegend anonyme gedruckte Drohbriefe, in denen sie aufgefordert wenden, die Dörfer zu verlassen; sonst würde ihnen das gleiche Schicksal bereitet werden, wie der jüdischen Familie in Pontnew! Die Alliance lsra€lite Universelle in Palästina (Von unserem Berichterstatter.) Paris. Seit vielen Jahren wird von zionistischer Seite Klage darüber geführt, daß die A. I. U. von der heute in der ganzen . Judenschaft herrschenden Palästinaströmung fast unberührt ge- blieben ist. Sie unterhält wohl in dem Lande eine ganze Reihe von Schulen, die aber: alle vor dem Neuerwachen des PalästinagedLahkens gegründet sind und in die der neue Geist noch nicht hat eindringen können. Der Kampf um die Sprachen- - frage ist hinlänglich bekannt, und noch in den letzten Berichten der „Welt" aus Palästina konstatierten wir, daß die Alliance-Lehrer allein sich von dem modernen Leben und dem Ringen um eine Erneuerung des Landes, das den hebr. Lehrerverband zum Vorkämpfer hat, fernhalten. Das Verhalten der Leiter der A. I. U. ist um so weniger verständlich, als die Gründer der palästinensischen Schulen wirklich ein großes Ziel im Auge hatten und, man muß es zugeben, den richtigen Weg vorgezeichnet hatten. Was ist aber aus ihren Schöpfungen geworden? Hat die Handwerkerschule in Jerusalem, die seit Jahrzehnten existiert und über 103 Zöglinge zählt, viel zur Konsolidierung der jüdischen Bevölkerung und zur Hebung des sozialen Niveaus derselben beigetragen? Und erst die Ackerbauschule „Mikweh Israel" („Hoffnung Israels"), die vielverheißende Gründung Ch. Netters! Inmitten des allgemeinen Aufschwunges der jüdischen Kolonien ringsum, während im ganzen Lande neue Dörfer entstanden, verringerte sich die Schülerzahl in Mikweh von Jahr zu Jahr, die Bestellung des Landes konnte nicht mehr vollständig geschehen, die Absolventen mußten im Ausland untergebracht werden, und in der letzten Zeit wurde gemunkelt, daß die Leitung der Alliance in Mikweh nur noch eiine unangenehme Belastung erblicke, deren sie sich gern entledigen wollte, wenn nicht ein gewisses Schamgefühl sie daran gehindert hätte. Um so erfreulicher ist die Wendung zu begrüßen, die soeben von der Leitung der Alliance selbst angekündigt wird. Palästina wird fortab eine besondere Stellung im Tätigkeitsgebiet der Alliance einnehmen. So wenigstens verkündete Herr J. Bigart, der Sekretär der A. I. U., in einer öffentlichen Versammlung in der Jüdischen Volksuniversität, in der er vor einem zum größten Teil aus Zionisten bestehenden Publikum über „D ie Tätigkeit der Alliance in der Türkei" referierte. Herr Bigart erklärte, sein Vortrag bezwecke, „die Vorurteile und Irrtümer, die unter manchen seiner Zuhörer infolge gewisser Angriffe und durch die Lektüre gewisser Zeitungen Platz gegriffen haben könnten, zu zerstreuen". Im Laufe seiner Ausführungen sagte er u. a. folgendes: „Es mag viele unter ihnen überraschen, wenn ich für die kolonisatorischen Unternehmungen in Palästina, die heute so viel von sich reden machen, für die Alliance die Priorität beanspruche. Aber tatsächlich war es die Alliance, welche um 1870, zu einer Zeit, wo niemand an Palästina dachte, außer einigen Schwärmern wie Pinsker, den ersten Schritt auf dem Wege der Besiedlung des Landes durch Juden tat, und der Name ,M i k - weh Israel“, den sie ihrer Musterschule beilegte, zeugt von den Hoffnungen, die sie an die Gründung knüpft e." Herr Bigart erklärte ferner, daß gewisse Umstände leider die Alliance daran gehindert haben, dem Werke in Palästina die Sorgfalt und die Mittel zuzuwenden, die ursprünglich dafür gedacht waren, so daß die Entwicklung viel zu langsam vor sich ging. Dies solle jetzt aber anders werden. Das Komitee haben beschlossen, mit größter Energie an die Ausgestaltung des begonnenen Werkes heranzugehen. Die erste Aufgabe sei die Fürsorge für die schulentlassene Jugend. Die Umstimmung der führenden Kreise der Alliance zugunsten Palästinas dürfte wohl einer der schönsten Erfolge unserer Propaganda sein, durch die der Palästinagedanke in den weitesten Kreisen Wurzel geschlagen hat, und wenn den Worten auch Taten folgen, so werden wir die ersten sein, die dies freudig anerkennen. Anerkennung der jüdischen Nationalität in Tanger Französischen Blättermeldungen zufolge haben sich die Regierungen Englands, Frankreichs und Spaniens darüber geeinigt, für die Wahl der Munizipalität des neu zu gründenden Staatswesens in Tanger drei Kurien zu schaffen, eine für die Marokkaner, eine für die Europäer und deren Schützlinge, und die dritte für die Juden. Ferner wird der Alliance berichtet, daß die Einrichtung jüdischer Medschliß nach dem Muster desjenigen von Fez,